Oldenburg Petra Klein ruft immer zurück – auch mehrfach. Denn wenn ein nicht angenommener Anruf bei ihr aufblinkt, weiß sie: Es kann dringend sein, vielleicht ist ein Mensch in Not. „Viele Kriminalitätsopfer wissen einfach nicht weiter“, sagt die 64-Jährige. „Sie sehen keinen Ausweg aus ihrer Situation.“

Weißer Ring E.V.

Der Verein Weißer Ring hat in Deutschland rund 46.000 Mitglieder, 75.000 Förderer und 3600 Mitarbeiter, wovon 150 bis 180 hauptamtliche Stellen sind.

Die Hilfsorganisation finanziert sich aus Spenden, Bußgeldern und vor allem testamentarischen Verfügungen. Staatlich wird die Organisation nicht unterstützt.

Auch in anderen Ländern gibt es Organisationen wie den Weißen Ring. Dachorganisation der europäischen Opferschutzinitiativen ist Victim Support Europe.

Petra Klein aber kann helfen. Seit 2009 leitet die ehemalige Kriminalbeamtin die Außenstelle des Weißen Rings im Oldenburger Land, von den Fallzahlen eine der größten Außenstellen Deutschlands, wie sie selbst sagt. Ihr Büro liegt in ihrem Wohnhaus. Wer die auf den ersten Blick zurückhaltend erscheinende Frau in ihrem idyllischen Zuhause mit wunderschönem Garten besucht, kann kaum glauben, dass die 64-Jährige früher Verbrecher gejagt hat.

„Ich bin auf dem Schoß von Polizisten groß geworden“, erzählt Petra Klein. Sie stammt aus einer Beamtenfamilie, wurde gewissermaßen in die Landeskaserne Braunschweig „hineingeboren“. Und schlug dann selbst diese Laufbahn ein: 1974 jobbte sie beim Landeskriminalamt, 1976 ging sie als Beamtin zur Polizei. Damals war vieles noch anders, vor allem als Frau bei der Polizei. Mit einem Lächeln auf den Lippen erinnert sie sich an die ersten Badeanzüge, die – am Rücken weit ausgeschnitten und mit Plastikteilen vorne – nicht für jeden Busen gemacht waren.

„Wenn man als Frau zur Polizei geht, muss man einige Macho-Sprüche aushalten“, sagt Petra Klein. „Man muss seine Frau stehen.“ Negative Erfahrungen habe sie aber nie gemacht – im Gegenteil: Sie fühlte sich immer akzeptiert und hat bis heute noch gute Bekannte bei der Polizei. „Frauen wirken oft deeskalierend“, ist ihre Erfahrung. „Weil die Hemmschwelle, Polizistinnen anzugreifen, größer ist.“ Sie sei meistens gut mit Menschen ins Gespräch gekommen und habe auch einen guten Draht zu den Tätern entwickelt – was ihr vor allem bei Verhören weiterhalf.

Geiselnahmen und Vermisstenfälle

Als Kriminalbeamtin war Petra Klein Leiterin der Verhandlungsgruppe. Sie führte die Kommunikation bei Geiselnahmen und ungeklärten Vermisstenfälle mit eventuellem Gewalt- oder Tötungsdelikt. Das hieß in der Praxis: Sie betreute bei Entführungsfällen Angehörige, verhandelte aber auch mit den Tätern – und war bei einigen aufsehenerregenden Vermisstenfällen wie denen der verschwundenen Mädchen Ulrike Everts und Christina Nytsch involviert.

