Berlin 65 Jahre und die Stunde null: Wenn andere Menschen beginnen, in privater Umgebung ihre Rente zu genießen, steht Profi-Entertainer Thomas Gottschalk an der Schwelle eines neuen, beruflichen Lebensabschnitts. Der langjährige „Wetten, dass..?“-Moderator, der 2011 mit feuchten Augen von der Bühne abtrat, schmiedet Zukunftspläne, auch wenn noch nicht so ganz klar ist, in welche Richtung der Zug abfährt.

Fest steht aber: Gottschalk füllt die große Bühne aus, er ist vermutlich der einzige Showmaster in Deutschland, der den galanten Grandseigneur geben kann, mit Stil, mit Witz, mit Charme. Nicht klar ist: Wird er für so einen Job noch gebraucht, will der Deutsche noch eine Show sehen, in der ein Strahlemann mit schriller Abendrobe und ausgebreiteten Armen die Showtreppe hinab schreitet?

Gottschalk selber, der an diesem Montag 65 Jahre alt wird, ist sich da auch nicht so sicher. Seine einstige Visitenkarte, „Wetten, dass..?“, ist abgeschafft, das ZDF hat die Show nach einem Quoten-Sinkflug (der schon unter Gottschalk begann) Ende 2014 mit Markus Lanz als Frontmann eingestellt. Gottschalk meint, in Serienform sei das Format am Ende. „Als Event einmal im Jahr könnte es aber funktionieren“, sagte er und öffnet sich mit dieser Aussage ein Hintertürchen.

So glanzvoll seine „Wetten, dass..?“-Vergangenheit auch ist, mit Alternativen auf dem Bildschirm hat der Entertainer nicht immer ein glückliches Händchen gehabt: Sei es Anfang der 90er Jahre, als er nach seinem ersten Abgang von „Wetten, dass..?“ bei RTL den Late-Night-Talk im deutschen Fernsehen salonfähig machen wollte, die Führung des Kölner Privatsenders aber an den Quoten herummäkelte. Sei es bei seinem Seitensprung in den späten 90er Jahren zu Sat.1 - umwerfenden Erfolg hatte die „Haus Party“ dort nicht.

Der größte Dämpfer erwischte ihn aber 2012, als er nach seinem zweiten Abtritt von der „Wetten, dass..?“-Bühne bei der ARD Fuß fassen wollte und mit der Vorabendshow nach einem furiosen Einstieg mit mehr als vier Millionen Zuschauern im Quoten-Nirwana unter einer Million landete. Nach rund vier Monaten wurde das Projekt beendet. Sein Versuch, an Dieter Bohlens Seite bei RTL „Das Supertalent“ aufzuwerten, honorierte das Publikum nicht, das Duett mit seinem alten Wegbegleiter Günther Jauch in der Show „Die 2 - Gottschalk & Jauch gegen alle“ läuft dagegen besser.

Doch diese Schatten können nicht darüber wegtäuschen, dass Gottschalk Deutschlands Mattscheiben-Grandseigneur Nummer eins ist. Keiner strahlt soviel Charme aus wie er, er begegnet seinen Gästen auf Augenhöhe, hat gute Manieren, humanistische Bildung und pflegt nicht so, wie andere Berufskollegen, künstlich bestgelaunt, übereifrig und hyperaktiv durch die Kulissen zu hopsen. Neben Hans-Joachim Kulenkampff, Peter Frankenfeld und Rudi Carrell ist sein Name in einem Atemzug zu nennen - und das für immer.

Gottschalk, im fränkischen Kulmbach als ältestes Kind schlesischer Auswanderer geboren, steht als typischer Fall einer deutschen Nachkriegsgeneration, die komplett in Friedenszeiten aufwuchs. Er brach zum Germanistik-Studium in die große Stadt (München) auf, tummelte sich auf Partys, liebte die Badeseen und fuhr ein Cabriolet. Er trat einfach vors Mikrofon, gewann mit seinem Naturtalent zum Reden auf Anhieb Fans und bahnte sich unaufhaltsam seinen Weg.

Gottschalk lernte die richtigen Leute kennen, unter anderem seinen langjährigen Förderer und späteren MDR-Intendanten Udo Reiter, der sich vergangenes Jahr das Leben nahm. Nicht so ohne weiteres selbstverständlich für die Generation Gottschalk ist, dass er seit 1976 mit derselben Frau (Thea) verheiratet ist. Mit ihr zog er ins kalifornische Malibu, auf das Schloss am Rhein und jetzt nach Berlin, mit ihr zog er zwei Söhne auf. Mittlerweile ist er Großvater.

Ob er es noch einmal packt, die Masse Mensch vor die Fernseher zu bewegen, bleibt offen. Vor seinem Geburtstag geht er nicht auf Tauchstation wie andere Prominente, er nutzt ihn kommerziell mit Glanz und Gloria: Seine Autobiografie „Herbstblond“ sprang in der Bestsellerliste auf Platz eins, am 18. Mai steht er im Berliner Admiralspalast auf der Bühne und moderiert für RTL seine eigene Personalityshow. Klappern gehört zum Handwerk, der Marktwert muss bleiben, das weiß das alte Zirkuspferd.

Und mit der Geburtstagsgala guckt er auch nach vorne: „Ich bin gespannt, wie die Show bei RTL bewertet wird“, sagte Gottschalk . „Da sind ja einige wilde Kerle über 60 unterwegs, zu denen ich nun mal gehöre. Wenn diese Programmfarbe dem Sender ein Publikum bringt, mit dem er etwas anfangen kann, beschaffe ich ihm das auch gerne weiterhin. Wir wollen Ende Mai darüber nachdenken, wie eine gemeinsame Zukunft aussehen kann.“

Denn solange er sein „eigenes Verfallsdatum nicht überschritten“ habe (das erzählt Gottschalk schon seit ein paar Jahren), will er weiter im TV bleiben. Wenn nicht, wäre wohl das nächste, was man von ihn hören dürfte, der Nachruf, befürchtet er. Somit ist klar wie schon zu besten „Wetten, dass..?“-Zeiten: Gottschalk überzieht.

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