Oldenburg Wie oft hat sie das schon gehört? 100-mal? 1000-mal? Gudrun Schneider weiß es nicht. So oft jedenfalls, bis ihr der Kragen platzte: Sie schrieb einen leidenschaftlichen Text dagegen, dass Altenpfleger in der Öffentlichkeit immer noch als „Arschabwischer“ gesehen und bezeichnet werden. (Sie schrieb das Wort aus: „weil es genauso brutal gerufen, geflötet, gezischt wird“.) Der Text erschien im Pflege-Newsletter der Evangelischen Altenpflegeschule Oldenburg, die Reaktionen darauf waren zahlreich und begeistert.

Das böse Wort ist aber immer noch da.

Warum ist das Bild von Altenpflege in der Öffentlichkeit so, wie es ist? Nämlich: geringschätzend, unzeitgemäß, „furchtbar“, wie Gudrun Schneider sagt? Ein Gespräch in der Altenpflegeschule mit Ausbilderin Schneider, 62 Jahre alt, und Schulleiterin Birgit Voß, 57 Jahre alt.

Frau Schneider, „Arschabwischerin“ ... sagt so etwas tatsächlich jemand zu Ihnen?

Schneider: Viele unserer Schüler berichten, dass sie mit diesen Bemerkungen beworfen werden. Wenn sie abends weggehen, zu Partys zum Beispiel oder auf den Kramermarkt. Dann ist man schnell bei den Fäkalien und bei der Frage: „Wieso machst du das, traust du dir nichts anderes zu?“

Voß: Das ist die eine Bemerkung. Die andere lautet: „Waaas?! Das könnte ich nicht!“ Als ob es sich um eine fremde Spezies handelt, mit der man es hier zu tun hat!

Zeitgemäße Pflege

Die Evangelische Altenpflegeschule e.V. Oldenburg bildet seit fast 60 Jahren Altenpfleger aus. Der Verein ist Mitglied im Diakonischen Werk.

Zeitgemäße Pflege bedeutet laut dem Zweiten Pflegestärkungsgesetz, sich an den Bedürfnissen des einzelnen Menschen zu orientieren, an seiner individuellen Lebenssituation und an seinen individuellen Einschränkungen und Möglichkeiten. Ziel ist es, Pflegebedürftige individueller zu versorgen und ihre Selbstständigkeit zu stärken.

Was antworten Ihre Schüler auf solche Fragen und Bemerkungen?

Schneider: Oft sagen sie nichts. Oder drehen sich lächelnd weg.

Voß: Es führt dazu, dass sich manche gar nicht mehr outen als Altenpflegerin. Sie finden Umschreibungen, sie sagen, dass sie im Gesundheitswesen arbeiten.

Schneider: Ich vergleiche das manchmal mit anderen Berufen. Wenn ich sage: „Ich bin Chirurg“, dann sagt niemand: „Bah, du wühlst in den Eingeweiden oder im Darm von anderen Leuten rum“. Oder beim Zahnarzt, da ruft auch niemand: „Iiih!“

Voß: Der Sozialstatus in der Gesellschaft von Ärzten ist ganz anders definiert. Der Blick auf die Altenpflege hat aber auch mit dem gesellschaftlichen Bild von Alter und Altern zu tun. Der gestandene, hochbetagte Senior taucht ja in der Öffentlichkeit nicht auf. Wenn es um Informationen zur Pflegeversicherung geht oder ums Pflegestärkungsgesetz, werden immer Fotos eingesetzt, die Pflegebedürftigkeit im alten Verständnis zeigen: Da ist das Bett mit der Triangel, der Rollstuhl, Gebrechlichkeit.

Und was wäre Pflege im aktuellen Verständnis?

