München Stattliche 6,18 Millionen Reichsmark ließ der „Kini“ fließen – weit mehr, als seine Hofkasse hergab. Und wofür? Auf einem zerklüfteten Felsen hoch über Füssen sollte vor malerischer Kulisse ein Bau „im echten Styl der alten deutschen Ritterburgen“ entstehen: außen Mittelalter, innen modernste Technik, ein Projekt zwischen Genie und Wahnsinn. Beim mythenumrankten Tod des Monarchen am 13. Juni 1886 im Starnberger See war Neuschwanstein immer noch eine Baustelle.

Doch schon sechs Wochen später wurde es wie die anderen Königsschlösser Herrenchiemsee und Linderhof der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Die Untertanen sollten selbst sehen, warum man recht daran getan hatte, den vermeintlich verrückten Regenten abzusetzen. Außerdem musste dringend Geld reinkommen, um endlich die Handwerker zu bezahlen, die gegen die Krone schon vor Gericht gezogen waren.

Seither strömen die Touristen. Noch vor Beginn des 19. Jahrhunderts waren sämtliche Baudarlehen Ludwigs II. dank der Eintrittsgelder beglichen. Einschließlich der Umbauten an der Münchner Residenz und dem Königshaus auf dem Schachen kostete die steinerne Verwirklichung der Fantasiewelten des Märchenkönigs seinerzeit 31,7 Millionen Reichsmark.

Welcher Summe das Investment heute – nach drei Währungsreformen – entspricht, lässt sich nur annähernd begreifen. So wurden 1870 in München für eine Maß Bier oder ein Pfund Roggenbrot etwa 7 Kreuzer fällig, also umgerechnet 0,20 Reichsmark. Ein Tagelöhner verdiente nach elf bis zwölf Stunden Schufterei eine Mark. Das Jahresgehalt des Ersten Bürgermeisters der Landeshauptstadt betrug 13 200 Mark. Die Bundesbank taxiert den heutigen Gegenwert der damaligen Kaufkraft einer Reichsmark auf etwa sieben Euro. Doch für schlappe 220 Millionen wären die Königsschlösser heute allein schon wegen der gestiegenen Löhne niemals zu errichten.

Inzwischen bescheren die jährlich 1,5 Millionen Besucher Neuschwansteins der staatlichen Schlösser- und Seenverwaltung Einnahmen, die laut aktueller Auskunft des bayerischen Finanz- und Heimatministeriums sämtliche Ausgaben decken. Bei den anderen kaum weniger beliebten Destinationen sieht die Ertragslage ungünstiger aus, heißt es einschränkend. Allerdings erbringt schon der Ticketverkauf zusammen einen zweistelligen Millionenbetrag.

Zudem profitiert der Fiskus von der Wertschöpfungskette rund um die Tourismusmagneten. Souvenirhändler, Lebensmittelläden, Gastronomen und Übernachtungsbetriebe entrichten ihrerseits Abgaben, nicht zu reden von den Arbeitsplätzen.

So erweist sich der einstige Exzentriker mit Neigung zum ungebremsten Schuldenmachen im Rückblick als nachhaltiger Förderer der heimischen Wirtschaft. Und als uneigennützig wider Willen. Lebte der Einsamkeitsliebhaber noch, er wäre entsetzt über die Horden, die durch seine exquisiten Gemächer geschleust werden. Der Regensburger Ludwig-Spezialist Marcus Spangenberg nennt das „eine schöne Volte: Die Schlösser sind heute genau das, was sie nie sein sollten“: Massenattraktionen statt Fluchtburgen.

Für eine genaue Berechnung der Kosten-Nutzen-Bilanz über die Jahrzehnte bräuchte es weitere Unterlagen seit der Erbauung der Paläste. Die aber fehlen. Als Belastung für den Steuerzahler sieht der Freistaat die königlichen Bausünden jedoch nicht an. Selbst im Falle einer Rezession fiele es der Regierung im Traum nicht ein, die Objekte zu veräußern. Nicht zuletzt „vor dem Hintergrund des verfassungsrechtlich festgeschriebenen Kulturauftrags“, heißt es dazu staatstragend. Weshalb es müßig ist, über den „Marktwert“ zu spekulieren.

Mit anderen Worten: Soll Donald Trump doch Grönland kaufen. In Bayern gibt es für den Immobilienmagnaten aus dem Weißen Haus nichts zu holen. Ludwigs Privaträume wieder privatisieren? Niemals.

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