Oldenburg Joe lebt: Er wurde am Samstagmorgen lebend in einem Gully in der Kranichstraße gefunden – nur etwa 200 Meter entfernt von seinem Elternhaus an der Ammergaustraße. Ein Zeugenhinweis hatte zum Auffinden des geistig beeinträchtigten Jungen geführt.

Eine Woche lang hatte die Suche Oldenburg in Atem gehalten. Immer wieder gab es Hinweise, die ins Nichts führten, die Polizei ermittelte in alle Richtungen – am Ende sogar mit einer Mordkommission. Eine Chronologie der Suche:

Chronologie der Suche

Freitag (17. Juni):

  • Gegen 17.30 Uhr wird Joe als vermisst gemeldet
  • Zuletzt gesehen wurde er im Stadtnorden auf dem Gelände der alten Donnerschwee-Kaserne

Samstag (18. Juni):

  • Weil der Junge sich gern versteckt, suchen Einsatzkräfte in gewerblichen Räumen in Oldenburg. Anwohner werden gebeten, in Kellern, Schächten, Garagen, Garten- und Treppenhäusern sowie ähnlichen Verstecken nachzuschauen.
  • Mehrmals kommen Hubschrauber und Diensthunde/Mantrailer der Polizei im Stadtgebiet zum Einsatz.
  • Eine erste Spur führt zum Hauptbahnhof Oldenburg: Spürhunde nehmen die Fährte des Jungen auf, jedoch verläuft sie sich. Die Polizei wertet Videoaufnahmen aus. Es kann nicht ausgeschlossen werden, dass Joe allein mit dem Zug gefahren ist und sich außerhalb Oldenburgs befindet.
  • Die Einsatzkräfte weiten die Suche in umliegende Gemeinden und Landkreise aus.

Sonntag (19. Juni):

  • Am Nachmittag folgen über 100 Menschen einem privaten Aufruf zur Suche und treffen sich auf dem Rewe-Parkplatz an der Wehdestraße in Donnerschwee.
  • Aufgeteilt in Kleingruppen durchstreifen sie weitläufig Donnerschwee und Straßen angrenzender Stadtteile, vor allem im Umfeld Ammergaustraße und Flötenstraße
  • Das Verschwinden von Joe hat sich längst in den Sozialen Medien verbreitet, die Anteilnahme nach der Suche des Jungen ist groß.

Montag (20. Juni):

  • Die Polizei weitet am Morgen die Suche auf weitere Stadtteile aus.
  • Es gehen zahlreiche Hinweise bei der Polizei ein. Jede noch so kleine Spur soll abgearbeitet werden und nichts unversucht bleiben, heißt es von einem Polizeisprecher.
  • Es gibt eine großangelegte Suchaktion im Bereich des Woldsees in Bad Zwischenahn.
  • Flyeraktion ab 15 Uhr auf dem Pferdemarkt: Eine private Initiative hat einen Flyer mit allen relevanten Informationen (Personenbeschreibung, Empfehlungen zum Verhalten gegenüber Joe) entworfen. Viele Freiwillige verteilen die Flyer im gesamten Stadtgebiet.
  • Am Nachmittag wird der Flötenteich von der Wasserschutzpolizei mit einem Sonarboot abgesucht.
  • Abends führt die Spur nach Wehnen in die Nähe der Karl-Jaspers-Klinik. Ein Zeuge will Joe dort gesehen haben.
  • Es gibt eine großangelegte Suche mit Spürhunden und einem Polizeihubschrauber, hunderte Einsatzkräfte aus umliegenden Polizeiinspektionen werden zusammengetrommelt.

Dienstag (21. Juni):

  • Einsatzkräfte öffnen Altkleidercontainer rund um den Wohnort der Familie im Stadtnorden in der Hoffnung, Joe versteckt sich in einem Container.
  • Ein anderer Zeuge will den Achtjährigen am Morgen in einem Erdbeerfeld nahe der Karl-Jaspers-Klinik gesehen haben. Mitglieder der Ammerländer Feuerwehr suchen mit einer Drohne in Wehnen im Umfeld der Karl-Jaspers-Klinik.