Voß: Wir haben jahrzehntelang ein eher fürsorgendes Bild gehabt. Jetzt geht es darum, jemanden in seiner Selbstständigkeit zu unterstützen, seine Selbstständigkeit zu fördern. Ich muss, um eine adäquate Versorgung gewährleisten zu können, die individuellen Bedarfe erheben, diagnostizieren, auf Grundlage meiner Analyse die Versorgung planen, sie dann durchführen. Das ist originär Aufgabe von Fachkräften.

Wer Pflege auf den „Arschabwischer“ reduziert, sagt im Grunde: Pflege kann jeder. Kann Pflege jeder?

Schneider: Ich muss ganz viel medizinisches Fachwissen erwarten dürfen als pflegebedürftiger Mensch. Es kann sein, dass ich etwas nicht mehr kann, weil ich etwas mit dem Bewegungsapparat habe. Oder aufgrund einer seelischen oder geistigen Erkrankung. Oder alles zusammen. Das muss die Fachkraft verstehen können. Wie wirkt sich die Erkrankung aus bei mir? Dazu muss die Fachkraft in der Lage sein, mit mir zu sprechen. Sie muss wissen, wo sind Risiken, wo sind Gefahren, was wollen und können wir erreichen? Das machen auch viele Pflegekräfte, aber vielen ist die Professionalität, mit der sie das machen, gar nicht so klar.

Voß: Das Pflegeverständnis, das der Gesetzgeber mit dem Pflegestärkungsgesetz fordert, ist auch nicht kompatibel mit seinen Finanzierungssystemen. Der Gesetzgeber misst Pflegebedürftigkeit, indem festgestellt wird, inwieweit die Selbstständigkeit ausgeprägt ist. Gelingt es einem Pflegedienst, die Selbstständigkeit eines Klienten so weit zu fördern, dass ein anderer Pflegegrad erreicht werden kann, dann werden geringere Mittel gezahlt. Ich habe von dem ohnehin knappen Budget noch weniger. Also findet praktisch nicht statt, was der Gesetzgeber festgeschrieben hat. Das führt dazu, dass die Berufsrealität völlig abweicht von dem, was in der Schule angelegt ist und laut Gesetz auch angelegt sein muss.

*

Schule ist nicht mehr das, was sie mal war. Im Klassenraum stehen die Tische kreuz und quer, Schüler laufen, sitzen, schneiden, kleben, schreiben, diskutieren: Gruppenarbeit. Die Schüler, das sind Frauen und Männer im Alter zwischen 19 und 54, Anna-Lena aus Zetel zum Beispiel, Silke aus Nordenham, Julian aus Cloppenburg. Einige von ihnen haben als Helfer in der Pflege gearbeitet und machen nun ihre Fachausbildung, andere kommen direkt aus der Schule, manche aus anderen Berufen. Jetzt basteln sie buchstäblich an einem neuen Pflegebild: „Das sich stetig weiterentwickelnde Pflegepuzzle“ steht auf über einem bunten Plakat, „Pflege mit biografischem Hintergrund“ über einem zweiten.

Vor einer Stellwand wartet Thorsten, 40 Jahre alt, aus Wahnbek; über seinem Kopf klebt das Wort „Behandlungspflege“, darunter pappen Zettel in drei Farben.

„Fallbeispiel“, sagt Thorsten: „Blutzuckermessung mit Insulin-Injektion. Was brauchen wir?“ Auf blauen Zetteln stehen Materialien wie Tupfer, Desinfektionsmittel, Teststreifen. „Das ist das Hintergrundwissen, das ist als Skill vorhanden“, sagt Thorsten. Auf orangen Zetteln haben die Schüler die „allgemeinen Kenntnisse“ aufgeschrieben, die sie brauchen für die Blutzuckermessung: Hygienevorschriften, Qualitätssicherung, Remonstrationsrecht. Remonstrieren, das bedeutet: einer ärztlichen Anweisung zu widersprechen, wenn der Pfleger sie für falsch hält.

