„Unbefugtes Betreten ist verboten! Vorsicht Schusswaffengebrauch!“: Das Institut für Pharmakologie und Toxikologie liegt in München in einem militärischen Sicherheitsbereich. Mehr als 40 Experten arbeiten in dem Labor, das weltweit zu den führenden Institutionen für die Analyse chemischer Kampfstoffe und zu 17 zertifizierten Laboren der Organisation für das Verbot chemischer Waffen (OPCW) zählt.

Wie ein Lauffeuer war in der vergangenen Woche die Nachricht um die Welt gegangen, dass dort im Fall des vergifteten Kremlkritikers Alexej Nawalny der zweifelsfreie Nachweis eines chemischen Nervenkampfstoffes aus der Nowitschok-Gruppe erbracht wurde.

Desinformation boomt

Seit der Erklärung kursiert gezielte Desinformation und der Zweifel am Untersuchungsergebnis. Der Geheimdienst von Belarus – schon vor der schweren Wahlkrise nicht als neutrale Informationsquelle zu betrachten – will gar ein Telefonat zwischen Berlin und Warschau mit Abmachungen einer Inszenierung „mitgeschnitten“ haben.

Trotzdem gilt es laut Experten als unwahrscheinlich, dass die Bundesregierung den Nachweisweg – teils geheimes Handwerkszeug der Bundeswehrwissenschaftler – mit der russischen Seite teilen könnte. Zu viel der eigenen Fähigkeiten müsste man preisgeben. Dass man sich in der Bundesregierung aber so sicher ist, liegt an der Expertise der militärischen Experten. Für den Nachweis wurden Blut und Urin Nawalnys analysiert, aber auch Materialproben aus der Kleidung genommen. Die Forscher stützen sich auch auf Referenzproben, die Deutschland in den 90er Jahren nach Art eines Spionage-Dramas – es war die Zeit der zerfallenden Sowjetunion – in die Hände gefallen sind. Ein russischer Wissenschaftler war nach früheren Berichten mit dem Stoff übergelaufen.

Russischer Ärger

Auf den Fall und die sehr genauen Erkenntnisse wies am Montag der CDU-Innenpolitiker Patrick Sensburg hin. „Die westlichen Dienste haben natürlich Nowitschok-Proben, um die unterschiedlichen Formen aus dieser Gruppe nachweisen zu können“, sagte Sensburg am Rande einer Sitzung des für die Geheimdienste zuständigen Parlamentarischen Kontrollgremiums. Diese Proben habe man sich durch „nachrichtendienstliche Erkenntnisse“ beschaffen können, sagte er im Interview der „Welt“. „Das hat die Russen sehr geärgert.“

Im Fall Nawalny liegt der Ball für die Bundesregierung nun klar in Russland, wo der Oppositionelle am 20. August in Sibirien plötzlich erkrankt und dort im Krankenhaus mit dem Verdacht auf eine Vergiftung behandelt worden sei. Sicher wurde ihm auch dort Blut abgenommen. „Alle Beweismittel, Zeugen, Spuren etc. befinden sich natürlich an dem Ort, an dem die Tat begangen wurde, also vermutlich irgendwo in Sibirien“, sagte ein Sprecher des Auswärtigen Amtes. Vorhaltungen an Deutschland, die Bearbeitung dieser Untersuchung zu verzögern, trügen schon deshalb nicht, weil Russland auch ohne deutsche Hilfe diese Untersuchung durchführen könne. Der Sprecher: „Aufgrund der vor Ort erfolgten zweitägigen medizinischen Behandlung nach der Tat ist auch davon auszugehen, dass sich alles, was notwendig ist, um dem nachzugehen, in Russland unter dem Zugriff der russischen Behörden befindet.“

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