Ostfriesland Austern waren für meinen ostfriesischen Onkel Warfsmann ein Armeleuteessen. Er sammelte sie im Watt wie andere Leute Pilze im Wald. Dazu gab es Schwarzbrot.

Nein er hatte kein edles Austernbesteck. Er benutzte einen Hammer.

Ich habe mit ihm Austern im Watt gesucht und wir nahmen sie mit nach Gelsenkirchen, wo er die Verwandtschaft im Ruhrgebiet mit den Meeresfrüchten beglücken wollte.

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Geschlossene Kühlketten kannte er nicht. Die Austern lagen in zwei Eimern auf dem Rücksitz des VW-Käfer. Obendrauf ein nasses Handtuch. Ich saß daneben und sollte auf die Austern aufpassen. Immer wieder ermahnte er mich. „Wenn eine herausklettert, leg sie wieder rein.“ Er war ein Spaßvogel. Ich wusste oft nicht, ob das, was er sagte, ernst gemeint war oder nicht. Aber vorsichtshalber erledigte ich meine Aufgabe sehr gewissenhaft. Ich war im Grundschulalter. Wenn er fragte: „Sind noch alle da?“ guckte ich unter dem Handtuch nach.

So wurde mir während der langen Fahrt nicht langweilig. Er erzählte mir, die Austern würden das Meerwasser reinigen und seien deswegen sehr wichtig. Außerdem befände sich manchmal in einer Auster eine wertvolle Perle. Angeblich hatte er die weißen Perlen an Tante Mias Kette selbst beim Austernmesser gesammelt.

Diese Geschichten, denen ich so gern lauschte, nannte meine Tante Mia „Seemannsgarn“.

Miesmuscheln aß Onkel Warfsmann eigentlich lieber, denn die machten schneller satt. An die Perlen in den Muscheln glaubte ich, denn sie sahen von innen so zauberhaft aus. Perlmutt war für mich viel schöner und wertvoller als Gold. Für Onkel Warfsmann war Perlmutt so etwas wie ein wild wachsender Meeres-Edelstein.

In unseren Austern fanden wir leider keine Perlen. Aber aus einigen nicht zerbrochenen Schalen baute ich kleine Schiffe und Schmuck. Ich konnte mich gar nicht satt sehen daran.

Wir fuhren mit den Austern direkt zur Geburtstagsfeier meiner Oma.

Aber in Gelsenkirchen kamen wir mit den selbst gesammelten Austern gar nicht gut an. Mit Miesmuscheln hatten wir beim letzten Mal einige Esser überzeugen können, aber rohe Austern lösten bei den meisten nur entsetzte Blicke aus.

Onkel Warfsmann machte zweimal vor, wie man sie aus der Schale schlürft, aber niemand wollte es ihm nachmachen.

Meine Oma sagte sogar: „Hoffentlich geht das gut. Dir wird bestimmt gleich übel.“

Onkel Warfsmann löste alle Austern aus den Schalen und warf sie mit ein bisschen Knoblauch und ein paar Kräutern aus Omas Garten in die Pfanne. So überzeugte er mit seinem Armeleuteessen einige Gäste.

Nie werde ich seinen Satz vergessen: „Es kann sich ja nicht jeder eine Currywurst leisten. Wenn man kein Geld hat, tun es auch ein paar Austern.“

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