Berlin Als klar wurde, dass Tan Caglar dauerhaft nicht mehr ohne Rollstuhl auskommt, versank er in tiefe Depressionen. „Ich habe quasi zwei Jahre hier auf dem Sofa vor dem Fernseher verbracht“, erzählt der 35-Jährige in seiner Hildesheimer Wohnung.

Irgendwann geriet er beim Zappen in die Übertragung eines Rollstuhlbasketball-Spiels. „Ich war total verblüfft, wie cool das ist.“ 2008 startete er selbst mit dem Sport, bereits 2011 hatte Caglar seinen ersten Profi-Vertrag in der Tasche. Wegen einer Erkrankung sitzt er seit zehn Jahren im Rollstuhl.

„Cristiano Ronaldo des Rollstuhlbasketballs“ betitelte ein Fachmagazin ein Porträt über ihn. Nach der Zeit des Versteckens zieht es den Deutschtürken ins Rampenlicht. Am 18. Januar präsentiert sich Caglar im Vorprogramm der Berliner Fashion Week auf dem Laufsteg. Warum er angesprochen wurde? „Die Modewelt ist übersättigt mit Perfektion. Ich wirke da interessant“, meint der 35-Jährige.

Handicap-Models erregen international Aufsehen. Der Deutsche Mario Galla ist gut im Geschäft, seit er 2010 in Shorts in der Berliner Fashion-Week-Show von Designer Michael Michalsky lief und jeder seine Beinprothese sah. Im September präsentierte sich ein Model mit Down-Syndrom auf der New York Fashion Week. Das neue Interesse der Designer an der Abweichung vom Idealschönen sei nicht als Showeffekt oder gewollte Provokation zu sehen, sagt die Kulturwissenschaftlerin Annette Geiger von der Hochschule der Künste in Bremen. Vielmehr gehe es darum, die neuen Models in ihrer Schönheit darzustellen.

Rollstuhl-Model Tan Caglar wollte die Anfrage für die Modenschau erst ablehnen, weil er keine Gage bekommt und den Trip nach Berlin selbst finanzieren muss. „Aber dann habe ich zugesagt, denn es dient meinem Anliegen. Und vielleicht werden ja noch mehr Designer auf mich aufmerksam.“ Für den Münchner Trachtenhersteller Angermaier stand Caglar bereits in Prag vor der Kamera. Den Auftrag zog er durch einen Auftritt in der Vox-Serie „Auf und davon“ an Land. In der RTL-II-Soap „Berlin Tag & Nacht“ spielte er einen Rollstuhlbasketballer. Daneben arbeitet er als Seminarleiter und Coach.

Tan Caglars Vision ist, dass Menschen mit Behinderungen selbstverständlich in allen Bereichen des Lebens präsent sind, ohne dass davon viel Aufhebens gemacht wird. So solle auch sein Rollstuhl auf dem Laufsteg zur Nebensache werden. „Erst dann ist Inklusion erreicht.“ Über das Aussehen oder Verhalten von Menschen mit Handicap gebe es viele Klischees. „Wenn ich in meinem weißen Coupé auf einem Behindertenparkplatz parke, kommen jedes Mal Leute angestürzt und sagen empört: „Sie dürfen hier nicht parken!““ Für viele sei es offenbar außerhalb der Vorstellungswelt, dass ein junger Typ mit Dreitagebart und Lederjacke im Rollstuhl sitzt.

Caglar ist mit der Krankheit Spina bifida (offener Rücken) zur Welt gekommen. In der Schulzeit hatte er noch keine Beschwerden und spielte leidenschaftlich Basketball, auch als er immer mehr humpelte und sich oft mit Krücken behelfen musste. Seit 2005 kann er nicht mehr länger als eine Minute stehen und ist auf den Rollstuhl angewiesen. Neben der Modelkarriere hat der Spielmacher des Bundesligisten Baskets 96 Rahden ehrgeizige sportliche Ziele. „Die Paralympics im September in Rio de Janeiro sind ein Traum.“

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