München Zehn Tage lang war bei Olympia 1972 alles Gold, was glänzt. Nach dem Überfall palästinensischer Terroristen auf die israelische Sportmannschaft am 5. September allerdings wurden die zuvor bunten Spiele tiefschwarz gefärbt. Der Schatten des Massakers liegt bis heute auf dem Umgang des deutschen Staates mit den Opfern und deren Angehörigen. Bis zu dieser schicksalshaften Nacht von München vor 50 Jahren standen die stolzen Medaillengewinner im Mittelpunkt des Medieninteresses. Und noch immer erinnern sich deutsche Sportfans mit großen Gefühlen an den Olympia-Sieg der damals 16-jährigen Hochspringerin Ulrike Meyfarth, von Weitspringerin Heide Rosendahl oder Speerwerfer Klaus Wolfermann, die glückselig ihre Goldstücke in die Kameras hielten.

Die Kehrseite der Medaille war für Kunstfreunde – wie auch die Geschichte um die Entwürfe von Gerhard Marcks (1889-1981) – bei weitem spannender. Im Alterswerk des berühmten Bildhauers und Lehrers am Staatlichen Bauhaus in Weimar nimmt die Gestaltung der Rückseite der Siegermedaillen für die Spiele 1972 eine besondere Rolle ein. Erstmals seit 1928 wurden die Medaillen neugestaltet, indem die Vorderseite von Giuseppe Cassioli mit einer Viktoria vor dem Kolosseum durch ein neues Rückseitenbild ergänzt wurde.

Marcks gestaltete die Rückseite in Gestalt zweier nackter stehender Jünglinge, die die Arme umeinander gelegt haben und die als das antike Brüderpaar der Dioskuren zu verstehen sind. Vom Bayerischen Hauptmünzamt wurden für diesen Zweck insgesamt 365 Versionen in Gold, 365 Versionen in Silber und 381 Güsse in Bronze hergestellt.

Zudem hatte sich Marcks im Vorfeld der Spiele im Jahr 1970 an einem Künstlerwettbewerbs für eine Teilnehmerplakette für die Olympischen Spiele beteiligt und dabei insgesamt vier Entwürfe eingereicht: einen Reiter, einen Läufer in zwei Versionen sowie eine Diskuswerferin. Die Plaketten gehören in den Rahmen von Gerhard Marcks Beschäftigung mit den Themen Sport und Antike, die schließlich in der spektakulären Neugestaltung der Siegermedaillen für die Olympischen Spiele 1972 durch Marcks gipfelte.

Trotz der Bedeutung dieser Neugestaltung für die Entwicklung der olympischen Medaillen fehlt bisher eine wissenschaftliche Aufarbeitung dieses Prozesses, der sich im Vorfeld der Münchner Spiele zwischen dem Bildhauer und Vertretern des Organisationskomitees abspielte.

Gerhard Marcks, der ein ausgezeichneter Kenner antiker Mythologie und Ikonographie war, kannte zweifellos die Bedeutung des Brüderpaars als Sinnbilder brüderlicher Liebe. Dabei fungiert Pollux, der als Sohn des Zeus ein Halbgott ist, als Faustkämpfer, während der sterbliche Kastor als Rossebändiger verstanden wird. Als Schutzpatrone des römischen Volkes zierten sie überdies gleichsam standardmäßig die Rückseiten römischer Silbermünzen, als Büsten oder Reiter in heroischer Nacktheit.

In ihrer Gesamtheit ist die Münchner Medaille stilistisch unbefriedigend, indem sie die klassizistisch kleinteilige Vorderseite von Cassioli mit der strengen reduzierten Rückseite von Marcks kombiniert. Tatsächlich hatte Marcks in seinem Entwurf Vorder- und Rückseite gestaltet und war auch davon ausgegangen, dass dieser Entwurf vollständig umgesetzt würde. Im archivalischen Nachlass von Gerhard Marcks im Gerhard-Marcks-Haus in Bremen finden sich aufschlussreiche Zeugnisse zum Werdegang der Medaille und zum Zorn des Bildhauers über die unharmonische Zusammenstellung der beiden Seiten.

Am 6. November 1970 erwähnt Marcks gegenüber seiner Kölner Galeristin Wilhelmine Hoffmann, dass er sich mit zwei Plaketten befasse, „einem Reiter, den ich in Silber giessen will, und einem Läufer – aber welche Sportbehörde wäre ansprechbar? Die Sportsleute haben wohl auch den Sprung vom Brunsthirsch zur Popart unter Umgehung von Kunst gemacht.“ Drei Wochen später teilt er ihr mit, dass der Gießer Schmäke drei Plaketten bekommen habe: Läufer, Reiter und Diskuswerferin (Brief vom 29. November 1970).

Am 13. März 1971 fragt Otl Aicher, der für das Gesamtdesign der Münchner Spiele verantwortlich zeichnete, bei Marcks an, ob er den für Ende März in Aussicht gestellten Termin zur Einreichung seiner Entwürfe einhalten könne. Am 28. März schickt Marcks diese an Aicher. Willy Daume, der mächtige Präsident des Nationalen Olympischen Komitees für Deutschland (NOK), telegrafiert am 22. April 1971 an Marcks: „Verehrter Herr Professor nach meiner Rückkehr finde ich die beiden wundervollen Plaketten vor (…)“.

