Jever Neulich abends ist Petra Walentowitz wieder aufs Rad gestiegen, 25 Kilometer durch Geest, Wald und Marschland, keine große Sache eigentlich.

Es wurde wie immer ein Abenteuer.

Die Luft war noch warm, sie roch nach Erde, nach Tanne und nach Grill, und sie war voller Musik: Walentowitz hörte die Goldammer singen und den Zaunkönig, ein Zilpzalp rief seinen Namen. Sie fuhr an Reitern vorbei und an Paddlern auf dem Ems-Jade-Kanal, sie sah Rauchschwalben auf Insektenjagd und Fasane auf der Balz, und vor ihr plusterte sich dick und dicker Sonne auf, ein orangeroter Ball, der gleich auf die windschiefen norddeutschen Bäume kippen würde.

Kennt ihr schon...?

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Kennen Sie Frauen aus Ihrer Nachbarschaft oder Ihrer Familie, Ihrem Verein oder Kollegenkreis, über die Sie hier gerne ein Porträt lesen möchten? Dann schlagen Sie sie für diese Serie vor! Kontakt: inga.wolter@nwzmedien.de

Zu Hause in Jever, Landkreis Friesland, findet Walentowitz lange nicht ins Bett, so aufgewühlt ist sie. Bis Mitternacht sitzt sie am Computer und tippt das alles in eine E-Mail, den Zilpzalp, die Paddler, den orangeroten Sonnenball. „Rundum eine Bereicherung“, schließt sie ihren Bericht, „und mit diesen Zeilen ein wenig geteilt.“ Doppelpunkt, Klammer zu; glücklicher Smiley.

Wollte man Petra Walentowitz, 51 Jahre alt, ein Etikett anheften, weil man das in Deutschland ja so macht, dann würde darauf wohl „Umweltschützerin“ stehen: Sie ist eines von 1,9 Millionen Mitglieder der vier großen Umweltschutzverbände, sie ist eine von 2,2 Millionen Beschäftigten im Umweltschutz. Trotzdem klingt das Wort bei ihr ein bisschen schief, weil Umweltschutz fast immer „weniger“ will, weniger Auto, weniger Strom, weniger Konsum – Walentowitz aber will immer „mehr“.

Mehr hingucken.

Mehr riechen.

Mehr anfassen.

Mehr zuhören.

Vor allem: mehr rausgehen.

„Petra, guck’ mal!“

„Petra, was ist das hier?“

„Petra, ich hab’ noch was gefunden!“

Walentowitz lacht, sie steht auf einem Schulhof in Esens, Ostfriesland, an ihren Haaren zerrt der Küstenwind, an ihrer roten Dienstjacke die 2a von Frau Stingl. Kinderhände recken ihr Schulhofbotanik entgegen, „wie heißt das?“

„Das ist die Schafgarbe.“

„Das ist ein Weidekätzchen.“

„Ah, und Du hast eine Eibe gefunden. Aber Vorsicht: Eiben sind giftig, da musst du dir tüchtig die Hände waschen, wenn du nachher frühstücken gehst.“

Neben Walentowitz steht ihr Weidenkorb, da liegt ein Apfel drin, ein kleiner Globus, eine Dose mit toten Bienen, was sie halt so braucht unterwegs. Ganz oben im Korb liegt ein Buch, „Tiere und Pflanzen“, das braucht sie nie.

Die Kinder haben Papiertüten in der Hand, auf jeder steht ein Name, Leif, Semina oder Jannik, behutsam legen sie ihre Fundstücke hinein. Manchmal, sagt Walentowitz, kommen die Kinder kaum fünf Meter weit, so viel entdecken sie auf den ersten Schritten. Die 2a hat es heute immerhin einmal über den Spielplatz geschafft, aber gleich dahinter an der Wallhecke waren ihre Papiertüten voll.

Zu Hause in Jever hatte Walentowitz vorher gesagt: „Ich habe den schönsten Beruf der Welt.“ Sie goss neuen Tee in die friesenblauen Tassen, dann zupfte sie ein Foto aus einem Album, einen schwarzweißen Schnappschuss ihrer frühesten Erinnerung: ein kleines Mädchen im hohen Gras, glücklich. „So fing das an“, sagte sie, „im elterlichen Garten.“

Dem Foto fehlt nicht nur die Farbe, es zeigt auch nicht die Grashüpfer im Löwenzahn, die Angorakaninchen und die beiden Schweine, also muss Walentowitz von all dem erzählen: von den Halmen, die beim Rennen im Gesicht kitzelten; von den Obstbaumästen, die beim Klettern die Finger aufkratzten; von dem Graben mit der hölzernen Brücke, die nie jemand benutzte, denn über Gräben geht man nicht, über Gräben springt man.

