FRANKFURT Der Sänger schweigt. So still haben die am Freitag im Frankfurter Landgericht erschienenen Fans der „Böhsen Onkelz“ ihr Idol noch nie erlebt. „Der sieht ja schlimm aus“, entfährt es einer Frau in der ersten Zuschauerreihe. Kevin Russell sieht in der Tat deutlich älter als 46 aus, als er den großen Schwurgerichtssaal leichenblass betritt. „Ich bin mehr oder weniger in Frührente“, sagt er mit brüchiger Stimme auf die Frage des Vorsitzenden Richters Klaus Eckhardt nach seinem Beruf. Danach will der Sänger der umstrittenen, 2005 aufgelösten Rockband „Böhse Onkelz“ nichts mehr sagen. Der Mann ist wegen fahrlässiger Körperverletzung, fahrlässiger Straßenverkehrsgefährdung sowie Unfallflucht angeklagt.

Russell soll in der Silvesternacht auf der Autobahn 66 mit Tempo 230 einen deutlich langsameren Kleinwagen auf der rechten von drei Fahrspuren gerammt haben. Die beiden Insassen des Kleinwagens wurden dabei schwer verletzt. Zum Zeitpunkt des Unfalls soll der einschlägig vorbestrafte 46-Jährige durch die Einnahme von Kokain und Methadon berauscht gewesen sein. Danach flüchtete er zu Fuß über die Felder. Nur durch das beherzte Eingreifen anderer Verkehrsteilnehmer überlebten die beiden jungen Männer in dem Fahrzeugwrack, das völlig ausbrannte.

Die Beweisaufnahme am Freitag wird nach der Aussageverweigerung des Angeklagten nicht leichter. Die beiden schwer gezeichneten Unfallopfer können im Zeugenstand keine Angaben zum Hergang des Unfalls machen. Der 20 Jahre alte Jamal leidet auch fast zehn Monate danach an Gedächtnisproblemen und Konzentrationsschwäche. Jamal, der den Kleinwagen gefahren hatte, erinnert sich weder an den Silvestertag noch an die Anzahl seiner Operationen.

Während der Vernehmung Jamals weint sein bester Freund Fadi. Auch der 22-Jährige hat kaum eine Erinnerung an den 31. Dezember 2009. „Ich wollte feiern gehen und bin als Krüppel im Krankenhaus aufgewacht“, sagt Fadi sichtlich bewegt im Zeugenstand. Seit dem Unfall hat er eine verkrüppelte linke Hand und Brandnarben. Er leidet an Depressionen und Aggressionsschüben.

Bei einer Verurteilung droht Russell eine mehrjährige Haftstrafe. Bereits 2004 hatte der langjährige Konsument harter Drogen seinen Führerschein verloren. Seitdem war der Brite mit einem irischen Führerschein unterwegs, der nach Ablauf einer Sperrfrist auch in Deutschland gültig war. Der Prozess wird am Freitag fortgesetzt.

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