Besonders in Erinnerung geblieben ist ihr ein Banküberfall mit einer Geiselnahme in Wietmarschen. Weil der Täter vorgab, nur Englisch zu sprechen, kam Petra Klein zum Einsatz. Der Bankräuber hatte zwei Frauen in seine Gewalt gebracht. Eine wurde wieder freigelassen. Petra Klein verhandelte mit dem Geiselnehmer, der einen Fluchtwagen forderte. Während die Kriminalbeamtin noch mit dem Bankräuber sprach, hörte sie plötzlich einen lauten Knall. Wurde in der Bank geschossen? Petra Klein kann sich noch genau an die bangen Momente erinnern. Kurze Zeit später klärte sich die Situation: Ein Sondereinsatzkommando hatte die Bank gestürmt und die noch verbleibende Geisel befreit. Der Täter wurde verletzt, die Geisel blieb unverletzt.

Größte Herausforderung des Berufslebens

Petra Klein liebte ihre Arbeit, freute sich – bei allem Leid, das sie sah – wenn sie und ihre Kollegen einen Täter überführen konnten. Ihre größte Herausforderung ihrer Karriere war aber nicht die Ermittlungsarbeit oder ein besonders schwieriger Fall. Ihre größte Herausforderung war, als sie nach über zehn Jahren, in denen sie sich um die Kinder gekümmert hatte, wieder in den Dienst zurückkehrte. Das Angebot kam damals sehr spontan. Um 9 Uhr morgens habe die Polizei angerufen, bis 11 Uhr sollte sie ihre Entscheidung mitteilen. Etwas länger dachte sie dann schon darüber nach, sagte aber zu. „In der Zwischenzeit hatte sich viel verändert“, sagte sie. Vor allem technisch. Vieles musste sie neu lernen. Dennoch: „Die Polizeiarbeit hat mir immer Spaß gemacht“, sagt sie. „Das ist ein toller, vielfältiger Job.“ Aufgrund eines Dienstunfalls musste Petra Klein aber schließlich ausscheiden.

Doch sie blickte schnell wieder nach vorn, plante um, fing einen Italienischkurs an, kümmerte sich um den Hund der Tochter, wollte Reisen unternehmen. Aber dann kam alles ganz anders: Der Landesvorsitzende des Weißen Rings fragte die ehemalige Kriminalbeamtin, ob sie die Außenstelle in Oldenburg übernehmen wolle. „Damals musste ich eigentlich noch meine Wunden lecken“, sagt Petra Klein. Die Enttäuschung über das Ausscheiden aus dem Polizeidienst merkt man ihr heute noch an. Ein Wochenende lang habe der Vorsitzende auf sie eingeredet – mit Erfolg: 2009 übernahm sie den Weißen Ring in Oldenburg und begann zunächst einmal damit, Aufbauarbeit zu leisten.

Aufbauarbeit und Häppchenpartys

Denn die Außenstelle lag zu dem Zeitpunkt „ziemlich am Boden“. Petra Klein brauchte vor allem Leute. Eigentlich ist die 64-Jährige keine Freundin von repräsentativen Häppchen-Partys. Aber um Ehrenamtliche und Sponsoren anzulocken, organisierte sie zu ihrer Amtseinführung einen Empfang in einer Oldenburger Gaststätte, zu dem sie vor allem Kontakte aus ihrer Dienstzeit einlud. 40 Interessierte meldeten sich nach dem Event, heute arbeiten in der Regel rund 20 Ehrenamtliche für den Weißen Ring Oldenburg. Sie bearbeiten die vielen Fälle in der Stadt und im Landkreis Oldenburg. Dass sie hier viel zu tun haben, liegt laut Petra Klein nicht an der hohen Kriminalitätsrate, sondern am Bekanntheitsgrad des Weißen Rings in der Region.

Ehrung: Der Landesvorsitzende Rainer Bruckert zeichnete Petra Klein kürzlich für zehn Jahre ehrenamtliche Arbeit beim Weißen Ring aus. (Foto: Weißer Ring)

Petra Kleins Job ist es, die Mitarbeiter zu betreuen, die Opferfälle unter ihnen aufzuteilen und den Kontakt zu Partnern und Netzwerken zu pflegen. „Ich selbst übernehme nur die Fälle, die ich meinen Mitarbeitern nicht zumuten möchte“, sagte sie – Auslandsentführungen zum Beispiel oder Fälle mit multiplen Persönlichkeiten.

