Berlin Wenn plötzlich Zehntausende Bienen an einem Fahrradlenker hängen, ist das ein beeindruckendes Schauspiel. Manchem Städter macht das auch Angst. Doch Bienenvölker vermehren sich, die Ableger suchen sich einen neuen Ort zum Leben. Und in diesen Wochen ist Schwarmzeit. Auch in Großstädten wie Berlin, in denen es seit Jahren einen kleinen Bienen-Boom gibt.

„Wir haben inzwischen etwa 10 000 Bienenvölker in der Stadt“, sagt Benedikt Polaczek, der Vorsitzende des Berliner Imkerverbandes. Das Schwärmen sei ein ganz natürlicher Prozess. Doch die meisten Imker versuchten, ihn zu verhindern, damit ihnen kein Honig verloren geht. „Doch hundertprozentig werden wir das nicht in den Griff kriegen“, so Polaczek. Selbst langjährigen Kollegen könne es passieren, dass ein Volk schwärme.

Schwarmzellen

Wenn ein herrenloses Volk gesichtet wird, kümmern sich neben der Feuerwehr auch rund 50 ehrenamtliche Schwarmfänger des Imkerverbandes um die summenden Bienen. Einer von ihnen ist Jonas Hörning, der dann einen Anruf bekommt – wie jüngst von einem Hobbyimker in einer Wilmersdorfer Kleingartenanlage. Schwer bepackt mit Schwarmkasten und Zubehör rückt der 40-Jährige an. Doch er kommt zu spät. Die Bienen haben ihr Zwischenquartier, einen Birnenbaum, vor ein paar Minuten verlassen. Wohin sie abgeschwirrt sind? Nicht zu sehen.

Der Wilmersdorfer Imker und Hörning sind enttäuscht. „Eigentlich hätten sie gar nicht schwärmen dürfen. Sie haben sich nicht nach Lehrbuch verhalten“, berichtet der Imker. Er habe die sogenannten Schwarmzellen für junge Königinnen entfernt, so dass den Bienen die Grundlage zum Schwärmen fehle. Denn erst, wenn neue Königinnen in Sicht seien, suche sich die alte Königin mit ihren Arbeiterinnen ein neues Zuhause.

„Man muss sehr genau aufpassen. Wenn man auch nur eine Schwarmzelle übersieht, schwärmen die Bienen trotzdem“, sagt Polaczek. Dann geht es rund. „Die Bienen lassen sich gern in Öffnungen von Hauswänden oder in anderen Hohlräumen nieder“, ergänzt Hörning. Er hat in Berlin schon etwa 100 Schwärme eingefangen, unter anderem von Balkonen oder Fensterbänken. „Man muss den Großteil des Volkes möglichst mit Königin einfangen, die restlichen Bienen fliegen in der Regel hinterher“, sagt er. Auch fürchten müsse man sich nicht, denn die Schwärme hätten keinen Honig und somit nichts zu verteidigen.

„Schwärme sind die liebsten und friedlichsten Wesen überhaupt. Man kann eine Hand reinstecken und muss keine Angst haben“, ergänzt Johannes Wirz, Vorstand des Vereins Mellifera. Dieser hat sich der sogenannten wesensgemäßen Bienenhaltung verschrieben und nutzt den Schwarmtrieb als natürliche Vermehrungsmethode. Die Ableger werden eingefangen, bevor sie schwärmen können.

Imkern ist hip

„Das Imkern ist hip und en vogue, doch man muss sich auch um seine Bienen kümmern“, sagt der Imker und ehrenamtliche Schwarmfänger Alfred Krajewski. Erst vor wenigen Wochen holte er eine Bienen-Traube von einer Ampel in Friedrichshain. „Das war ziemlich aufregend, denn die Straße war stark befahren, und viele Leute haben zugeschaut“, erzählt der Imker.

Auch die Feuerwehr wird oft gerufen, wenn Bienen gefunden werden. „Wir sind für den öffentlichen Bereich wie Straßen, Plätze, Schulen und Kitas zuständig“, sagt Oberbrandmeister und Hobby-Imker Michael Eggers. In den Reihen der Feuerwehr gebe es mindestens 15 Imker, die in solchen Fällen einspringen könnten. Sie wollten sich nun noch besser organisieren, um für solche Einsätze besser aufgestellt zu sein. „Teilweise rufen wir auch Schwarmfänger vom Imkerbund, aber auch die sind ja nicht immer verfügbar“, so Eggers.

Hörning und Krajewski geben die Völker meist an andere Imker weiter, auch an Anfänger, die ein eigenes Volk suchen. Völker, die nicht eingefangen werden, seien in der Regel zum Tode verurteilt. „Etwa 80 bis 90 Prozent überleben nicht“, sagt Hörning. Ohne Behandlung gegen die Varroamilbe sei ein Volk langfristig nicht überlebensfähig.

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