Der Protest kommt aus dem Südwesten: Der aus dem Raum Stuttgart stammende IT-Unternehmer Michael Ballweg hat am Samstag in Berlin mehr als 20 000 Menschen aus Protest gegen die Corona-Einschränkungen auf die Straße gebracht. Martin Poguntke, einer der drei Sprecher des Aktionsbündnisses gegen das Bahnprojekt „Stuttgart 21“, sieht in der neuen Protestbewegung eine „unüberschaubare Vielfalt der Motive“. Noch gebe es dazu keine belastbaren Untersuchungen. Doch dass der Kern des Protests aus dem Südwesten kommt, wundert den Pfarrer im Ruhestand nicht.

Poguntke geht davon aus, dass auch ein Teil von „Stuttgart 21“-Gegnern unter den Demonstranten ist. Das seien Menschen, die das Gefühl hätten, es generell mit einer „potenziell verlogenen“ Politik zu tun zu haben. Gerade weil der „Stuttgart 21“-Protest „immer mit fakten- und vernunftbezogenen Analysen“ arbeitete, und nicht mit Verschwörungstheorien, bemerkten Aktivisten immer wieder: „Politik und Bahn belügen uns.“

Die Mehrheit der aktuellen Demonstranten sei offenbar zwischen 30 und 49 Jahre alt, sagt der Theologe. Und bei dieser Gruppe vermutet Poguntke, dass sie vor allem um ihren gewohnten Lebensstil ringen: „Was einschränkt, ist illegitim – ein persönlicher Angriff.“

Dieses Kerngefühl, in der freien Lebensgestaltung behindert zu werden, vereine derzeit Menschen mit unterschiedlichem Weltbild. Da seien die Vielen im Südwesten, die sich um ihren Wohlstand sorgten, da seien Esoteriker, Ideologen, Impfgegner – die oft aus dem im Südwesten starken anthroposophischen Bereich kämen – und Liberale. Auch Liberalismus habe im Südwesten eine starke Tradition. „Möglicherweise schwingt da auch unbewusst ein altes, widerständiges Denken mit, das im Altpietismus seine Wurzeln hat“, sagt er. Vorgaben der Obrigkeit würden da nicht einfach übernommen.

Das hat auch der Religionswissenschaftler Michael Blume thematisiert: „Wir haben hier eine starke, pietistische Tradition, die das ,Selberdenken’ auf Gefühlsbasis gegenüber ,Obrigkeit’ religiös aufwertete. Wo das aber säkularisiert wird, entsteht häufiger Resonanz zu Expertenkritik und Verschwörungsmythen.“

Poguntke sieht auch rechtes Gedankengut in der neuen Protestbewegung. „Das ist weniger inhaltlich ausgerichtet, sondern versucht die Situation zu nutzen, um destabilisierend auf die Gesellschaft zu wirken“, gibt er zu bedenken.

Günter Bressau vom Demokratiezentrum der Jugendstiftung Baden-Württemberg bestätigt: Gemeinsames Element sei „eine unbestimmte Abneigung gegen bestehende Strukturen, gepaart mit Misstrauen“. Bressau sagt, die Bewegung um die sogenannten „Hygiene-Demos“ sei noch nicht gefestigt. „Selbstständig denken, die eigene Freiheit nutzen und sie nicht aufgeben“, rät der Experte. Dazu gehöre auch, nicht in der sich selbst verstärkenden Welt von Youtube steckenzubleiben.

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