Brake Leuchtend orange hebt sich die Desinfizierungsflüssigkeit auf dem Bauch der schon narkotisierten Patientin hervor: Dr. Jan Henrik Herrfurth trägt diese gerade großflächig auf. Er ist Leiter des Adipositas-Zentrums Brake und dieser Operation hier. Ein sogenannter Schlauchmagen wird gleich entstehen. 183 Kilo bringt die 31-jährige Patientin bei einer Größe von 1,70 Metern auf die Waage. Nach dem Eingriff wird sie nur noch kleine Portionen essen können, dauerhaft Nahrungsergänzungsmittel zu sich nehmen müssen, aber auch viel Gewicht in kurzer Zeit verlieren.

Zwei OP-Schwestern, ein Anästhesist, eine Anästhesie-Pflegekraft sowie zwei Chirurgen sind dabei. Bevor es los geht, versammeln sich alle um die Patientin, es ist „Team-Timeout“, dabei wiederholt Herrfurth die Eckdaten der OP, auch dass heute Besuch durch die Nordwest-Zeitung dabei ist, wird kurz registriert. „Vorher darf hier kein Skalpell angerührt werden“, weiß auch Pia. Für die Schwester ist es erst der zweite Tag im OP-Saal, sie hält sich daher, wie andere anwesende Personen, im Hintergrund.

Herrfurth und der Chirurg Dr. Thorsten Renken setzen an: Durch fünf kleine Schnitte verschaffen sie sich Zugang zum Bauchraum. Großartig viel Blut bekommt man nicht zu sehen. Die Technik wird auch Schlüsselloch-Chirurgie genannt.  In Schraubbewegungen durchstechen die Trokare (sehen aus wie riesige Nadeln) die Bauchdecke. Das geht mal leichter, mal mit mehr Druck, je nachdem wie dick das Gewebe ist. Durch diese schieben die Ärzte verschiedene Kabel: Eines trägt eine Kamera, ein anderes sorgt für Licht und eines leitet Gas in den Bauchraum. Das ist wichtig, damit sich die Bauchdecke aufwölbt und nicht auf den Organen liegen bleibt und so die Chirurgen bei ihrer Arbeit behindert.

Wie „Fett“ aussieht

Auf dem Monitor heißt es jetzt erstmal Orientierung finden: „Das hier ist die Gallenblase“, zeigt Herrfurth auf etwas rundes Weißes. Daneben liegt die Leber, dunkler als die Gallenblase, aber gelblich: „Eine Fettleber“, klärt Herrfurth auf. Und dann scheinen noch überall zähe gelbe Batzen zu kleben. „Das ist das Fett“, so der Chirurg.

Der Bildschirm zeigt allen Beteiligten das Geschehen unter der Bauchdecke: Auf den ersten Blick verwirrend sind dabei die Größenverhältnisse. Auf dem Bildschirm sehen die Instrumente um ein vielfaches Größer aus, holen Herrfurth oder Renken sie dann jedoch aus dem Bauch hervor, sind sie beinahe winzig.

Mit einer Art Zange heben sie den Magen an. Dort, wo sich Fettgewebe direkt am Magen angesiedelt hat, trennt Herrfurth dieses ab, um die Magenwand bis kurz vor dem Magenausgang überprüfen zu können. Jetzt wird der Magen zu einem Schlauchmagen: „Mit dem Klammer-Schneide-Gerät trennen wir jetzt einen Teil des Magens ab“, erklärt Herrfurth. Damit die Chirurgen wissen, wo sie abschneiden dürfen, wurde parallel über den Mund eine Magensonde eingeführt. Die misst das exakte Volumen und gibt quasi von innen die Grenze vor, bis wohin geschnitten werden darf. Herrfurth schiebt das Klammer-Schneide-Gerät in den Bauchraum, findet die Stelle und zack!: Jetzt ist ein Schnitt im Magen. Beim genauen Hinsehen werden drei Linien mit Klammern sichtbar – wie bei einem Büro-Tacker. So fahren Herrfurth und Renken fort. „Einmal Gold bitte“, ruft Herrfurth der Oberschwester Connie zwischendurch zu. Die weiß, anders als andere in diesem Raum, Bescheid, was damit gemeint ist und erklärt: Das ist eine Klammergröße. „Gold“ bezeichnet dabei eine Größe von 3,8 Millimetern, während Schwarz bei 4,2 Millimetern liegt.

