Horumersiel Manchmal, wenn die Wolken schwer am Himmel über Horumersiel hängen, dann wird es zum Wolkenkratzer – fast jedenfalls. Als Wolkenkratzer werden Hochhäuser in der Regel ab 150 Metern Höhe bezeichnet. Das Horumersieler Hochhaus fällt da mit seinen rund 33 Metern Höhe bei 12 Stockwerken etwas ab – dennoch ist es das höchste Haus weit und breit.

Der 3. September ist der Tag des Wolkenkratzers – Skyscraper Day. Das Datum geht vermutlich auf den Geburtstag des US-amerikanischen Architekten Louis Sullivan am 3. September 1856 zurück. Er gilt als einer der Väter des Hochhauses. Als Wolkenkratzer bezeichnet man besonders hohe Hochhäuser, üblicherweise ab 150 Metern Höhe.

Die Maximalhöhe von Wolkenkratzern beträgt aus technischer Sicht etwa 1500 bis 2000 Meter – höhere Bauwerke wären zwar konstruierbar, aber kaum noch als Gebäude nutzbar, da der Wolkenkratzer fast nur noch seine eigene Konstruktion tragen könnte

Es war Mitte der 1960er Jahre, als der Bauboom Horumersiel erfasste: „Aus dem einstigen romantischen Sielort mit seinen verträumten Gassen und kleinen Hafenkneipen ist ein moderner, aufgeschlossener Badeort mit eigenem Gepräge geworden.“ So schrieb die NWZ Anfang 1972, als die Bautätigkeit fast abgeschlossen war.

„Neuer Baustil“

Motor war die „Niedersächsische Heimstätte Hannover“, die spätere Nileg, die in Horumersiel baute. Im damaligen Baugebiet Horumersiel-Süd „kam mit der mehrgeschossigen Bauweise auch ein neuer Baustil nach Horumersiel. Noch heute sind diese Hochhäuser der Kritik ausgesetzt.

Die Gemeinde ließ es jedoch bisher bei nur drei Hochhäusern und einem Hotelbau, mit dessen Baubeginn in Kürze zu rechnen ist, bewenden. Diese Bauten geben dem Ort schon von weitem ein neues Gepräge.

Über Geschmack läßt sich bekanntlich immer streiten. Hier wurde wenigstens in kleinem Rahmen der Versuch unternommen, nicht durch zahlreiche Ferienhäuser eine Zersiedelung der Landschaft heraufzubeschwören, sondern in einigen wenigen Hochhäusern den Ansprüchen ganz bestimmter Bevölkerungsschichten zu entsprechen“, schrieb der Jeverland-Bote 1972.

Und 1975 war zu lesen: „Die Hochhäuser im Bebauungsgebiet Horumersiel-Süd sind inzwischen fertiggestellt und geben dem Ort auch einen etwas anderen Charakter. Trotzdem kann von einem „Betonort“ nicht gesprochen werden, denn mit diesen wenigen Hochhäusern werden nur ganz bestimmte Akzente gesetzt. Schließlich muß im Bereich der Kurverwaltung Horumersiel-Schillig auch der Wunsch nach Appartementwohnungen befriedigt werden.“

Niedriger als erlaubt

Mit seinen 12 Vollgeschossen blieb das Hochhaus unter dem erlaubten Maß: 16 Vollgeschosse waren im Bebauungsplan Horumersiel-Süd damals möglich. Und 16 Vollgeschosse sollte auch das „Großhotel Triton“ haben, das ebenfalls die Niedersächsische Heimstätte geplant hatte: „Dieser repräsentative Neubau soll eine interessante Kombination von individuellen Ferienwohnungen und Hotelatmosphäre sein. Es ist vorgesehen, von einer Betriebsgesellschaft einen Restaurationsbetrieb mit Dach-Café und einer Bar im Keller betreiben zu lassen. Ferner gehört zu den Einrichtungen ein eigenes Schwimmbad, eine Sauna sowie Trimm-Dich-Möglichkeiten. Der Grundriß des Neubaues ist einem Dreizack nachempfunden.

Auch für die einheimische Bevölkerung dürfte dieser Neubau attraktiv werden: Vom Dach-Café aus, rund 50 Meterhoch über der See, ist ein idealer Rundblick zu den Inseln wie auch zur Wesermündung möglich. Auch wird sicherlich das im ersten Obergeschoß geplante Speiserestaurant seine Wirkung nicht verfehlen.“

Gebaut wurde der „Triton“ indes nicht. Die Firma konnte die Finanzierung nicht stemmen. Geblieben ist vom „Triton“ ein Toilettenhäuschen aus Wellblech – heute Geräteschuppen von Wieland Rosenboom. „Die Firma hat damals das Toilettenhaus aufgestellt und ein Bauschild“, erinnert sich Rosenboom, wandelndes Geschichtsbuch des Wangerlands. „Jahrelang stand das Bauschild, doch das Gras wuchs lang. Dann wurde das Schild abgebaut – und vorbei war es mit dem Hotel.“ Sein Vater baute sich dann das Wellblechhäuschen ab. . .

