Varel „Ich hab’ das ganze Haus voll Besuch und wenn sie nach Hause gehen, bezahlen sie auch noch, ist das nicht ein tolles Leben?“, sagt Johann Tjardes und führt durch sein Café am Haferkamp. Auch an diesem Vormittag mitten in der Woche ist jeder Platz besetzt und die Gäste lassen sich das Frühstücksbüffet schmecken. 82 Jahre alt ist Johann Tjardes und managt das Café immer noch mit viel Herz und Leidenschaft und mit Unterstützung seiner Frau Heike. Ende August ist Schluss. Johann Tjardes schließt das Café und eine landwirtschaftliche Versicherung wird dort einziehen.

Wechselvolle geschichte an der Haferkampstraße

Auf dem Gelände des Café Haferkamp hat sich im Laufe eines Jahrhunderts einiges getan:

1919 haben die Gebrüder Zahn das „Fahrzeugwerk Jaguar“ gekauft und Reparaturen an „Fahrrädern, Sprechapparaten und Maschinen aller Art“ angeboten.

1953 zog die Bäckerei Rogge in das Gebäude ein.

1974 wurde die nach dem Krieg erbaute Kirche der Selbstständigen Evangelisch-Lutherischen Kirche an der Gaststraße abgebrochen und durch den Neubau einer Kapelle an der Haferkampstraße ersetzt. Im November 1999 fand dort der letzte Gottesdienst statt

Am 1. Juni 2000 eröffnete Johann Tjardes dort das Café am Haferkamp

„Aus Altersgründen“ verkauft er das Café, sagt Johann Tjardes. Sich dann auf die faule Haut zu legen, kann sich der 82-Jährige allerdings nicht vorstellen. Kreative Geschäftsideen hatte er seit seiner Kindheit. Als er zehn war, zähmte der Junge aus Dringenburg eine Ziege, spannte sie vor einen Karren und fuhr damit zu Bäcker Bunjes nach Spohle und kaufte Brot für die Nachbarn, um sich sein Taschengeld aufzubessern. Später lernte er Maurer und baute sich 1962 ein eigenes Lebensmittelgeschäft in Bockhornerfeld. „Meine Devise war schon immer, die Leute sollen zu mir kommen, ich will nicht zur Arbeit fahren“, sagt Johann Tjardes. Neben seinem Lebensmittelgeschäft in Bockhornerfeld baute er eine Kette von Quick-Imbissen mit 15 Läden auf, unter anderem an der Drostenstraße in Varel.

Als er erkannte, dass die großen Supermärkte für seinen Lebensmittelladen eine zu große Konkurrenz wurden und die Leute lieber Italienisch oder Griechisch essen gehen wollten als in den Imbiss, fing er noch einmal ganz neu an und baute 1977 neben dem Vareler Friedhof die Ammerländer Stuben, ein Restaurant mit Hotel. Im Jahr 2000 hat er sich nochmal verändert: Er hat die Ammerländer Stuben verkauft und die ehemalige St.-Petri-Kapelle an der Haferkampstraße zum Café umgebaut.

„Mich reizt es, immer wieder etwas Neues zu machen, was in die Zeit passt“, sagt Johann Tjardes. Auch in seinem Café geht er mit der Zeit, erfüllt die immer mehr werdenden Sonderwünsche, unter anderem für diejenigen, „die nur Gemüse essen“.

Wichtig ist ihm, dass die Qualität stimmt. Deshalb kauft er auch selbst ein. Und die Gäste sollen sich bei ihm wie im eigenen Wohnzimmer fühlen. Dafür sorgt er mit einem gemütlichen Ambiente und vor allem mit persönlicher Ansprache. Für jeden Gast hat er einen Spruch auf Lager – meist auf Platt.

Sieben Tage in der Woche ist sein Café am Haferkamp bis 15 Uhr geöffnet, es gibt Frühstück und Mittagessen. Kaffee und Kuchen gibt es bei ihm nur noch auf Bestellung. „Die Ess-Kultur hat sich verändert, die Leute holen sich ihren Kaffee und Kuchen lieber, statt sich ins Café zu setzen“, sagt Johann Tjardes.

Wie immer in seinem Berufsleben, hat er sich ändernde Verhältnisse schnell erkannt und reagiert. Nur an manche Verhaltensweisen möchte er sich nicht gewöhnen: „Da hält auf einer Familienfeier in meinem Café ein Opa zu seinem 80. Geburtstag eine Rede, die er auswendig gelernt hat, und die Enkel sitzen da und spielen mit ihrem Handy, das ist nicht schön.“

Respekt seinen Gästen und seinen Mitarbeitern gegenüber war für ihn das Wichtigste in seinem langen Berufsleben, sagt er. Der 82-Jährige sprüht immer noch vor Energie, wenn er von seiner Arbeit spricht. In seinem Ruhestand möchte er sich noch mehr seinem Hobby, dem Sammeln von Postkarten, widmen. Und noch einen großen Plan hat er, will aber nicht verraten, was er vorhat.

Traute Börjes-Meinardus Varel / Redaktion Friesland
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