Mittwoch (22. Juni):

  • Gegen 3.15 Uhr beginnen etwa 20 Mitglieder der Drohnengruppe der Ammerländer Kreisfeuerwehr ihre nächtliche Suche nach Joe in Wehnen. Die Zeit habe man bewusst gewählt, da direkte Sonneneinstrahlungen tagsüber die Suche mit der Wärmebildkamera erschweren, so der Leiter der Drohnengruppe. Erst um 9.15 Uhr am Morgen wird die Suche aufgrund der gestiegenen Temperaturen beendet.
  • Auch Fußspuren, die in einem Maisfeld in Wehnen sowie einem benachbarten Waldstück gefunden und anschließend von der Spurensicherung geprüft wurden, stammen nicht von Joe. Am Mittwoch suchten die Einsatzkräfte im Bereich von Wehnen, Ofen, Bloh und anderen Bereichen in Oldenburg sowie im Ammerland nach dem Jungen.

Donnerstag (23. Juni):

  • Gegen Mitternacht will ein Zeuge Joe auf dem Gelände des Media Markts am Posthalterweg in Oldenburg gesehen haben. In der Nacht zu Donnerstag gab es eine Suchaktion in dem Gebiet bis hin zur BBS Wechloy, bei der Spürhunde zum Einsatz kamen – allerdings erfolglos.
  • Die Polizeiinspektion Oldenburg-Stadt/Ammerland und die Staatsanwaltschaft Oldenburg richten die Mordkommission „Ammer“ ein, der 30 Beamte zugeordnet werden. Die Staatsanwaltschaft ermittelt gegen „Unbekannt“. Damit bestehe nun die Möglichkeit, umfangreichere Maßnahmen wie die Auswertung und Sicherung von Handydaten durchzuführen. Wie die Polizei mitteilt, ergab sich aus dem Hinweis eines Zeugen der Verdacht, Joe könne Opfer einer Straftat geworden sein – konkretere Angaben wurden nicht gemacht.
  • Bei ihren Ermittlungen arbeitet die Polizei nun zweigleisig: Einerseits wird die Suche fortgeführt, die dafür eingerichtete Sonderorganisation bleibt bestehen. Andererseits ermittelt die Mordkommission wegen des Verdachts eines Verbrechens. Seit Joes Verschwinden hatte die Polizei in alle Richtungen ermittelt.

Freitag (24. Juni):

  • Die Suche geht weiter, wenn auch nicht in dem Ausmaß wie in den Tagen zuvor. Die Polizei arbeitet weiter Hinweise ab, unter anderem werden Videoaufnahmen vom Oldenburger Hauptbahnhof und aus den Bussen der VWG ausgewertet.

Samstag (25. Juni):

  • Am Samstag kommt die erlösende Nachricht: Joe lebt! Er wird morgens lebend in einem Gully in der Nähe seines Elternhauses an der Ammergaustraße entdeckt. Ein Zeugenhinweis um 6.20 Uhr führte zum Auffinden des geistig behinderten Jungen: Demnach hat ein Zeuge ein leises Weinen aus einem Gully an der Ecke Kranichstraße/Ammergaustraße gehört und sofort die Polizei informiert. Einsatzkräfte der Feuerwehr öffneten den Gullydeckel und befreiten Joe. Er wurde umgehend zur Versorgung in die Kinderklinik gebracht, bestätigte das Klinikum Oldenburg. Wie Polizeisprecher Stephan Klatte mitteilt, war der Junge bei seinem Auffinden äußerlich unverletzt, jedoch unterkühlt. Wann und wo Joe in das verzweigte Kanalsystem gekommen ist, ist nun Teil der Ermittlungen der Mordkommission „Ammer“.
  • Polizei und OOWV (Oldenburgisch-Ostfriesischer Wasserverband) kontrollieren alle Gullys und Kanalrohre an den Gräben im Umfeld der Fundstelle. Einen Hinweis auf eine Einstiegsstelle wurde laut Polizei nicht gefunden.