Der Weiße Ring kann Opfern sofort helfen: Für eine erste Beratung bei einem Rechtsanwalt oder Psychotherapeuten gibt es 190 Euro. Mit bis zu 300 Euro greift die Organisation den Betroffenen ohne wirtschaftliche Prüfung unter die Arme. Das kann zum Beispiel nötig sein, wenn ein Gewaltopfer in ein Frauenhaus fliehen muss und neue Kleidung benötigt. „Bei allen Beträgen über 300 Euro müssen wir die Wirtschaftlichkeit der finanziellen Unterstützung prüfen“, sagt Petra Klein. Der größte Betrag, den der Weiße Ring Oldenburg je in die Hand genommen hat, lag bei 20.000 Euro. „Da haben wir einem Opfer eine neue Identität und neue Wohnung beschafft“, erklärt die 64-Jährige. Die Hilfen greifen immer dann, wenn keine staatliche Stelle zuständig ist.

„Kriminalität kann ein Menschenleben zerstören“

„Die Folgen einer Straftat sind weitreichender, als man als Polizeibeamter annimmt“, sagt Petra Klein. „Im Polizeidienst sieht man alles Mögliche, viele schlimme Taten. Hier aber sieht man deren Wirkung. Mir wurde noch einmal vor Augen geführt, dass Kriminalität ein ganzes Menschenleben zerstören kann.“ Der Weiße Ring behandelt besonders viele Fälle von sexuellem Missbrauch. Oft sind die Menschen in ihrer Kindheit Opfer geworden. „In der Mitte des Lebens kommt das bei vielen plötzlich wieder hoch.“ Manchmal seien es Gerüche, die die schlimmen Erinnerungen immer wieder triggern. Die Betroffenen kommen nicht klar, können keine Beziehung führen und wenden sich in ihrer Not an den Weißen Ring.

Weil Petra Klein als Kriminalbeamtin lange auch Sexualdelikte behandelte, hatte sie immer schon viel Kontakt zu der Organisation. Die Fälle gingen ihr bereits im Polizeidienst besonders nahe. Wenn ein Kind missbraucht worden war, sie es aber dem Täter nicht nachweisen konnte, weil das Kind zu klein war, um auszusagen. Oder wenn ein Kind erzählte, wie es in eine heiße Wanne gesetzt oder an ein Klappbett gehängt wurde. Schon früh lernte sie „mitzufühlen“ und nicht „mit zu fühlen“, wie sie es beschreibt. Schließlich hatte sie Kinder zu Hause, die ihr nach dem Dienst aus der Schule erzählten. Da wollte sie ein offenes Ohr haben, auch wenn sie kurz zuvor erst an einem Tatort gewesen war, möglicherweise einen Toten auf den Schienen hatte liegen sehen.

Im Einsatz beim Högel-Prozess

Eine besondere Erfahrung für Petra Klein und die Ehrenamtlichen war der Högel-Prozess in Oldenburg. „Der Richter ist vorher auf uns zugekommen, weil er Opferschützer dabei haben wollte“, berichtet sie. „Das habe ich noch nie erlebt.“ Zehn Mitarbeiter des Weißen Rings begleiteten den Prozess, liefen hinaus, wenn ein Angehöriger den Gerichtssaal verließ und nicht wiederkam. Verteilten Traubenzucker und Infomaterial. Setzten sich schließlich zwischen die Angehörigen, als eine Frau fragte, ob ein Mitarbeiter während der Verhandlung neben ihr Platz nehmen könne. „Die Emotionalität war groß“, sagt Petra Klein. „Für viele Angehörige war es unerträglich, dass einer, der so viele Menschen getötet hat, genauso lange sitzt, wie einer, der einen Menschen getötet war. Die zweite Frage war: Wie viele Morde könnten Högel nachgewiesen werden?“

