Berlin Es ist ausgerechnet seine Performance zu „Musik nur, wenn sie laut ist“, die Benjamin Piwko den Platz im Finale der RTL-Tanzshow „Let’s Dance“ sichert. Der Unterschied zwischen der Protagonistin aus Herbert Grönemeyers Song und Piwko ist: Piwko hört gar nichts von der Musik, zu der er tanzt. Auch nicht, wenn sie laut ist, nicht einmal den Bass.

Der 39-jährige Schauspieler und Kampfkünstler aus Hamburg kann wegen einer Virusinfektion seit seinem achten Lebensmonat nichts mehr hören. Dass ein tauber Kandidat an der Show teilnimmt und nun sogar gewinnen könnte, ist eine Premiere.

Jeweils eine Woche lang haben die Kandidaten bei „Let’s Dance“ Zeit, um an der Seite eines Profis einen oder mehrere Tänze für die bevorstehende Show einzuüben. Für Piwko und seine Tanzpartnerin Isabel Edvardsson ist das eine besondere Herausforderung: Sie muss das jeweilige Musikstück erst einmal in die stille Welt ihres Partners übersetzen.

Sie beschreibe ihm zunächst ganz genau, „wie die Musik abläuft, wie sie klingt, so dass ich lerne, sie zu fühlen“, erklärt Piwko in einer E-Mail. „Dann zeigt sie mir die Schritte, und ich lerne sie auswendig. Außerdem haben wir eine Art Geheimsprache entwickelt, wo sie mir durch Antippen oder Zeichen sagt, was jetzt für ein Musikteil kommt.“ Bei den Proben brauchen die beiden dafür nicht einmal einen Dolmetscher. Übersetzer Kenneth-Kamal Seidel ist nur während der Shows dabei und überträgt für Piwko und alle tauben Fans Jury-Kritik und Moderation in Gebärdensprache. Piwko kann Lippen lesen und sprechen – auch wenn er das, was er sagt, selbst nicht hört. Edvardsson hat sich einige Gebärden angeeignet.

Der Deutsche Gehörlosen-Bund freut sich über Piwkos „Let’s Dance“-Erfolg. „Ich finde, jeder gehörlose Mensch hat die Fähigkeit, einen Rhythmus zu erkennen und diesen dann in Bewegung umzusetzen“, erklärt Vizepräsidentin Elisabeth Kaufmann. Piwkos Tänze seien „eine einzige Ode an Ästhetik und Leidenschaft“.

Dass taube Menschen Musik nicht wahrnehmen könnten, sei ein Trugschluss, erklärt die Gebärdensprachdolmetscherin Laura Schwengber. „Wir hörenden Menschen glauben oft, dass wir Musik vor allem hören“, meint sie. Doch: „Wir erleben Musik. Das ist ein wichtiger Unterschied.“ Bei Live-Konzerten seien das etwa Bässe im Bauch, der vibrierende Boden oder Lichteffekte.

„Das Gesamtpaket ist für mich Musik, und das lässt sich übertragen: Die Bässe wandern in meine Füße, die Gebärden stellen den Text dar, die Melodie lässt die Gebärden höher oder tiefer wandern, und der Ausdruck der Sängerin bestimmt meine ganze Mimik und Körperhaltung“, erläutert Schwengber. Die 29-Jährige hat in den Jahren 2016, 2017 und 2018 beim Eurovision Song Contest gedolmetscht.

Piwko betont bei „Let’s Dance“ immer wieder, dass er keine besondere Behandlung wolle, und bekommt sie auch nicht. Die zum Teil harte Kritik der Jury trifft ihn genau wie alle anderen Kandidaten. Er bemüht sich, möglichst viel davon anzunehmen – über manches sieht er aber auch getrost hinweg: So sei einmal bemängelt worden, dass er an einer Stelle nicht im Takt getanzt habe. „Da dachte ich für mich immer, ok, 10 Sekunden nicht im Takt – aber dafür war der Rest, also etwa 1 Minute 30 – offenbar im Takt? Juhu!“

Doch es ist nicht nur Piwko, der in dieser zwölften „Let’s Dance“-Staffel dazulernt. Viele hörende Show-Beteiligte lernen Vokabeln, um mit dem 39-Jährigen kommunizieren zu können: Das Publikum adaptiert schnell die Gebärde für Applaus – eine wedelnde Handbewegung. „Wenn zum Beispiel das Publikum in Gebärdensprache klatscht oder Fans gelernt haben, was ,schön‘ heißt, rührt mich das extrem.“

Insgesamt elf Konkurrenten hat Piwko schon hinter sich gelassen. Am Freitag nun tritt er gegen Handballer Pascal Hens und Sängerin Ella Endlich an. Doch selbst, wenn es nicht zum Sieg reicht – er zieht schon jetzt ein positives Fazit: Zuschauer schrieben ihm, dass sie dank seines Auftritts nun den Mut hätten, Dinge zu tun, die sie sich vorher nicht getraut hätten. „Dass wir da wirklich Menschen inspiriert haben, macht mich unglaublich stolz.“

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