Überhaupt war die Umgestaltung Horumersiels damals auf einige Widerstände bei der Dorfbevölkerung gestoßen. „Wobei es damals andere Zeiten waren: Da wurden solche Pläne gar nicht publik gemacht. Das wurde im Rathaus beschlossen und dann ging es los. Die Horumersieler wussten erst bei Baubeginn, was da geschieht“, sagt Rosenboom.

Bauern verkauften nicht

Seine Eltern hatten 1968 das Haus Pommernweg 3 gekauft – das steht direkt hinter einem Hochhaus. Wieland Rosenboom ist mit den drei Hochhäusern aufgewachsen. „Als 1969/70 das erste Hochhaus gebaut wurde, wurden Fundamente gerammt – bei uns sind die Tassen aus dem Schrank gefallen.“ Und beim Nachbarn riss mit einem Riesenknall die Betondecke. „Mehrere Häuser bekamen damals Risse – für manche Eigentümer gab es eine Entschädigung“, erinnert er sich an Erzählungen seiner Eltern.

Dass so verdichtet in die Höhe gebaut wurde, hatte den Grund, dass nur wenig Fläche da war: „Wir hatten damals in Horumersiel vier Bauernhöfe – und den Tourismus. Doch die Bauern waren nicht bereit, Land zu verkaufen.“ Allerdings hatte die Landwirtsfamilie Müller bereits 1956 ihren Hof verkauft, sie hatten keinen Nachfolger. „Und auf diesem Land stehen die Hochhäuser“, weiß Rosenboom. Eine Bremer Investorenfamilie soll das Land damals für 20 Mark pro Quadratmeter gekauft haben. Entstanden sind drei „höhere Häuser“ und das Hochhaus.

„Hintergrund war: die Gemeinde Minsen brauchte Geld – sie hatte den großen Campingplatz, aber keine Kanalisation und Kläranlage. Und das war Voraussetzung für die weitere Entwicklung“, sagt Rosenboom. Das Baugebiet spülte Geld in den Gemeindesäckel – 1970/71 war auch das Kanalnetz gebaut. „Und alle Horumersieler mussten anschließen und ihre Hauskläranlagen aufgeben. Das war für viele eine hohe finanzielle Belastung.“

„Voraussetzung für die Anerkennung von Horumersiel-Schillig als Heilbad sind eine geordnete Wasserversorgung und Abwasserbeseitigung“ – das hatte damals Gemeindedirektor Friedrich Geyer betont. Heilbad wurde Horumersiel allerdings erst 1985. Doch Geyer hatte zusammen mit Bürgermeister Rudolf Garlichs den Weg bereitet: Das Haus des Gastes, das Kurmittelhaus, das Meerwasser-Freibad – alles haben sie angeschoben und vollendet.

„Betonneurose“

Doch die Horumersieler mochten sich lange nicht mit der Veränderung des Ortsbilds abfinden. Von „Betonneurose“ sprach Vater Rosenboom meist. Und noch heute finden ganz alte Horumersieler: „Die Hochhäuser waren das schlimmste, was dem Ort passieren konnte.“

Wegen der Horumersieler Hochhäuser schaffte die Kreis-Feuerwehr Friesland damals ihre erste Drehleiter an, die zentral in der FTZ in Jever stationiert war. Und geübt wurde damit natürlich ebenfalls. Die Minser Wehr pochte außerdem auf die Anschaffung von Funkgeräten. So heißt es im April 1977: „Die drei Horumersieler Hochhäuser wurden von den Wehrangehörigen im Rahmen einer Einsatzübung überprüft. Hier habe sich herausgestellt, dass eine hundertprozentige Bekämpfung eines entstehenden Feuers ohne den Einsatz eines Handfunksprechgerätes nicht möglich sei.

Obwohl man bereits im Vorjahr einen entsprechenden Antrag auf Anschaffung eines Gerätes bei der zuständigen Gemeinde Wangerland gestellt habe, sei man in dieser Angelegenheit noch nicht weiter gekommen, da der Rat dieser Anschaffung nicht zugestimmt habe. Man beschloß, umgehend bei der Gemeinde einen erneuten Antrag zu stellen und gleichzeitig darauf hinzuweisen, dass ohne Einsatz eines Handfunksprechgerätes eine Verständigung zwischen den Obergeschossen und dem am Boden stehenden Feuerwehreinsatzwagen nicht möglich sei.“

Heute wäre es übrigens mit den neuen Hochhäusern in Schillig aus Sicht der Freiwilligen Feuerwehr Wangerland durchaus sinnvoll, eine Drehleiter zentral in Hohenkirchen zu stationieren.

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Melanie Hanz Agentur Hanz / Redaktion Jever
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