Im Nordwesten Weitgehend unbekannt und von vielen auch verdrängt ist eine Episode unmittelbar nach Ende des 2. Weltkrieges, die ein immerhin 6470 Quadratkilometer großes Gebiet zwischen Papenburg, Cloppenburg und Bad Bentheim betrifft. Etwa drei Jahre lang regieren Polen das Emsland – und manche Städte bekommen in dieser Zeit sogar polnische Namen.

Am 20. Mai 1945, es ist Pfingstsonntag, wird den Bürgern im katholischen Haren, einer Kleinstadt, die den Krieg unzerstört überstanden hat, von Ausrufer Otto Mecklenburg verkündet, dass sie die Stadt zu verlassen haben. Sie sollen Platz machen für verschleppte polnische Zwangsarbeiter, ehemalige Kriegsgefangene und aktive Soldaten der Armee der polnischen Exilregierung.

Zurückzulassen haben die Harener laut Befehl der Militärregierung: „die Möbel, Öfen und Herde, Küchengeräte, Teller, Tassen und Töpfe, sowie die nötige Anzahl von Bestecken“. Die etwa 3500 Einwohner werden auf 30 umliegende Ortschaften verteilt, wo sie zum Teil in Ställen einquartiert werden.

Haren wird Zentrum des polnischen Verwaltungsgebietes, hinter dem die antikommunistische, polnische Exilregierung steht. Erst heißt die Stadt Lwow, wird dann aber auf Protest der Sowjets wenige Tage später ein weiteres Mal umbenannt, denn das polnische Lwów (Lemberg) ist mittlerweile von der UdSSR annektiert worden. Am 24. Juni 1945 wird Haren in Maczków umbenannt – zu Ehren des scheidenden Generals der 1. Polnischen Panzerdivision, Stanisław Maczek, der seine Freiwilligentruppe bis nach Wilhelmshaven geführt hatte.

Städte werden geräumt

Haren ist nicht die einzige Stadt, die in diesen Tagen Besuch von Mecklenburg bekommt. Zuvor waren bereits vier Dörfer von deutschen Bewohnern geräumt worden. Auch Teile von Papenburg und Friesoythe werden von Polen bezogen. Der Friesoyther Ortsteil Neuvrees wird evakuiert und in Kacperkowo umbenannt. Noch heute existiert dort die so genannte Polenkirche, die in dieser Zeit gebaut wurde.

In Völlen, einem winzigen Straßendorf an der Ems, verfahren die Briten, die weiterhin die Oberhoheit über den Nordwesten haben, anders: Wer westlich der Straße wohnt, muss auf die östliche Seite umziehen. In die Häuser westlich der Straße ziehen Polen ein. Fortan schauten sich Polen und Deutsche gegenseitig in die Fenster. Im Emsland werden diese Jahre noch heute als die „Polenzeit“ bezeichnet. Und das ist nicht positiv gemeint.

Dass die Briten das Emsland den Polen überlassen, hat vielfältige Gründe. Zum einen haben die polnischen Truppen einen wesentlichen Teil dazu beigetragen, den Nordwesten zu erobern und dabei schwere Verluste erlitten. Nun können die 10.000 Soldaten nicht in ihre Heimat zurück, denn dort droht ihnen die Todesstrafe. Zum anderen gibt es im Emsland bei Kriegsende Schätzungen zufolge etwa 40.000 verschleppte „Displaced Persons“ (DP), die meisten davon sind Polen und leben zu diesem Zeitpunkt immer noch in den Lagern, in die sie von den Nazis gesperrt worden waren.

Dem Historiker Arthur Osinski zufolge denkt die polnische Exilregierung zu diesem Zeitpunkt sogar darüber nach, die Enklave für bis zu 200.000 Polen auszubauen, um so Druck auf die alliierten Verbündeten auszuüben und freie Wahlen in Polen zu erreichen. Dazu kommt es aber nicht.

Briten verlieren Interesse

Nach der Anerkennung der Warschauer Regierung durch Großbritannien im Sommer 1945 verlieren die Briten das Interesse an den Polen. Ziel ist es nun, die Flüchtlinge zur Rückkehr in ihre Heimat zu bewegen – auch mit Blick auf die deutsche Bevölkerung, in der der Unmut über die polnischen Besatzer wächst. Der Hass geht so weit, dass auf dem Kirchplatz in Aschendorf eine Liste mit Namen von 35 deutschen Frauen ausgehängt wird, die vermeintlich Beziehungen zu polnischen Soldaten unterhalten.

Der Rückzug der polnischen Soldaten aus Haren beginnt im Herbst 1946. Laut der Digitalen Dokumentationsstelle zur Kultur und Geschichte der Polen in Deutschland, Porta Polonica, verlässt die letzte polnische Familie Maczków im August 1948.

Ab dem 10. September 1948 heißt die Stadt wieder Haren. Zeitgleich werden die polnischen Truppen in England demobilisiert. General Maczek, der in England bleibt, wird der Kombattantenstatus aberkannt. Als Folge dessen bekommt er keine Rente und muss sich als Barmann durchschlagen.

Im Stadtbild von Haren erinnert heute nichts mehr an diese drei Jahre. Dies soll sich allerdings ändern. Schon bald soll im Ort ein Dokumentationszentrum eröffnet werden.


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Jörg Jung Redakteur / Regionalredaktion
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