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Völklingen /Oldenburg Die SHG Klinik im saarländischen Völklingen ist 357 Betten groß und beschäftigt knapp 1300 Mitarbeiter. Das Haus hat ein namhaftes Herzzentrum, regelmäßige Nennungen in der „Focus Klinikliste“ und eine „Vision“, an der es sich nach eigenen Angaben messen lassen will: „die Besten im Südwesten zu sein“.

Zu den Bekanntesten im Südwesten zählt die Klinik seit den jüngsten Schlagzeilen auf jeden Fall, womöglich sogar bundesweit: Der Krankenpfleger Daniel B., 27 Jahre alt, steht in Verdacht, mindestens fünf Patienten getötet zu haben. In zwei weiteren Fällen soll er einen Mordversuch begangen haben.

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Die mutmaßliche Mordserie weist erschreckende Parallelen zu der Mordserie des Pflegers Niels Högel auf, der in Kliniken in Oldenburg und Delmenhorst möglicherweise Hunderte Patienten getötet hat und im Juni 2019 vom Landgericht Oldenburg wegen 85-fachen Mordes zu einer lebenslangen Haftstrafe verurteilt worden ist.

Mehr noch: Vieles deutet darauf hin, dass es sich bei Daniel B. um einen Nachahmungstäter handelt.

Es sind vor allem fünf Punkte, die diesen Verdacht nahelegen:

1. B. arbeitete wie Högel auf einer Intensivstation und soll den Patienten dort ohne ärztliche Anordnung Medikamente gespritzt haben.

2.  B. soll das in der Absicht getan haben, „bei den Patienten einen reanimationspflichtigen Zustand herbeizuführen, um anschließend selbst Reanimationsmaßnahmen durchführen zu können“. Das teilt die Staatsanwaltschaft Saarbrücken auf Nachfrage mit. Auch Högel spritzte die Patienten mit einer Medikamenten-Überdosis in eine lebensbedrohliche Krise, um sich „als Retter in Szene zu setzen, seine Kenntnisse und Fähigkeiten bei der Reanimationen zu zeigen“, wie das Landgericht Oldenburg feststellte.

3. B. soll, wie Högel in Oldenburg und Delmenhorst, Patienten mit dem Herzmedikament Gilurytmal getötet haben, Wirkstoff Ajmalin. Weitere Mittel sollen Flecainid sein, wie Gilurytmal ein sogenannten Antiarrhythmikum, und Midazolam, ein relaxierend wirkendes Betäubungsmittel. Muskelrelaxans soll auch Högel eingesetzt haben, um Patienten im Rettungsdienst in eine Krise zu bringen.

4. B. soll eine Persönlichkeitsstruktur aufweisen, „die stark narzisstisch geprägt ist“. Das stellte das Amtsgericht Saarbrücken 2018 fest, als es B. wegen anderer Vorwürfe (Diebstahls und Betrug) zu drei Jahren Haft verurteilte. Er habe „bereits im Jugendalter Tendenzen entwickelt, um sich vor sich selbst und vor anderen erfolgreicher darzustellen, als es der Realität entspricht“, heißt es weiter in dem Urteil, das der NWZ vorliegt. Auch Högel attestierte ein Gutachter 2019 eine Persönlichkeitsstörung mit „narzisstischen Anteilen“. Er sei von einem „starken Geltungsbedürfnis getrieben“ und betreibe „eine Art Selbstinszenierung“; er neige zudem zur „Verwischung von ärztlicher und pflegerischer Rolle“.

5. B. soll mit seinen Taten nach derzeitigem Ermittlungsstand im März 2015 begonnen haben. Am 26. Februar 2015 hatte das Landgericht Oldenburg das Urteil im zweiten Högel-Prozess verkündet. (Insgesamt stand Högel dreimal vor Gericht und wurde wegen 91 Taten verurteilt.) In jenen Wochen gab es eine bundesweite Berichterstattung über den Fall – und über Högels Vorgehen bei seinen Taten.

Was wissen wir über den Fall Daniel B.?

An einem Samstag im Juni 2016 steht in den frühen Morgenstunden plötzlich ein Mann auf der Intensivstation des Krankenhauses in Saarburg, er trägt eine Notarztjacke und in der Hand einen Defibrillator. Der Mann gibt sich sich als Notarzt der Uniklinik Homburg aus; den Pflegekräften teilt er mit, er müsse bei einem Patienten eine besondere Untersuchung durchführen.

Die Klinik informiert die Polizei.

Die Polizei nimmt den Mann fest, es handelt sich um B., der seit kurzem als Pfleger in Homburg arbeitet und auf seiner Station den Nachtdienst geschwänzt hatte. Es beginnen Ermittlungen wegen Titelmissbrauchs. In der Homburger Klinik erfährt die Polizei, dass dort bereits interne Ermittlungen laufen: B. steht in Verdacht, einer Patientin ein nicht verordnetes Medikament gespritzt zu haben.