Sonntag (26. Juni):

  • Ein mit einer Kamera ausgestatteter Roboter einer Spezialfirma wird eingesetzt: Laut Polizeisprecher Klatte ist es denkbar, dass Joe an einer anderen Stelle des Kanalsystems eingestiegen und durch die Röhren gekrabbelt ist. Gefundene Hinweise und Spuren werden derzeit von Beamten ausgewertet.
  • Die Möglichkeit, dass ein Verbrechen vorliegt, wurde von der Polizei noch nicht zu den Akten gelegt. Aus ermittlungstaktischen Gründen äußerte sich die Polizei noch nicht dazu, ob Joe bei seinem Auffinden dieselbe Kleidung trug wie am Tag seines Verschwindens.
  • Bei Gelegenheit soll der Achtjährige im Krankenhaus von Beamten befragt werden. Am Wochenende geschah das aber noch nicht.

Montag (27. Juni):

  • Auch am Montag konnte die Polizei Joe noch nicht nach dem Erlebten befragen: „Wir warten auf ein Signal der Ärzte, die bestätigen, dass Joe gesundheitlich zu einer Befragung bereit ist. Ob das schon Dienstag oder vielleicht erst Mitte der Woche sein wird, wissen wir zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht“, sagte Polizeisprecher Stephan Klatte.
  • Auch wenn Joe gefunden wurde, soll die Mordkommission „Ammer“ bestehen bleiben. Die Polizei will allen noch offenen Fragen auf den Grund gehen, um herauszufinden, was genau passiert ist.

Dienstag (28. Juni):

  • Joe ist nicht Opfer eines Gewaltverbrechens geworden. Zu diesem vorläufigen Ermittlungsergebnis ist die Polizei Oldenburg am Dienstag gekommen. Nach Auswertung aller Spuren und Hinweise gehen die Beamten davon aus, dass der Achtjährige am Tag seines Verschwindens beim Spielen in ein etwa ein Meter breites Ablaufrohr in das Kanalsystem gekrochen ist und dort die Orientierung verlor. Eine erste Äußerung des Jungen soll diese Vermutung laut Polizei bestätigen.
  • Nach der Auswertung von Spuren, die am Sonntag in den Regenwasserkanälen gefunden worden, kommt die Polizei zu folgendem Entschluss: Der Achtjährige könnte in das Ablaufrohr am Hochheider Weg geklettert sein. Nachdem er etwa 23 Meter zurücklegte, befand Joe sich unter einem Gullydeckel am Kreuzungsbereich Hochheider Weg/Ammergaustraße und ist dem Kanalsystem ab hier durch ein Kunststoffrohr mit einem Durchmesser von 60 Zentimetern nach rechts gefolgt. 70 Meter weiter wurde seine Weste gefunden. Den Rest der Bekleidung fanden die Beamten weitere 65 Meter entfernt. Auf Nachfrage bestätigte die Polizei am Dienstag, dass Joe nackt gefunden worde.
  • Die Polizei geht davon aus, dass der geistig beeinträchtigte Junge beinahe die kompletten acht Tage in dem Kanalsystem festsaß. Zahlreiche Hinweise potenzieller Zeugen, die Joe während seiner Suche gesehen haben wollen, bestätigten sich nicht. Auch der Hinweis eines Zeugen, der Joe in Begleitung einer unbekannten Person gesehen haben will – woraufhin die Mordkommission eingerichtet wurde – bewahrheitete sich nicht.
  • Eine eingehende Befragung des Jungen im Krankenhaus konnte laut Polizei noch nicht stattfinden.

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