Ein Magen wie ein Ärmel

Das Ganze nennt sich Schlauchmagen, weil das Stück, welches nun abgetrennt wird, an der Seite des Magens liegt. Der Magen wird dadurch optisch einem Schlauch ähnlich verdünnt. 20 Zentimeter ist er danach ungefähr lang. Dieser Magenschlauch wird auch „Sleeve“ (englisch für Ärmel) genannt.

Das Schwierigste ist geschafft. Um die eigene Klammer-Naht zu überprüfen, folgt noch ein Test mit einer blauen Flüssigkeit: Renken schleust dafür weiße Kompressen in den Bauchraum und platziert diese rund um die neue Magenwand. Jetzt wird eine blaue Flüssigkeit durch den Mund eingeflößt – der Magen wölbt sich deutlich. Mehr passiert nicht. Und das ist gut so: „Würden wir jetzt auf den Kompressen blaue Flecken sehen, wäre es undicht“, erklärt Renken. Dem ist nicht so, alles hat geklappt.

Ein Stück totes Fleisch

„Jetzt kommt noch was Schönes“, sagt Herrfurth: den Magen bergen. Also das abgetrennte Stück aus dem Bauchraum hervorholen, meint er damit. Wie soll das durch diese winzigen Löcher gelingen? Das Stück hebt sich deutlich im Bauchraum hervor: Es ist gräulicher geworden in den letzten Minuten. Connie spricht aus, was andere denken: „Das ist jetzt totes Fleisch.“ Und dieses Stück totes Fleisch wird tatsächlich durch eines der kleinen Löcher gezogen. Ganz leicht ist es nicht, Herrfurth muss schon ziehen. Wie bei einem Loch im Fahrradreifen hört man zudem das CO2 entweichen. „Das Magenstück geht jetzt in die Pathologie nach Aurich zur Untersuchung“, sagt Herrfurth, während er das circa handgroße Stück auf einem Beistelltisch platziert.

Die OP ist zu Ende, nach 50 Minuten, Durchschnittszeit für diese Art von Eingriff, wie Herrfurth meint. Die Chirurgen vernähen die Schnitte und bereiten die Patientin fürs Aufwachen vor. „Sie wird eventuell noch ein leichtes Druckgefühl wegen des Gases im Bauch spüren“, so Herrfurth. Ansonsten soll sie aber keine Schmerzen haben, denn die Ärzte haben vorher den Bereich betäubt. Ein erhöhtes Risiko, dass sich eine Thrombose bildet, bleibt aber immer.

Der 360 Kilo-Tisch

„Bisher hatten wir bei dieser Art von Operation noch nie Komplikationen“, kann Herrfurth sagen. Die Anfrage für Magensleeves steige in Brake, mehr als zwei OPs am Tag werden hier im Adipositas-Zentrum aber trotzdem nicht durchgeführt. Das Zentrum ist in allen Punkten ausgerichtet auf übergewichtige Patienten: „Das Narkosemittel wird verändert und wir haben entsprechende Kissen auf dem OP-Tisch, die den Nackenbereich der Patienten ausreichend stützen und die Atemwege frei halten“, erklärt der Anästhesist Dr. Stefan Hübner. Auch der Tisch selbst ist präpariert: Bis zu 360 Kilo kann der aushalten.

Zurück zur Patientin: „14 Tage darf sie sich nur von Wasser, Suppe und Joghurt ernähren“, erklärt Herrfurth, wie es weitergehen wird. Bereits zwei Stunden nach der OP soll sie aufstehen können, „uns ist es wichtig, diese Patienten zügig zu mobilisieren.“ Sport wird ab jetzt ein unabdingbarer Teil des Lebens der Patientin werden. Bisher war dieser bei einem Körpergewicht von 183 Kilo mit Schwierigkeiten verbunden. Das wird sich jetzt ändern. „Können Sie mich hören? Alles ist gut verlaufen“, sagt Herrfurth zur Patientin, die gerade ihre Augen öffnet.

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Der schwere Weg zum leichteren Ich


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