Am 4. Mai 1971 wird er in einem Brief deutlicher. Er selbst und „alle anderen, die die Plaketten-Entwürfe sahen, seien begeistert gewesen, vor allem von Kastor und Pollux‘.“ Er dankt Marcks, dass dieser seine Arbeit der guten Sache stifte, was er als noble Geste und Ermutigung für die Arbeit des Komitees bezeichnet. Gleichzeitig lädt er Marcks als Ehrengast der Spiele ein. Aus dem Schreiben geht auch hervor, dass Daume Marcks zuvor in der Eifel besucht hat.

Am 27. Mai telegrafiert wiederum Otl Aicher an Marcks und bitte um Verständnis, dass vor der endgültigen Entscheidung zunächst noch eine Stellungnahme des Internationalen Olympischen Komitees ausstehe. Und am 10. Juni schreibt Willy Daume einen langen Brief an Marcks. Er beginnt: „Verehrter Meister, lieber Herr Professor Marcks, dies ist die Nachricht, auf die Sie sicherlich schon lange gewartet haben: Ihren schönen Entwurf ,Castor und Pollux‘ wollen wir für die offizielle olympische Siegermedaille nehmen. Wir sind alle über die Entscheidung sehr glücklich. Sie werden sich erinnern, daß wir für die Sieger-Medaillen nur eine neue Seite brauchen; es ist vorgeschrieben, daß die andere Seite von der seit 1896 überlieferten Medaille übernommen wird. Das Internationale Komitee möchte auf diese Art eine gewisse Kontinuität wahren. Es ist ja überhaupt das erste Mal, daß ein neuer Entwurf erlaubt wird.“

Abgesehen davon, dass Daume irrte, wenn er meint, die Siegermedaille sei seit 1896 unverändert geblieben – erst seit 1928 war unverändert der Entwurf von Cassioli verwendet worden! –, so täuschte er sich auch in der Reaktion von Marcks. Dieser schrieb geradezu erbost zurück: „S. v. Herr Daume! Dank für Ihre schlechte Nachricht – ich hatte sie keineswegs erwartet. Bitte, lieber Herr, machen Sie den Quatsch rückgängig! Sind denn die Sportbehörden von allen Musen verlassen, dass das Dümmste und Geschmackloseste ihnen gerade gut genug ist? Diese bucklige Lösung des Aneinanderklebens zweier inkommensurabler Plakettenhälften kann sich nur der Teufel ausdenken. Ich habe mich streng an Ihre Angaben gehalten, keine Mühe (und keine Kosten) erspart um eine schöne Lösung zu finden, und ich glaube, sie ist geglückt. Die Herren begreifen wohl nicht, dass ich ihnen um der großen Sache Willen ein Geschenk machen will, das sich vor der Welt sehen lassen kann. Die Architektur für die Olympiade konnte nicht modern genug sein – würden Sie sich da ein Stadion von 1896 zwischen bauen lassen?“

Daume und sein Mitarbeiter beim Organisationskomitee der Olympischen Sommerspiele 1972 Friedhelm Brebeck versuchten in der Folge wortreich Marcks Groll zu besänftigen, aber der kann sich auch in den nächsten Jahren nicht über die Verstümmelung seines Entwurfs beruhigen. So schreibt er beispielsweise am 2. November 1973 an den Bildhauer Arthur Klingler: „… ich habe versucht für die „Olympiade 73 [sic! – möglicherweise ironisch gemeint?] eine anständige Plakette zu machen. Aber die Sportbehörde hat meinen Versuch vereitelt. Vorn kam, aus Traditionstreue‘ die Plakette von 1898, hinten die Hälfte meines Entwurfs drauf. Sollten Sie damit zufrieden sein, so sei Ihnen die Plakette ,in Gold‘ geschenkt – ich habe die Vorderseite demoliert.“

Zum Autor: Dr. Harald Schulze (Jahrgang 1963) ist Abteilungsleiter Mittelmeerraum & Orient der Archäologische Staatssammlung in München und Kenner des Werks von Gerhard Marcks. Schulze ist Fachgutachter und Sachverständiger für archäologische Kulturgüter, u. a. in der juristischen Auseinandersetzung im Fall der Sammlung Cornelius Gurlitt („Schwabinger Kunstfund“). Er veröffentlicht neben fachwissenschaftlichen auch wissenschaftsjournalistische Beiträge zu archäologischen und kulturhistorischen Themen in Zeitschriften und Zeitungen.

Oliver Schulz Leitender Redakteur / Redaktion Kultur/Medien
Meine Themen: Verpassen Sie keine für Sie wichtige Meldung mehr!

So erstellen Sie sich Ihre persönliche Nachrichtenseite:

  1. Registrieren Sie sich auf NWZonline bzw. melden Sie sich an, wenn Sie schon einen Zugang haben.
  2. Unter jedem Artikel finden Sie ausgewählte Themen, denen Sie folgen können.
  3. Per Klick aktivieren Sie ein Thema, die Auswahl färbt sich blau. Sie können es jederzeit auch wieder per Klick deaktivieren.
  4. Nun finden Sie auf Ihrer persönlichen Übersichtsseite alle passenden Artikel zu Ihrer Auswahl.

Weitere exklusive Plus-Artikel

Ihre Meinung über 

Hinweis: Unsere Kommentarfunktion nutzt das Plug-In „DISQUS“ vom Betreiber DISQUS Inc., 717 Market St., San Francisco, CA 94103, USA, die für die Verarbeitung der Kommentare verantwortlich sind. Wir greifen nur bei Nutzerbeschwerden über Verstöße der Netiquette in den Dialog ein, können aber keine personenbezogenen Informationen des Nutzers einsehen oder verarbeiten.