London /Berlin Nie zuvor in seiner politischen Laufbahn stand Boris Johnson dermaßen im Kreuzfeuer der Kritik wie diese Woche. Ausgerechnet jetzt schafft sich der britische Premierminister einen neuen Mitbewohner für Number 10 Downing Street an: Helfer trugen einen 15 Wochen alten Jack Russell Terrier gut sichtbar zu der berühmten Tür. Johnson und seine Freundin Carrie Symonds hätten ihn aus einem Tierheim adoptiert, hieß es.

Ein Hundezüchter habe den armen Dilyn aussortiert, weil er ein schiefes Gebiss habe, wussten britische Medien zu berichten. Ein Sprecher aus der Downing Street sagte: „Der Premierminister war immer ein leidenschaftlicher Anhänger des Tierschutzes und überzeugt, dass Tiere einen guten Start ins Leben brauchen.“

Es sei wohl kein Zufall, dass sich Johnson den Hund gerade jetzt angeschafft habe, vermutet der Kommunikationswissenschaftler Joachim Trebbe von der Freien Universität Berlin. Die Botschaft: Allen Härten im Brexit-Drama zum Trotz – wer sich eines Hundes mit schiefen Zähnen annimmt, kann kein schlechter Mensch sein.

Da Politiker normale Menschen sind, gibt es natürlich eine gewisse Grundwahrscheinlichkeit, dass der eine oder andere auch einen Hund hat. Dass mitunter mehr dahinter steckt, lässt sich aber schon daraus ableiten, dass Politiker ihre Tierliebe oft sehr bewusst öffentlich machen. So besaß der Hund des früheren US-Präsidenten George W. Bush, Terrier Barney, eine eigene Seite auf dem Internetauftritt des Weißen Hauses. In Deutschland hat Attila, der Hund des thüringischen Ministerpräsidenten Bodo Ramelow (Linke), einen Twitter-Account, der maßgeblich von dessen italienischer Ehefrau gepflegt wird.

Das Ganze stehe in einem größeren Zusammenhang, erläutert Professor Trebbe: „Wir wissen aus der Entwicklung der sozialen Medien, dass es dort eine Tendenz gibt zur Preisgabe privater Informationen, um neben der politischen Kompetenz auch eine Sozialkompetenz zu vermitteln. So nach dem Motto: ,Schaut mal her, ich bin ein Mensch wie ihr, ich habe einen Hund und hole ihn sogar aus dem Tierheim.‘ Damit macht man natürlich Punkte.“

Diese Selbstinszenierung reicht Jahrhunderte zurück. Viele Könige und Kaiser ließen sich mit ihren Hunden porträtieren. Der vierbeinige Liebling des niederländischen Nationalhelden Prinz Wilhelm von Oranien (1533-1584) wurde nach dessen Tod sogar in Marmor gehauen: Als Teil eines pompösen Grabdenkmals in der Neuen Kirche von Delft ruht er auf ewig zu Füßen seines Herrchens.

Das Image des Hundes ist dabei nicht immer gleich. Es gibt den süßen Hund und den großen, gefährlichen. Der russische Präsident Wladimir Putin bereitete Angela Merkel vor einigen Jahren mit seiner Labrador-Hündin Koni eine unangenehme Überraschung. Angeblich wusste er nichts von der Hunde-Angst der Kanzlerin. „Hunde haben auch eine Macho-Tradition“, sagt Trebbe. „Dass sich Politiker, die sich etwas auf ihre männlichen Qualitäten zugutehalten, mit großen Hunden schmücken, soll ihre Stärke unterstreichen.“

Im Fall von Johnson ist sich Trebbe nicht sicher, ob die Anschaffung von Dilyn wirklich ein geschickter Schachzug war. „Es könnte auch gefährlich sein, denn es gibt in der Downing Street bereits seit Langem den Kater Larry, der sehr populär ist.“ Auf Twitter hat er 323 000 Follower. Angeblich zeige sich Larry seit dem Amtsantritt von Boris Johnson seltener. Am Ende heißt es noch, so Trebbe, er habe sogar die nette Katze vergrault.

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