Ganze Generationen sind mit Ernie, Bert und Grobi aufgewachsen: Vor 50 Jahren, am 10. November 1969, ist in den USA die „Sesamstraße“ auf Sendung gegangen. Bei heutigen Vorschulkindern stehen die Klappmaulpuppen zwar nicht mehr an erster Stelle, aber beliebt sind sie immer noch: Der kichernde Ernie mit seinem Quietschentchen, der bräsige Bert, das verfressene Krümelmonster und seine „Keeekse“.

Vor allem der Bayerische Rundfunk wehrte sich zunächst vehement gegen den Ankauf der Serie und eine Ausstrahlung im ersten Programm, weshalb die deutsche „Sesamstraße“ Anfang 1973 zunächst nur in einigen Dritten Programmen zu sehen war. Später kam dann auch eine deutsche Rahmenhandlung mit Samson und Tiffy dazu. Bekannte Schauspieler waren in der „Sesamstraße“ dabei: von Liselotte Pulver und Henning Venske über Manfred Krug und Dirk Bach bis zu Annette Frier.

Zunächst war die Reihe jedoch umstritten. Der Bayerische Lehrerverband sprach von einem „Werbe-, Drill- und Überredungsprogramm“. Trotzdem unterstützte die Bundesregierung den Import von „Sesame Street“ mit drei Millionen Mark: Die Reihe sollte helfen, die damals konstatierte „Bildungskatastrophe“ abzuwenden. „Wieso, weshalb, warum – wer nicht fragt, bleibt dumm“, lautete der deutsche Titelsong.

Deutsche Kinder waren die ersten außerhalb der USA, die Freundschaft mit den Puppen schließen durften. Das war der Beginn eines unvergleichlichen Exporterfolgs, heute läuft „Sesame Street“ in mehr als 140 Ländern.

Die vom NDR verantwortete deutsche Version unterscheidet sich allerdings deutlich von sonstigen Adaptionen. Während die Macher der gemeinnützigen New Yorker Produktionsfirma Sesame Workshop (früher Children’s Television Workshop, CTW) vielerorts großen Einfluss auf die Anpassung an die jeweiligen einheimischen Vorlieben nehmen, hat sich die ARD früh vom Original emanzipiert. Die „Sesamstraße“ richtet sich an etwas ältere Kinder.

Beim Humor sieht Medienwissenschaftlerin Maya Götz, Leiterin des Internationalen Zentralinstituts für das Jugend- und Bildungsfernsehen (IZI), die größte Stärke von „Sesame Street“ – zumal es gerade bei Kindern im Vorschulalter sehr schwierig sei, den richtigen Tonfall zu finden. Das schafften die Alltagsgeschichten mit Ernie und Bert oder die nachgespielten Märchen perfekt.

Für ähnlich gelungen hält sie die Einspielfilme mit realen Kindern, die aus ihrem Alltag erzählen, „weil sie für die Zielgruppe nicht nur spannend anzuschauen, sondern auch sehr anregend für eigene Aktivitäten sind.“

Das Original setzt traditionell viel stärker auf die Puppenelemente. Der CTW ist 1968 gegründet worden, um Kinder aus ethnischen Minderheiten zu fördern. Medienwissenschaftler Gerd Hallenberger betont, man müsse den Start von „Sesame Street“ im Kontext der damaligen Aufbruchstimmung in den USA und nicht zuletzt der Bürgerrechtsbewegung betrachten: „Es ist ja kein Zufall, dass in den Spielszenen viele afroamerikanische Schauspieler mitwirkten.“ Das waren zum Beispiel Bob und Susanne, die auf der Treppe vor ihrem New Yorker Haus zusammen mit dem Riesenvogel Bibo und dem – so griesgrämigen wie beliebten – Oscar aus der Mülltonne den Sesamstraßen-Alltag spielten.

In den Anfangsjahren ging es vor allem um Buchstaben und Zahlen; seit den 80ern steht das soziale Lernen im Vordergrund. Im deutschen Vorschulfernsehen funktioniert Wissensvermittlung schon geraume Zeit sehr spielerisch und viel weniger didaktisch, bestes Beispiel ist „Die Sendung mit der Maus“ (WDR). Maya Götz weist allerdings darauf hin, dass sich Lernerfolge vor allem dann einstellten, wenn Eltern und Kinder gemeinsam schauten. „Davon abgesehen“, betont sie, „lernen Kinder von den Menschen in ihrer Umgebung viel mehr als vom Fernsehen.“

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