Bad Zwischenahn Vorsichtig führt Phylicia Ratajczak die Säge durch das Holz. Ihr Gesicht, umrahmt vom Gehörschutz, verrät volle Konzentration. Die 29-Jährige hat „ein Faible für Holzarbeiten“. Ein Jahr lang war sie auf der Berufsfachschule Holztechnik in Rostrup und davor in einer Holzwerkstatt, nur beruflich Fuß zu fassen, das ist ihr nicht gelungen. Im Sozialen Wirtschaftsbetrieb der Ländlichen Erwachsenenbildung (LEB) in Neuenkruge bekommt sie eine neue Chance.

Die LEB hat dort eine Halle gemietet, gut 200 Quadratmeter groß. Im September hat das Projekt seine Arbeit aufgenommen, Phylicia Ratajczak gehört zu den ersten Mitarbeitern. Sie war dabei, als der alte Zirkuswagen aus den 1920ern, der in der Mitte der Halle steht, in seine Einzelteile zerlegt wurde. Ratajczak hat notiert, „was weg muss und was wiederverwertbar ist“. Der Wagen mit dem geschwungenen Dach und der Seitenverkleidung aus Mahagoni wird von Grund auf erneuert.

Idee zieht Kreise

Kerngeschäft ist der Bau von Tiny Houses. Die Mini-Häuser liegen voll im Trend. Ein Prototyp steht vor der Halle. Projektleiter Florian Schick (48) hat ihn gebaut. Im Sommer stand das gute Stück bereits vier Wochen im Innenhof des Oldenburger Schlosses und genoss am Rande der Bauhaus-Ausstellung große Aufmerksamkeit.

Das Besondere an diesem Tiny House: Schick hat beim Bau viele Materialien wiederverwendet, das sogenannte Upcycling. Zum Beispiel die Fensterscheiben – gebraucht, „Isolierverglasung mit Sonnenschutz“. Der Oberschrank in der Küche – alte Pfosten aus Ammerländer Weidezäunen. Die Handkurbel zum Herunterlassen des Bettes – im Internet ergattert. Das Waschbecken – ebenso. Das Plexiglas hinter dem Waschbecken – aus dem Container gezogen.

Tiny Houses

Informationen rund um die kleinen Häuser finden sich unter www.tiny-houses.de. Der Soziale Wirtschaftsbetrieb der LEB befindet sich am Neuenkruger Damm 2 in Bad Zwischenahn, Telefon 04403/939 26 73. Infos zum Projekt erteilt Gabriele Vogel-Wellmann, Telefon 04403/984 7825.  

Weitere rojekte der LEB unter www.werkstatt.leb-niedersachsen.de

Auch Gabriele Vogel-Wellmann liebäugelt seit Jahren mit Tiny Houses, allerdings aus einem ganz anderen Grund. Der Bau der kleinen Häuser ist geradezu ideal, um alle möglichen Fertigkeiten zu erlernen, von der Planung bis hin zur Photovoltaik auf dem Dach, so die Regionalleiterin der LEB Weser-Ems/Nord. Tischlern, malern, klempnern, gerade die Palette der handwerklichen Aufgaben ist groß.

Wir bauen Tiny Houses in einem Sozialen Wirtschaftsbetrieb – mit dieser Idee wandte sich Vogel-Wellmann an das Jobcenter im Landkreis Ammerland. Günter Siebels, der Geschäftsführer, hatte zwar bis dato noch nicht von Tiny Houses gehört, konnte dieser Idee aber sofort etwas abgewinnen. Zumal die Politiker in Berlin gerade entschieden hatten, auch jenen „eine Perspektive auf Teilhabe am Arbeitsmarkt zu schaffen“, die es dort aus gesundheitlichen oder anderen Gründen deutlich schwerer haben, so Siebels.

Seit dem 1. Januar 2019 gibt es einen neuen Paragraf im Sozialgesetzbuch II. Der „16i“, wie er in Fachkreisen meist nur genannt wird, soll auch Menschen, die mindestens fünf Jahre arbeitslos sind, eine Tür zum Arbeitsmarkt öffnen. „Es sind die Menschen, für die wir in der Vergangenheit nicht so viel tun konnten, weil sie eben häufig doch multiple Vermittlungshindernisse hatten“, sagt Ingo Rabe, Sozialdezernent des Landkreises Ammerland. Der „16i“ biete nun „die Möglichkeit, über Jahre auch unter Zahlung ortsüblicher Gehälter eine Integration vorzunehmen und die Menschen so weit zu stabilisieren und auf den allgemeinen Arbeitsmarkt vorzubereiten, dass sie dort verbleiben.“ Dass dafür gleich ein Betrieb gegründet wird, wie durch die LEB, das allerdings ist neu und „auch sehr mutig“, sagt Rabe. Läuft alles wie geplant, dann erhält ein gutes Dutzend Mitarbeiter eine neue Perspektive.

Neue Herausforderung

Für maximal fünf Jahre übernimmt das Jobcenter die Lohnkosten, anfangs voll, später anteilig. Hinzu kommen – als besonderes Element des „16i“ – wöchentliche Coachings. Mitarbeiter des Landkreises besprechen mit den Arbeitnehmern all die Dinge, die anliegen, zum Beispiel eine Schuldenregulierung.

Die Teilnehmer stehen zum Teil vor ganz neuen Herausforderungen, sagt Projektleiter Schick. Sie müssen morgens pünktlich da sein. Und sie müssen vor allem durchhalten. Niemand muss sofort volle Leistung bringen. Aber alle müssen mitmachen.

Schick weiß aber auch: „Irgendwann müssen die Produkte kommen.“ In ein paar Jahren soll das Projekt auf eigenen Beinen stehen. Außer Tiny Houses wollen die Mitarbeiter auch kleine Lauben („A-Frame-Cabin“), mobile Werkstattwagen oder wetterfeste Gartenstühle fertigen, alles aus heimischen Massivhölzern und recycelten Materialien. Drei Anleiter achten auf gute Verarbeitung.

Die Hoffnung ruht vor allem auf den Tiny Houses. Einfache Ausbauvarianten gibt es bereits ab etwa 10 000 Euro, sagt Schick. Wer dagegen ein mobiles Zehn-Meter-Haus hätte, komplett ausgebaut und mit Solarzellen auf dem Dach, der nähert sich dem sechsstelligen Bereich. Gabriele Vogel-Wellmann kann sich auch eine touristische Nutzung gut vorstellen. Erste Gespräche haben bereits stattgefunden. Eine Idee zielt darauf ab, Tiny Houses als Herbergen für Fahrradtouristen zu nutzen. Ein Campingplatz hat ebenfalls Interesse signalisiert. Und auch im Park der Gärten wird ein Tiny House errichtet werden.

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