Niens Das Video, in dem Paul sich von der Kuhputzmaschine kraulen lässt, ist um die Welt gegangen. Über 600.000 Mal ist es bei YouTube geklickt worden. Einmal hat sogar die BBC angefragt, ob sie den 56 Sekunden langen Clip sende dürfe.

Karin Mück denkt oft und voller Zuneigung an Paul zurück. Paul war drei Monate alt, als er auf den Hof Butenland kam. Eine Tierärztin hatte ihn in letzter Minute vor dem Schlachthof bewahrt und nach Niens vermittelt. Ein langes Leben sollte Paul nicht beschieden sein. Der Ochse litt an dem, was man bei Menschen Glasknochen nennen würde. Paul starb mit nur drei Jahren. „Er hatte keine Chance“, sagt Karin Mück.

Doch von Paul gibt es nicht nur viele Videos im Internet. Es gibt auch ein gedrucktes Buch über ihn – angereichert mit vielen allgemeinen Informationen über Rinder und teils anrührenden Fotos und gemalten Bildern. Denn so kurz das Leben von Paul auch war, er hatte eine Geschichte, die erzählt werden kann.

Genau so ist es mit allen Bewohner des Kuhaltersheims in Niens. Es sind fast alles dramatische Geschichten. Karin Mück und ihr Lebensgefährte Jan Gerdes sorgen dafür, dass sie wenigstens ein Happy-End haben.

Ku’damm nennen Karin Mück und Jan Geredes den Betonplattenweg, der auf die Weide führt. Karin Mück begrüßt jede Kuh überschwänglich mit Vornamen. Da ist Fiete, der jeden Tag seine Streicheleinheiten einfordert. Da ist Chaya, die knurrt wie ein Hund, wenn Fremde auf die Weide kommen.

Hanni stupst Puschek

Und da ist Hanni, die gerne mal den aus einem Bremerhavener Tierheim stammenden Pekinesen Puschek anstupst, wenn der in der Sonne döst. Dass sie das tun kann, dass sie überhaupt noch lebt, das hat Hanni einer Frau zu verdanken, die als Minijobberin bei einem Bauern in der Nähe von Schiffdorf arbeitete. Zu ihren Aufgaben gehörte es, die Kälber von der Kuh zu trennen. Als sie selbst schwanger wurde, kündigte die Frau, weil sie diese Arbeit nicht mehr machen konnte und wollte. Und sie beschloss, die älteste Kuh des Hofs zu kaufen und ihr ein anderes Leben zu bescheren. So kam Hanni zehnjährig nach Niens. Sieben Jahre ist das jetzt her.

Den Beschluss, dass, was er tat, künftig nicht mehr zu tun, hat vor vielen Jahren auch Jan Gerdes gefasst. Anfang der 80er Jahre hatte er den Hof Butenland von seinem Vater übernommen, um konventionelle Landwirtschaft zu betreiben. Kurz darauf stellte er auf Bio um, was zur damaligen Zeit noch einigermaßen exotisch war. Ob sein Sohn jetzt vollends spinne, musste sich der Vater fragen lassen, wenn er abends im Dorf mit seinen Skatbrüdern zusammensaß. Und das sollte noch nicht das Ende der Fahnenstange gewesen sein.

2002 gab Jan Gerdes die Landwirtschaft komplett auf, weil er der Meinung war, dass man sich auch als Biobauer „nur selbst etwas in die Tasche lügt“. Als ein Viehhändler seine Tiere abholte, standen ihm Tränen in den Augen. Zehn Kühe passten nicht mehr auf den Transporter. Jan Gerdes beschloss, sie zu behalten, sie am Leben und eines Tages eines natürlichen Todes sterben zu lassen. „Das sind heute unsere Omas“, sagt Karin Mück.

Der Hof Butenland vermietete Fremdenzimmer. Immer mehr Feriengäste waren so begeistert davon, dass die Kühe in Niens ohne jeden wirtschaftlichen Zweck auf der Weide stehen dürfen, dass sie für deren Unterhalt Geld spendeten. Und weil immer mehr dieser Gäste auch um Spendenquittungen baten, musste eine Lösung gefunden werden. Karin Mück und Jan Gerdes gründeten die Stiftung Hof Butenland – Lebenshof für Tiere. Der Stiftungszweck, an den satzungsgemäß auch Haus und Hof gebunden sind: Tierschutz.

Die älteste Kuh ist Maret

Neben Schweinen, Enten, Gänsen und Kaninchen sowie Hunden und Katzen leben aktuell 42 Rinder auf dem Hof Butenland. Sie stammen aus Tierversuchen, aus Beschlagnahmungen oder wurden von Tierfreunden vorm Schlachthof bewahrt. Die älteste Kuh auf dem Hof ist Maret. Sie ist 22 Jahre alt. Das Durchschnittsalter, das Kühe laut Karin Mück in Deutschland erreichen, beträgt fünfeinhalb Jahre.

