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Bild: Torsten von Reeken
Brief in die Zelle: Für Inhaftierte ist es wichtig, den Kontakt zur Außenwelt nicht zu verlieren. Gefangene haben ein Recht darauf, Briefe zu empfangen und zu versenden.Bild: Torsten von Reeken
Hannover

Inhaftierter aus JVA Hannover berichtet
„Jeder Brief ist ein Geschenk für mich“

Den Kontakt zur Außenwelt nicht verlieren: Das versuchen viele Inhaftierte im Gefängnis. Eine Möglichkeit ist da das Briefeschreiben. Wir haben es selbst versucht und einem Insassen der JVA Hannover geschrieben.

Hannover /Celle /Oldenburg Auf dem Foto lächelt einem ein Mann mit dunkelblonden Haaren entgegen. Er hat blaue Augen, ist um die 40 Jahre alt. Daneben ist ein Steckbrief. Der Mann ist auf der Suche nach einer Frau zum Briefeschreiben. Als Adresse steht dort Hannover, die Justizvollzugsanstalt (JVA).

Seit 2017 ist Per* in Haft. Sein Profil ist auf der Internetseite „Jailmail“ zu finden. Über diese Plattform hat die Autorin vor einem halben Jahr Briefkontakt aufgenommen. Warum er möchte, dass ihm Unbekannte schreiben? „Das lenkt mich ab, vertreibt die Langeweile und vor allem die Einsamkeit“, schreibt er. Gerade von Letzterem hat er eine Menge in seiner Zeit als Inhaftierter erfahren.

Briefkontakte wichtig

Das Recht auf Schriftwechsel und Besuch hat jeder niedersächsische Gefangene. „Außenkontakte sind zur Wiedereingliederung sehr wichtig und unabdingbar“, sagt der Leiter der JVA Oldenburg, Marco Koutsogiannakis. Neben „Jailmail“ gibt es unter anderem das „Schwarze Kreuz“, eine Christliche Straffälligenhilfe in Celle. Dort werden Ehrenamtliche ausgebildet und an Inhaftierte vermittelt, die einen Briefkontakt suchen. „Wir wollen niemanden aufgeben – ganz unabhängig davon, was verbrochen wurde“, sagt Ute Passarge, die seit fast zehn Jahren für den Verein tätig ist.

Zu Beginn von Pers Haft war das Schreiben oder gar Flirten mit fremden Personen für ihn keine Option. Früher war er in der Werbung tätig, hatte viel Kontakt zu anderen Menschen. Außerdem war er verheiratet. „Ich hatte die winzige Hoffnung, dass meine Ehe die Haft überlebt“, berichtet er. Auch das Verhältnis zu seinem Sohn ist kompliziert.

„Viele Inhaftierte verlieren ihre Kontakte, und man vereinsamt“, sagt Passarge. „Durch die Briefe sind sie gestärkter nach ihrer Entlassung und fühlen sich begleitet.“ Als es Per nach seiner Scheidung besser ging, stieß er über den Flurfunk auf „Jailmail“. „Etwas Bestimmtes habe ich nicht gesucht“, schreibt er. Zu groß war die Angst vor Enttäuschung. Nun ist das Briefeschreiben „Therapie und Lichtblick“ für ihn. „Ich kann meine Sorgen ansprechen. Jeder Brief ist ein Geschenk für mich.“

Regeln im Gefängnis

Bevor ein Brief bei ihm in seiner Einzelzelle landet, wird er geprüft. Gelesen werden dürfen diese nicht, erklärt Koutsogiannakis. Das Briefgeheimnis gilt auch im Strafvollzug. Für Inhaftierte in Untersuchungshaft gelten andere Regeln, dort kann der Text von einem Gericht kontrolliert und einbehalten werden.

Die Gründe, warum Frauen Per schreiben, sind vielfältig: „Manche suchen einen Brieffreund, Abstand von Facebook. Andere wollen einen Flirt. Man merkt recht schnell, ob wirklich Interesse besteht.“ Warum er im Gefängnis sitzt, erzählt er allerdings selten, will das Kapitel hinter sich bringen. Er habe aus seiner Zeit hinter Gittern gelernt.

Mehrheit an Frauen

Beim „Schwarzen Kreuz“ sind zwei Drittel der Briefkontakte Frauen im Alter von 23 bis 35 Jahren, sagt Passarge. Die hohe Quote liege aber auch daran, dass 95 Prozent der Inhaftierten in Niedersachsen männlich seien und nur fünf Prozent weiblich. Die größtenteils männlichen Inserate auf „Jailmail“ bestätigen diese Verteilung.

„Viele Schreiberinnen machen sich vor dem Briefkontakt Gedanken, dass der Insasse nach seiner Haft vor ihrer Tür steht“, sagt Passarge. Diese Ängste seien unbegründet. „Man muss in den Briefen direkt klarstellen, was man für Erwartungen hat.“

Über seine Annonce hat Per vor einigen Monaten Marie* aus Hildesheim kennengelernt. Sie schreiben sich häufig und telefonieren gelegentlich. Das ist allerdings ein teurer Luxus (mindestens 3,5 Cent die Minute), den er sich nur selten gönnt. Besonders vermisst Per Nähe. Durch die Corona-Pandemie sind die Besuchs-Möglichkeiten zusätzlich eingeschränkt.

Ein Gedanke baut ihn jedoch auf: Marie hat ihm versprochen, mit ihm Essen zu gehen. Obwohl es noch über ein Jahr dauern wird, bis er aus dem Gefängnis kommt. Bis dahin bleiben ihm wohl nur Stift und Papier, um Kontakt zur Außenwelt zu halten.

*Namen von der Redaktion geändert

Den Kontakt zur Außenwelt nicht verlieren: Das versuchen viele Inhaftierte im Gefängnis. Eine Möglichkeit ist da das Briefeschreiben. Wir haben es selbst versucht und einem Insassen der JVA Hannover geschrieben.
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