Berlin Wenn Amerikaner, Engländer, Russen, Franzosen, Spanier, Italiener oder auch Holländer jemanden beschimpfen, wird es schnell sexuell. Deutsche und Österreicher haben in ihrer Sprache dagegen eher Fäkales im Angebot. Es handelt sich um einen jahrhundertealten Sonderweg in Mitteleuropa mit einer gewissen Vorliebe für Exkremente und Ausscheidungen. Während es zum Beispiel auf Englisch „Fuck off“ heißt, sagen Deutschsprachige traditionell „Verpiss dich“. Der englische Ausruf „Fuck!“ entspricht auf Deutsch „Scheiße!“. Die Globalisierung macht aber auch vor dem Wortschatz nicht Halt.

Jüngere Deutsche schimpften inzwischen sexualisierter als ältere, meint der Sprachwissenschaftler André Meinunger in Berlin. Er arbeitet am Leibniz-Zentrum Allgemeine Sprachwissenschaft (ZAS) und sagt: „Deutsche fluchen eigentlich sehr fäkal, während Amerikaner und Engländer, aber auch Italiener eher sexuelle Schimpfwörter haben. Doch da gibt es in den letzten Jahren einen Wandel und das Deutsche passt sich an. Also die Nutzung des Wortes ,Fuck’ zum Beispiel hat sich stark ausgebreitet.“

So werde heute auch mal eher gesagt, jemand sei „gefickt“ statt „gearscht“. Oder aber es heißt „Du Schwanz“ statt „Du Arsch“. Das war erst vor ein paar Monaten in einem Internet-Video mit dem Rapper Fler zu sehen, der nach einer Polizeikontrolle Beamte beschimpfte. Üblicher geworden sind neben traditionellen Tierschimpfwörtern (Sau, Esel, Kuh) Begriffe wie „Du Opfer“, „Du Lauch“ und ganz derbe Wörter wie „Fickfehler“ (ursprünglich ungewolltes Kind, inzwischen allgemein für Idiot) sowie der Ausruf „Fick Dich“ (also das englische „Fuck you“ übersetzt).

Im Italienischen ist es recht üblich, jemanden mit „Cazzo“ (Schwanz) zu beschimpfen, im Französischen heißt es oft „Putain“ (Hure). Eingehende Malediktologie (Schimpfwortforschung) gibt es in Deutschland kaum, wie Meinunger sagt. „Welcher Forscher will sich schon damit rühmen, Experte fürs Fluchen zu sein?“ Doch eigentlich handelt es sich um den spannendsten Bereich der Sprache. Was das Sexuelle im Deutschen beim Schimpfen angeht, nennt Gauger eine Ausnahme: den südwestdeutschen Raum des Schwäbisch-Alemannischen. Dort ist der „Sack“ als Frotzelei gebräuchlich.

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