Karin Mück und Jan Gerdes beziehen ein wenig Rente. Sie vermieten in eingeschränktem Umfang weiterhin Ferienwohnungen, leben ansonsten von dem, was, ihr altes Windkraftrad sowie der Verkauf eines jährlichen Kalenders und dreier von der Stiftung herausgegebener Bücher abwerfen. Die Stiftung finanziert sich indes alleine durch Spenden. Auf der ganzen Welt, darunter in Australien und den USA, leben Menschen, die Patenschaften für Tiere übernommen haben. Und die bestehen oft nicht nur aus einem Dauerauftrag.

So kann es zum Beispiel, wie jüngst geschehen, vorkommen, dass der Paketbote klingelt und einen Satz sagt wie: „Ein Paket für Kuhdame Jette!“ Besagte Jette hatte Geburtstag, und ihre Patin hatte ihr dazu eben ein Paket geschickt.

Dass sich von überall her Menschen mit dem Anliegen der Stiftung gemein machen, liegt nicht zuletzt an der umfangreichen Öffentlichkeitsarbeit, die Karin Mück betreibt. Jeden Tag stellt sie Fotos und ein Video ins Internet. Dafür nutzt sie nicht nur die Homepage der Stiftung, sondern auch die Sozialen Medien. Karin Mück erhebt nicht den Zeigefinger, und sie setzt auch nicht auf blutige Bilder. Herzenswärme und Humor sind die Mittel, mit denen sie andere von ihren Ideen und Ansichten zu überzeugen versucht.

„Fühlende Wesen“

„Für uns gibt es den Begriff Nutztiere nicht“, sagt Karin Mück. „Alle Tiere sind fühlende Wesen“, lautet ihr Credo. Karin Mück erzählt, dass Kühe Freundschaften mit Artgenossen eingingen, zu Trauer in der Lage seien und zu ihren „Kindern“, wie sie es ganz bewusst ausdrückt, eine lebenslange Beziehung aufbauten. Jedem Tier Respekt entgegenzubringen, das ist für Karin Mück und Jan Gerdes nur eine logische Konsequenz aus den Erfahrungen, die sie jeden Tag bei ihrem engen Zusammenleben mit Tieren machen.

Im Internet erhalten sie dafür viel Zustimmung. In der Gemeinde dagegen würden sie mitunter als „die Verrückten“ abgetan oder sogar angefeindet, sagt Jan Gerdes. Er ist davon überzeugt, dass sich vieles ändern muss, wenn die Erde ein Chance haben soll. Aber er will solche Veränderungen nicht erzwingen. „Es bringt doch nichts, aufeinander herumzuhacken“, sagt Jan Gerdes, „wir sollten uns lieber zusammensetzen und die Probleme gemeinsam lösen“.

Lesen Sie auch: Hof für Tiere mit Handicap in Ostfriesland – Inmitten von glücklichem Wiehern und Bellen

Ende des Jahres wird ein Film über die Stiftung Hof Butenland in die Kinos kommen.


Mehr Infos unter   www.stiftung-fuer-tierschutz.de 
Ein Video unter:   www.nwzonline.de/videos 
Video

Detlef Glückselig Butjadingen / Redaktion Nordenham
Meine Themen: Verpassen Sie keine für Sie wichtige Meldung mehr!

So erstellen Sie sich Ihre persönliche Nachrichtenseite:

  1. Registrieren Sie sich auf NWZonline bzw. melden Sie sich an, wenn Sie schon einen Zugang haben.
  2. Unter jedem Artikel finden Sie ausgewählte Themen, denen Sie folgen können.
  3. Per Klick aktivieren Sie ein Thema, die Auswahl färbt sich blau. Sie können es jederzeit auch wieder per Klick deaktivieren.
  4. Nun finden Sie auf Ihrer persönlichen Übersichtsseite alle passenden Artikel zu Ihrer Auswahl.

Weitere exklusive Plus-Artikel

NWZONLINE-NEWSLETTER

Ja, ich möchte den täglichen NWZonline-Newsletter erhalten.
Meine E-Mail wird nur zu diesem Zweck verwendet.
Einwilligung jederzeit wider­rufbar, Abmeldelink in jeder E-Mail. Die Datenschutz­erklärung habe ich zur Kenntnis genommen.

Ihre Meinung über 

Hinweis: Unsere Kommentarfunktion nutzt das Plug-In „DISQUS“ vom Betreiber DISQUS Inc., 717 Market St., San Francisco, CA 94103, USA, die für die Verarbeitung der Kommentare verantwortlich sind. Wir greifen nur bei Nutzerbeschwerden über Verstöße der Netiquette in den Dialog ein, können aber keine personenbezogenen Informationen des Nutzers einsehen oder verarbeiten.