Sie hat ein Wort für das, was der elterliche Garten mit der kleinen Petra machte: Er brachte ihre „innere Landschaft“ zum Blühen. Und sie fragt sich: Wie sieht wohl die innere Landschaft aus von jemandem, der seine Kindheit nicht in solch einem Garten, sondern vor einem Smartphone verbringt?

9000 Schüler erreicht

Walentowitz wurde Mitglied im BUND, dort lernte sie ihren Mann Steffen kennen, er arbeitet heute als Naturzeichner. Sie sog alles auf: Sie ging mit den Ornithologen mit, „aber die guckten immer nur nach oben“, sie ging mit den Botanikern mit, „aber die schauten immer nur nach unten“. Petra Walentowitz wollte mehr, sie wollte oben, unten und mittendrin zugleich, sie fand es schließlich im Kontaktstudium Ökologie an der Universität im nahen Oldenburg, sie war die jüngste Absolventin. Nach dem Abschluss arbeitete sie als Landschaftsplanerin, und sie heuerte beim Landkreis an, Fachbereich Umwelt, dort erfand sie den Fuchs Renke, der Kindern in kleinen bunten Heften die Natur erklärte.

In der Umweltbildung lernt sie Susanne kennen, und die beiden haben eine Idee: Wir wäre es, wenn wir jeden Morgen in eine Schulklasse gingen? Wenn wir allen Kindern zeigen könnten, was es draußen für sie zu entdecken gibt?

Der örtliche Energieversorger spendet das Auto, Erdgasantrieb. Der Landkreis räumt einen Garagenplatz und einen Schreibtisch im Kreishaus frei. Der NABU stellt die Frauen ein, lokale Stiftungen spenden das Gehalt, die Weidenkörbe, die roten Dienstjacken, und seit 2010 fährt das „Mobilum“, das mobile Umweltbildungsangebot, nun von Schule zu Schule, 9000 Schüler hat es inzwischen erreicht.

„Trampelt! Trampelt!“ In Esens donnern Kinderfüße wie Starkregen auf die Schulhoferde nieder, und schon lugt der erste Regenwurm aus seinem Loch. Petra Walentowitz geht in die Hocke, pickt den Regenwurm auf, legt in auf ihre flache Hand, aufgepasst jetzt. Sie erzählt den Kindern vom Blatt, das vom Baum fällt, vom kleinen Regenwurm, der das Blatt frisst, von den Stoffen, die der Wurm wieder auspupst, „man sagt auch Wurmgold dazu“, von der Erde, die das Wurmgold aufnimmt, vom Wasser, das auf die Erde fällt, vom Baum, der Wasser, Wurmgold und Stoffe aufsaugt, vom Blatt, das vom Baum fällt… „merkt ihr was?“

„Ja“, rufen die Kinder, „das ist ein Kreislauf!“

Auf der Schulhoferde liegen nicht nur Blätter, dort liegt auch ein Bonbonpapier aus Plastik. „Kommt da auch der kleine Regenwurm und frisst das Plastik auf?“, fragt Walentowitz.

„Nein“, sagen die Kinder. Ein Mädchen springt auf und trägt das Bonbonpapier zum nächsten Mülleimer.

Aufbruchstimmung

Es beschäftigt Petra Walentowitz seit Jahren: der Plastikmüll, die Energieverschwendung, das pausenlose Konsumieren, das „Hamsterrad der käuflichen Selbstverwirklichung“, wie es der Nachhaltigkeitsforscher Niko Paech nennt, sein Buch steht im Holzhaus der Walentowitz’ im Bücherregal. Vor allem beschäftigt es sie, dass sie selbst es kaum schafft, so nachhaltig zu leben, wie ihr Verstand es für wichtig hielte. „Hier“, sagt sie, sie tippt an einen Blumentopf auf dem Teetisch, „ich wollte zu Ostern gern ein paar Blumen im Haus haben. Glauben Sie, ich habe torffreie Blumenerde bekommen?“ Torfabbau zerstört die Moore, klar, aber im Baumarkt steht man dann vor der Entscheidung, Osterblumen oder keine Osterblumen, und man entscheidet sich für: Osterblumen.

Viele Jahre war das für sie der Preis des Umweltbewusstseins: ihr schlechtes Gewissen. Inzwischen aber ist sie nicht mehr allein. Seit Greta Thunberg greifen Begriffe wie „Flugscham“ um sich, der Bäcker bietet Coffee-to-go im Mehrwegbecher an, Kunden legen ihre Tupperdosen beim Schlachter auf den Verkaufstresen. Es ist fast eine „Aufbruchstimmung“, sagt Walentowitz. Aber es geht langsam.

