HAMBURG Das große Herz mit der roten Tüllschleife hält Domenicas enger Freund Günter Zint beim Trauermarsch eng am Körper. Er trägt die Urne von Deutschlands bekanntester Prostituierter. Hinter ihm gehen schillernde Kiez-Figuren und Freunde wortlos zum Grab auf dem Ohlsdorfer Friedhof in Hamburg. Einen Monat nach dem Tod der Ex-Hure begleiteten sie am Mittwoch die Beisetzung Domenicas im „Garten der Frauen“. Die 63-jährige gebürtige Kölnerin war Mitte Februar in einem Krankenhaus nach einem Lungenleiden gestorben. „Im Garten der Frauen werden nur verdienstvolle Hamburgerinnen beerdigt“, sagte Zint.

Domenica ist die erste Hure, die hier ihre letzte Ruhe findet und eine Gedenktafel bekommt. Der Fotograf hatte Spendengelder für die Beisetzung der zuletzt mittellosen Ex-Prostituierten gesammelt. „Mehr als 4000 Euro kamen zusammen“, erzählt er. Meistens hätten ganz normale Bürger fünf oder zehn Euro gegeben.

„Sie war so herzlich, dass jeder glaubte, sie gut zu kennen“, erklärt Zint. Deswegen sei bei dem Trauerzug Ende Februar auch „ganz St. Pauli hinter dem Sarg gewesen“. Rund 500 Menschen hatten an dem Trauermarsch auf dem Hamburger Kiez teilgenommen.

Neben Zint steht Peggy Parnass. Die Hamburger Schriftstellerin und Schauspielerin lernte Domenica 1980 bei Dreharbeiten zu Udo Lindenbergs Film „Panische Zeiten“ in Berlin kennen. Beide spielten eine Rolle in dem Streifen des Musikers.

Seitdem hätten sie gemeinsam gute und schlechte Zeiten durchlebt, sagt die rothaarige Künstlerin. Dabei habe sie Domenica besonders für ihren Mut und ihre Großherzigkeit bewundert. „Sie hat alles gemacht, wovor andere Angst hatten. Ihr Leben war wie eine Achterbahn“.

Domenica Niehoff war Hure, Streetworkerin, Kneipenbesitzerin und zuletzt Pensionswirtin in der Eifel. Erst im vergangenen Jahr war sie wieder nach St. Pauli zurückgekehrt. „Sie war faszinierend, weil sie anders war, als andere Frauen“, sagt Parnass. Daher hätten auch bekannte Schriftsteller und Dichter wie Wolf Wondratschek über die Ex-Hure geschrieben.

Außerdem habe sie ein großes Herz für die Menschen vom Kiez gehabt, glaubt Parnass. „Sie nahm Fremde in ihre Wohnung auf und pflegte sie.“ So habe Domenica einen Aids-Kranken bis zu seinem Tod umsorgt und viele Mädchen von der Straße geholt und bei sich wohnen lassen. „Sie hatte mehr Herz als Verstand und hat immer nur gegeben“, sagt Karin Hentschel. Die ehemalige Domina kennt die Hure seit 35 Jahren. „Mit Domenica ist auch das Herz von St. Pauli gestorben“, sagt sie mit zittriger Stimme.

Bilder von der Beisetzung:

www.NWZonline.de/fotogalerie-panorama

Meine Themen: Verpassen Sie keine für Sie wichtige Meldung mehr!

So erstellen Sie sich Ihre persönliche Nachrichtenseite:

  1. Registrieren Sie sich auf NWZonline bzw. melden Sie sich an, wenn Sie schon einen Zugang haben.
  2. Unter jedem Artikel finden Sie ausgewählte Themen, denen Sie folgen können.
  3. Per Klick aktivieren Sie ein Thema, die Auswahl färbt sich blau. Sie können es jederzeit auch wieder per Klick deaktivieren.
  4. Nun finden Sie auf Ihrer persönlichen Übersichtsseite alle passenden Artikel zu Ihrer Auswahl.

Ihre Meinung über 

Hinweis: Unsere Kommentarfunktion nutzt das Plug-In „DISQUS“ vom Betreiber DISQUS Inc., 717 Market St., San Francisco, CA 94103, USA, die für die Verarbeitung der Kommentare verantwortlich sind. Wir greifen nur bei Nutzerbeschwerden über Verstöße der Netiquette in den Dialog ein, können aber keine personenbezogenen Informationen des Nutzers einsehen oder verarbeiten.