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Von Homburg aus führen die Ermittlungen weiter nach Völklingen, wo B. vom 1. März 2015 bis zum 30. April 2016 beschäftigt war. Was genau die Beamten auf die Spur „Mordverdacht“ brachte, teilen die Behörden nicht mit. Nach NWZ-Informationen nahmen die saarländischen Ermittler 2016 Kontakt zu den Kollegen der Soko „Kardio“ in Oldenburg auf, die den Fall Högel aufgearbeitet hat. Jedenfalls ordnet ein saarländisches Gericht sieben Exhumierungen und Obduktionen von toten Patienten an. In sechs Fällen finden die Gerichtsmediziner Rückstände von Medikamenten. In fünf Fällen ergibt sich ein „konkreter“ Mordverdacht, heißt es.

Die SHG-Klinik Völklingen hatte B. im März 2016 fristlos gekündigt. Der Pfleger hatte zuvor die Gemeinschaftskasse der Station 12 aufgebrochen und 860,45 Euro gestohlen. Hauptkündigungsgrund war aber „illoyales Verhalten“, wie die Klinik auf Nachfrage der NWZ mitteilt: B. soll gegenüber einer Patienten-Angehörigen Mitarbeiter des Hauses „allgemein beschuldigt“ haben. Er soll gesagt haben, es gebe in der Klinik „Leute zum Pflegen“ und solche, die Patienten „etwas antun wollen“.

Zeugnis für Ex-Pfleger

Es gibt eine sechste Parallele zum Fall Niels Högel: Die Klinik muss sich möglicherweise schwere Versäumnisse vorwerfen lassen.

Bei der Trennung von B. ging es offenbar auch um B.s Verhalten bei Reanimationen. Auch Nachfrage der NWZ räumt die Klinik ein, dass Kollegen sein Verhalten gegenüber der Stationsleitung als „suspekt“ bezeichnet hätten. B. habe reanimationspflichtige Patienten gemeldet, die bis dahin „stabil“ gewesen seien. Die Kollegen hätten diese Verschlechterung des Gesundheitszustandes als „überraschend“ empfunden.

Die Klinik begann eine interne Untersuchung, prüfte Patientenakten, verglich Todesfall-Statistiken. Die Prüfer kamen zu dem Ergebnis, „keinen konkreten Verdacht gegen den Pfleger formulieren zu können“, wie ein Sprecher des Hauses es ausdrückt.

B. klagte gegen die fristlose Kündigung. Zum 30. April 2016 schloss er mit der Klinik einen gerichtlichen Vergleich. Die Akte dazu ist nach NWZ-Informationen dünn, lediglich ein Hinweis auf ein Arbeitszeugnis findet sich darin. Rechtlich steht jedem Arbeitnehmer ein „qualifiziertes“ Zeugnis zu, das „wohlwollend formuliert“ sein muss. B. bekommt ein Zeugnis mit der Note „befriedigend“.

Der Vergleich zwischen B. und der Klinik beinhaltet die Verpflichtung für B., Stillschweigen zu bewahren. Saarländische Arbeitsrechtler sagten auf Nachfrage der NWZ, dass eine solche Klausel „selten“ vorkomme.

Die SHG-Klinik erfuhr nach eigenen Angaben vom Mordvorwurf erst im August 2019. Bis heute kenne man die Namen der Patienten nicht, die mutmaßlich von B. getötet wurden.

B. sitzt derzeit im Gefängnis. Das Amtsgericht Saarbrücken verurteilte ihn 2018 wegen Diebstahls und Betrugs in 26 Fällen zu drei Jahren Haft. Er hatte edles Motorwerkzeug, teure Uhren und Elek­tro-Fahrräder im Gesamtwert von mehr als 100 000 Euro geklaut, um seinen „luxuriösen Lebensstil“ finanzieren zu können, wie es im Urteil heißt.

Die Polizei prüft unterdessen, ob es auch an anderen Arbeitsorten B.s Hinweise auf mögliche Tötungsdelikte gibt. Nach seiner Ausbildung an der Krankenpflegeschule Völklingen von 2011 bis 2014 war der Pfleger kurzzeitig im St.-Josefs-Hospital Wiesbaden beschäftigt. Nach Auskunft der Staatsanwaltschaft Wiesbaden haben sich bei der polizeilichen Überprüfung keine Verdachtsfälle ergeben. Medienberichte, dass B. auch im Klinikum Frankfurt-Höchst tätig war, kann die Frankfurter Staatsanwaltschaft nicht bestätigen. Das werde zurzeit geprüft, teilte eine Sprecherin auf Nachfrage mit. Bislang gebe es keine konkreten Hinweise auf Tötungsdelikte im Frankfurter Zuständigkeitsbereich.

Die SHG Klinik Völklingen räumt gegenüber der NWZ Fehler ein. „Mit der heutigen Kenntnis“, insbesondere auch über das Verfahren gegen Niels Högel, „würde der Sachverhalt anders beurteilt“, sagt der Sprecher. „Die zum damaligen Zeitpunkt vorliegenden – und aus heutiger Sicht lückenhaften – Informationen wurden hausintern besprochen, mit dem Ergebnis, eine Strafanzeige nicht zu stellen. Aus heutiger Sicht würden wir die Polizei informieren.“

Die Klinik würde heute keine eigene Bewertung mehr vornehmen, so der Sprecher weiter. Sie würde das den Profis überlassen: der Polizei.


Der Fall Högel:   www.nwzonline.de/krankenpfleger-prozess 
Karsten Krogmann Redakteur / Reportage-Redaktion
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