Familie Walentowitz fährt ein Auto, im Landkreis Friesland sind die Wege weit. Sie hat sich damals für die A-Klasse entschieden, wegen des Sandwichbodens, der Wagen sollte bald mit einem umweltfreundlichen Wasserstoffantrieb nachrüstbar sein. Der Nachrüstsatz kam aber nie, der Wagen wurde fast 20 Jahre alt. Familie Walentowitz fährt jetzt einen gebrauchten Benziner, ein Elektroauto war zu teuer. Petra Walentowitz weiß, dass ihr Wagen auf jeden Kilometer 125 Gramm CO2 ausstößt, so etwas erzählt sie jeden Tag den Kindern.

Als Familie Walentowitz, zwei Erwachsene, zwei kleine Kinder, um die Jahrtausendwende ein Haus baute, baute sie es aus Holz. Lärche für die Verschalung draußen, Kiefer für den Fußboden drinnen, Douglasie für den gewaltigen Stützbalken im Wohnzimmer, das Holz stammt aus dem Plenterwald, nachhaltige Forstwirtschaft. Holzhausbau ist Klimaschutz, sagt Walentowitz, ein Holzhaus ist ein gewaltiger CO2-Speicher. Aber wenn sie dann aus dem Holzhaus herausschaut, sieht sie eine Siedlung, die verplant ist, viel versiegelt, gepflegt, oft überpflegt. „Wir säen überall etwas an“, sagt sie, „dabei müsste man es doch bloß wachsen lassen. Wo kann man sich noch einfach mal ins hohe Gras legen?“

20 Jahre. „So lange ist nichts passiert“, sagt sie. Erst jetzt änderten sich langsam die gesellschaftlichen Diskussionen: Wasserstoff-Technik für Autos, Kohlendioxid-Steuer, Schulstreik fürs Klima, Blühstreifen für Insekten.

Wir brauchen mehr Ideen

Sie lächelt, ihr fällt etwas ein: Wie wäre es, wenn sich Nachhaltigkeit buchstäblich auszahlen würde? Wenn es dafür so etwas wie „Enkeltaler“ gäbe, die man sammeln könnte, und die sich irgendwann bezahlt machen würden, warum nicht bei der Rentenberechnung? Es muss uns doch etwas wert sein, wenn jemand Fahrrad fährt statt Diesel, Mehrweg nutzt statt Einweg, repariert statt wegwirft!

Das ist noch etwas, wovon die Welt „mehr“ braucht: mehr Ideen.

Feierabend. Petra Walentowitz lädt ihr Akkordeon ins Auto und fährt nach Dangast. Das kostet sie vier Kilogramm CO2, aber das muss jetzt sein. Kati und Holger sind schon da, sie setzen sich auf einen Steg, der ins Watt ragt; es ist Ebbe, das Wasser ist mal wieder nicht zu sehen, dafür staken Alpenstrandläufer durch den Schlick. Hinten im Hafen dümpelt die „Etta von Dangast“, ein Ausflugsschiff. Petra fängt an, sie spielt einen tiefen Basston, das soll die „Etta“ sein, das Lied heißt „Dangast um fünf“, Holger hat es geschrieben. Kinder setzen sich zu den drei Musikern auf den Steg, eine Urlauberin filmt mit ihrem Smartphone, Walentowitz schließt die Augen, sie lächelt. Ein Fotograf hält das fest: eine Frau im Watt, glücklich.

Musik im Watt

Akkordeon, Geige, Gitarre: „DreyBartLang“ heißt das Trio, seine Musik nennt sich „Zugfolk“: Musik entlang der Zugvogelrouten. Das letzte Programm trug den Titel „Das Jahr der Ringelgans“, die Lieder stammten aus Sibirien, Schweden und Dänemark. Am Steg steigen die Töne wie Seifenblasen auf, und jetzt geben auch die Wolken endlich die Sonne frei, das Watt beginnt zu leuchten. Aber stopp, mitten im Lied zeigt Holger zum Himmel: Eine Schar Nonnengänse zieht vorüber. Zugvogelfolk.

Am späten Abend schreibt Walentowitz wieder eine E-Mail. „Was für ein Nachmittag, mit Sonnenschein, draußen musizieren, mit lauter netten Leuten, Küstenwind. Wird mir nachhaltig in Erinnerung bleiben.“ Doppelpunkt, Klammer zu, Freude geteilt.

Vielleicht hilft das ja: mehr weitersagen, mehr vormachen.

Einmal, erinnert sich Petra Walentowitz, stand sie an einem „Mobilum“-Vormittag mit einer zweiten Klasse plötzlich vor einem Graben. Was tun? Walentowitz ließ die Kinder hinüberspringen. Hinterher kam ein kleines Mädchen zu ihr, es bedankte sich und sagte: „Jetzt weiß ich auch, wie man über einen Graben springt.“

Petra Walentowitz lächelte und zuckte mit den Schultern: „Heute lernt man so etwas in der Schule“.

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Karsten Krogmann Redakteur / Reportage-Redaktion
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