„Wir sehen uns als Sprachrohr des Patienten“, sagt Sina, 20 Jahre alt, aus Rastede, „wir sehen uns nicht als unter dem Arzt stehend.“ Thorsten sagt es so: „Pfleger können Pflege!“

„Es gilt ja auch als gefährliche Pflege, eine ärztliche Anordnung unhinterfragt zu übernehmen“, bestätigt Gudrun Schneider.

Die Pflegeschüler haben ein selbstbewusstes Bild von Pflege und Pflegern. Die Frage, die Schulleiterin Voß und Ausbilderin Schneider umtreibt, lautet allerdings: Wie können die Schüler dieses Selbstbewusstsein später in den „Mühlen des Alltags“ (Schneider) aufrechterhalten, in der „Maschinerie der Praxis“ (Voß)?

* Schneider: Der Arbeitsalltag ist ein anderer als das, was in den Qualitätsanforderungen abgebildet ist. Das hängt auch damit zusammen, dass in der Pflege die Krankenquote erheblich ist, die Aussteigerquote hoch, es Personalmangel ohne Ende gibt. Es werden Fachkräfte gesucht, die dann nicht eingestellt werden können, weil es keine gibt. Und das hängt wiederum damit zusammen, dass die Vorstellung von Pflege in der Gesellschaft eine ganz furchtbare ist. Ich glaube, es ist notwendig, dass die Leute in der Pflege mehr Geld verdienen und dass die Arbeitsbedingungen besser werden – aber es ist genauso wichtig, dass sich das Bild von Pflege ändert!

Damit sind wir wieder am Anfang unseres Gesprächs: beim Bild vom Pfleger als „Arschabwischer“. Wie können wir dieses Bild ändern?

Voß: Wenn pflegende Mitarbeiter verstehen, wo ihre Kompetenzdomänen sind und diese angemessen auskleiden, dann gehen sie mit einem ganz anderen Standing, mit Stolz und Befriedigung ihrer Arbeit nach. Dieses A-Abwischen ist eine vermeintlich profane Tätigkeit – ich brauche aber profundes Hintergrundwissen, um einen Klienten bedarfsgerecht versorgen zu können.

* Vor der Stellwand zeigt Thorsten auf die gelben Zettel, „Individuell“ steht darüber, es geht um den Patienten. Auf den Zetteln stehen Begriffe wie „Biografie“, „Persönliche Präferenzen“, „Pflegediagnosen“. „Wir wollen wissen: Was braucht der, was mag der gern?“, sagt Thorsten. Pfleger können Pflege – aber Pflege-Laien sehen allenfalls die Aufmerksamkeit, die Freundlichkeit, die täglichen Notwendigkeiten. „Den professionellen Teil können sie nicht sehen“, sagt Gudrun Schneider.

* Schneider: Es geht immer wieder um diese sogenannten niederen Tätigkeiten, die gar keine niederen Tätigkeiten sind! Wir sollten nicht sagen, ich wasche jetzt jemanden und integriere da jetzt Beratung und Prophylaxe, sondern: Der Mensch braucht Beratung und Prophylaxe, und da integriere ich jetzt das Waschen.

Voß: Ich glaube, dass vieles davon von den Fachkräften total unbewusst geleistet wird. Die machen Diagnostik, Planung, Intervention, Dokumentation, Evaluation, aber sie vertreten das nicht bewusst nach außen.

Und wie bekommen wir das nun nach außen?

Voß: Den Einrichtungen und Diensten würde es gut tun, wenn sie ihre Türen öffnen würden. Wenn sie zeigen würden: Wir machen vielleicht nicht alles hundertprozentig perfekt – aber wir geben unser Bestes unter schlimmsten Rahmenbedingungen. Stattdessen gehen die Türen immer nur für Negativberichterstattung auf wie beim „Team Wallraff“.

Schneider: Man müsste mal eine Vorabendserie drehen über eine Pflegerin. Aber da geht es ja lieber um Ärzte.

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Karsten Krogmann Redakteur / Reportage-Redaktion
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