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„Die Arbeit für den Weißen Ring geht weit über ein Ehrenamt hinaus“, sagt Petra Klein. Trotzdem findet sie Zeit zum Reisen, Musik hören, genießt auch mal die „Nichtverplantheit“, die Freiheit. Früher seien bei ihr immer zwei Jahre im Voraus verplant gewesen: Familie, Urlaube, Feiern. Und dann waren da noch die Auftritte mit ihrer Folk-Band „Raven“ – für die Petra Klein neben ihrer Arbeit für den Weißen Ring bekannt ist. Schon als Jugendliche machte sie Musik. Raven brachte mehrere CDs raus, gab das erste Konzert im Oldenburgischen Staatstheater, unternahm schöne Reisen nach Irland und Schottland. „Wir haben fast 40 Jahre Konzerte gegeben. Das war eine tolle Zeit.“

Tolle Jahre mit „Raven“

Petra Klein mit „Raven“: Mit diesem Bild wurde das Abschiedskonzert der Folkband in Wildeshausen angekündigt. (Foto: Raven/Archiv)

Regelmäßige Proben, Konzerttermine, die bis tief in die Nacht gingen: 2015 war es dann aber soweit, von Raven Abschied zu nehmen. „Wir wollten das positiv auf den Weg bringen“, erinnert sich Petra Klein. „Wir haben zwei sehr emotionale Abschiedskonzerte gespielt, eines in Wildeshausen und eines in Ofenerdiek.“ Jetzt erinnern an diese aufregende, bewegende Zeit mit der Band noch Fotos und Trophäen in Petra Kleins Haus. Petra Klein hat bereits mit 13 Jahren Musik gemacht. Wenn ihre Enkeltochter vor Weihnachten etwas auf dem Klavier vorspiele, bekomme sie Tränen in den Augen. Die 64-Jährige hat sieben Enkelkinder, mittlerweile doch noch Italienisch gelernt – und und scheint ihr Privatleben zu genießen, ohne das Ehrenamt missen zu wollen.

Kennt ihr schon...?

Frauen, die den Nordwesten bewegen: In der ersten Staffel unserer neuen Serie „Kennt ihr schon...?“ stellen wir Ihnen zehn spannende Frauen aus der Region vor.

Kennen Sie Frauen aus Ihrer Nachbarschaft oder Ihrer Familie, Ihrem Verein oder Kollegenkreis, über die Sie hier gerne ein Porträt lesen möchten? Dann schlagen Sie sie für diese Serie vor! Kontakt: inga.wolter@nwzmedien.de

„Es ist positiv, mein Wissen von der Polizei für den Weißen Ring einzusetzen“, sagt die ehemalige Kriminalbeamtin. Ihr liegt als Mitglied im Bundesvorstand des Weißen Rings und Mitglied im Fachbeirat Europa viel daran, die Situation für Kriminalitätsopfer insgesamt zu verbessern. So wünscht Petra Klein sich zum Beispiel mehr Videovernehmungen. Wenn sie einmal vor laufender Kamera befragt würden und diese Aufzeichnungen vor Gericht verwendet werden dürften, würden dem Opfer weitere Befragungen erspart bleiben: „Sie müssten das Ganze nicht noch einmal durchmachen.“ Beim Thema Missbrauch ist sie sich nicht sicher, ob die Therapieformen, die es gibt, ausreichen. Auch befürwortet Petra Klein den Täter-Opfer-Ausgleich, wie es ihn etwa in den Niederlanden gebe. „Manche Opfer wollen vielleicht gar keine Strafe für den Täter.“ Sondern etwas anderes – vielleicht eine Entschuldigung, eine Wiedergutmachung.

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Inga Wolter stv. Ltg. / Online-Redaktion
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