Aurich Ernst Kuntner (74) ist überall, packt mit an, sorgt für Nachschub und macht Mut. Die Arbeit in der Auricher Tafel ist für die ehrenamtlichen Mitglieder aktuell kein Spaziergang, denn die Kunden werden mehr. „Es muss alles laufen. Da kann ich niemandem über die Schulter schauen“, muss sich Kuntner fest auf seine Mitarbeiter verlassen können. Schon seit 15 Jahren ist der Pensionär, der früher bei Schüt-Duis im Laden stand, im Einsatz, bringt es in seinem Ehrenamt nicht selten auf 60 Stunden pro Woche. „Aber die Arbeit füllt mich aus“, sieht sich der rüstige Auricher hier mit seinen Helfern auf einem Brett. „Mit der Rente stand die Frage im Raum: Was mache ich jetzt?“

Vorurteile zu Beginn

Ernst Kuntner vor den Vorräten, die täglich in der Auricher Tafel ausgegeben werden. Bild: ggm

Damals war die Tafel, die heute an der Julianenburger Straße in Aurich beheimatet ist, noch mitten in der Innenstadt. „Es kamen vor allem Rentner, denen wir bei ihrer kleinen Rente unter die Arme greifen wollten“, erinnert sich Kuntner. Dann aber wandelte sich das Bild, das System der Tafeln wurde immer ausgeklügelter. Menschen aus breiteten Schichten der Gesellschaft stehen heute vor der Tür. Aber die Tafel hatte anfangs auch mit Vorurteilen zu kämpfen, von Missbrauch war gar die Rede, weil Nutzer angeblich „mit dem Mercedes vorfahren“ würden. Inzwischen bekommen die Nutzer eine Uhrzeit genannt, zu der sich sich einfinden können, um Wartezeiten zu verhindern. „Zu uns können nur Bedürftige, wenn sie sich zuvor bei der Diakonie angemeldet haben“, betont Geschäftsführer Matthias Caspers. „Wir weisen niemanden ab“, sagt auch Kuntner in der Auricher Ausgabestelle. Aktuell steigen die Zahlen erheblich, weil mehr Flüchtlinge aus der Ukraine das Angebot nutzen. Das gilt auch für Vadim Degtyarov (37) aus der Ukraine, der mit seiner Frau Irina (34) und den beiden Kindern Olex (11) und Darya (3) ansteht. Er konnte vor dem Krieg aus Mariupol flüchten, ist seit zehn Tagen in Ostfriesland und in einem Wohnhaus in Aurich untergekommen. „Wir sind froh, dass es dieses Angebot gibt“, sagte Vadim. In der Ukraine gebe es solche Hilfen nicht, sagt er. Die Stammkundschaft indessen kommt schon seit vielen Jahren aus Aurich und Umgebung. Da ist beispielsweise die 48-jährige Auricherin, die lieber anonym bleiben will. Ohne die Tafel würde es eng auf ihrem Speiseplan, sagt sie, nachdem sie vor zwei Jahren ihren gewalttätigen Mann aus ihrem Leben geworfen hat. „Ich war allein und stand plötzlich ohne Einkommen da“, sagt die Mutter von zwei erwachsenen Söhnen. Einer von ihnen hat ihr eine Wohnung angeboten. Aber sie will sich ein letztes Stück Selbstständigkeit bewahren, niemandem auf der Tasche liegen. Doch in ihrem Alter noch eine neue Arbeit finden? Und dann leidet sie noch an Arthrose und Diabetes. „Das ist schwierig“, sagt sie. Und zu allem Überfluss sind aktuell noch die gestiegenen Strom- und Gaspreise draufgesattelt worden. Für Caspers ist und bleibt die Tafel eine wichtige Anlaufstelle, die nicht mehr wegzudenken ist. „Was die Leute bei uns sparen, können sie woanders wieder investieren“, weiß der Geschäftsführer. Für Kuntner ist vor allem der Einsatz für das Ehrenamt sehr wichtig. Und dabei bezieht er auch die Supermärkte und Spender ein. Er kann sich kaum etwas anderes vorstellen, geht darin auf, sagt der 74-Jährige, auch, wenn es durchaus mit Stress verbunden ist. Schon morgens in der Früh beginnt sein Tag, wenn er die Waren von den Supermärkten abholt. „Und manchmal sind richtige Leckerbissen dabei“, sagt er. Besonders stolz ist er bis heute auf eine Lieferung von 500 Käsepaketen aus einer Molkerei, die er auf alle vier Tafelstandorte in Aurich, Südbrookmerland, Friedeburg und Großefehn verteilen konnte. Und die Kunden danken es den Helfern, sagt Claudia Richter. „Mal mehr, mal weniger“, sagt sie. „Die meisten sind nett und ankbar.“

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Die Aufnahmequote für Flüchtlinge ist vom Land Niedersachsen vorgegeben für den Landkreis Aurich. Sie beträgt 3155 Personen. 

Die Zahl der flüchtenden Menschen, die den Landkreis Aurich zukünftig erreichen werden, hängt vor allem vom weiteren Kriegsverlauf in der Ukraine ab. 

Andere Ursachen für die Flucht aus Krisengebieten weltweit sind nicht vorhersehbar. Die Zahlen können nicht vorausgesagt werden.

Bislang registriert wurden im Landkreis Aurich Bislang 2100 geflüchtete Menschen, weitere 23 Personen sind zur Registrierung angemeldet (Stand: 27. Juli, 10:30 Uhr).

„Die meisten Kunden sind nett und dankbar“: Claudia Richter ist seit zwei Jahren ehrenamtlich bei der Tafel aktiv. Bild: ggm
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