Lange hatten sich die polnischen Kommunisten Zeit gelassen, um einen – in ihren Augen – geeigneten Kandidaten für den Bischofsstuhl von Krakau auszuwählen. Leicht zu händeln sollte er sein, nicht zu „politisch“. Den jungen Weihbischof Karol Wojtyla, geboren am 18. Mai 1920, hielten sie Anfang der 60er Jahre für einen intellektuellen Schöngeist, der keinen Ärger macht. Ein Urteil, das sie übrigens zunächst mit dem damaligen Primas Stefan Wyszynski (1901-1981) teilten; der hielt ihn, etwas ratlos, für „einen Dichter“. Es war eine der größeren Fehleinschätzungen der jüngeren Geschichte.

Strategie Beharrlichkeit

Karol Wojtyla, der 1964 Krakauer Erzbischof und 1967 von Papst Paul VI. zum Kardinal ernannt wurde, war sehr wohl Politiker – aber keiner, der politische Spielchen spielen wollte. Ränke zwischen Apparatschiks und Machtgeschacher im Politbüro langweilten ihn – da er das ganze kommunistische System für vom Menschenbild her verfehlt und ohnehin für nicht dauerhaft lebensfähig hielt. Seine Strategie war nicht offene Konfrontation, sondern Wahrhaftigkeit und Beharrlichkeit. Als Papst Johannes Paul II. (1978-2005) trug er später maßgeblich zum Sturz des Kommunismus bei.

Wojtyla war keineswegs der Wunschkandidat von Primas Wyszynski, der, obgleich ein diplomatischer Fuchs, seine starken Wurzeln in der traditionellen ländlichen Frömmigkeit hatte und nicht in der städtischen Intelligentsia. Doch der junge Bischof zeigte sich ihm gegenüber äußerst loyal; sehr zum Ärger der Kommunisten, die gehofft hatten, durch die Unterschiedlichkeit der beiden einen Keil zwischen sie treiben zu können. Schauspieler und Schriftsteller, konnte Wojtyla einerseits die Jugend begeistern – und auch jene rationalistischen, halblinken Intellektuellen an die Kirche als oppositionelle Kraft binden, denen der Primas von Haus aus misstraute.

Wie sehr Karol Wojtyla tatsächlich mit den Waffen des Intellektuellen kämpfte, mit Zuhören, Diskutieren und Ausloten, belegt das Protokoll eines Beamten der Religionsbehörde aus den 60er Jahren: „Seit Beginn unserer Unterredung machte er es sich auf seinem Sessel bequem, stützte das Kinn auf seinen Daumen. Seine Bewegungen sollten ruhig wirken, ganz gelassen. Er war sehr direkt. Die ganze Zeit über lächelte er freundlich. Und er hatte eine Freiheit in dem, wie er seine Gedanken formulierte. Er ließ sich Zeit mit seinen Antworten, die dann ganz klar und nüchtern waren.“

Klare Antworten

Das Verhalten des jungen Weihbischofs in Nowa Huta hätte die Behörden eigentlich stutzig machen müssen. Dieser Musterwohnkomplex für Stahlarbeiter hatte keinerlei Kirche – und auch alles andere an der Plattenhochhausarchitektur war darauf ausgelegt, keine Sozialkontakte zwischen den Arbeitern zu begünstigen. Auf einem Feld feierte Wojtyla dort alljährlich seit 1959 die Christmette. Ein Holzkreuz, das dort errichtet wurde, verteidigten die Arbeiter hartnäckig gegen die Staatsgewalt.

Die Formulierung der Religionsfreiheit durch das Zweite Vatikanische Konzil (1962-1965) gab Karol Wojtyla ein ähnliches Dynamit in die Hand wie später die Schlussakte von Helsinki 1975. Religionsfreiheit als positives Menschenrecht, das man einfordern kann: Das war ein anderes Verständnis, als es das durch die 68er-Bewegung verschreckte Kirchenmilieu im Westen hatte. Dort schien Religionsfreiheit vor allem ein Einfallstor für religiöse Gleichgültigkeit zu sein.

Ins 21. Jahrhundert

Im Mai 1977, als der lange Kampf gewonnen und Wojtyla die Marienkirche von Nowa Huta der „Königin von Polen“ weihte, predigte er: „Dies ist keine Stadt von Menschen, die niemandem gehören; mit denen man machen kann, was man will (...). Dies ist eine Stadt der Kinder Gottes.“ Religionsfreiheit als Menschenrecht.

Am Ende seines Lebens hatte Primas Wyszynski (1901-1981) seinen Frieden mit Karol Wojtyla gemacht – von ihm stammt das vielzitierte Wort, dieser werde „die Kirche ins 21. Jahrhundert führen“. Das hat der Dichter und Schauspieler auf dem Papstthron wahr gemacht – und mit seinem polnischen Sturkopf den Untergang des Kommunismus tatkräftig befördert. Mit seiner ersten Polen-Reise im Juni 1979 stieß Johannes Paul II. jene Entwicklung an, die ein Jahr später zur Gründung der Gewerkschaftsbewegung „Solidarnosc“ führte.

Der Anfang in Danzig und Warschau wurde zum Fanal auch im übrigen Ostblock. Wojtyla selbst meinte in der Rückschau, der Baum sei bereits von innen verfault gewesen: „Ich habe nur noch ordentlich gerüttelt, und die faulen Äpfel sind zu Boden gefallen.“

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