Leer Haben Sie schon einmal eine Hafenrundfahrt in Leer gemacht? Wenn nicht, dann sollten Sie in der Nach-Corona-Zeit im nächsten Sommer einmal an Bord des Grachtenbootes „Koralle“ an der Anlegestelle an der Rathausbrücke steigen. Für gut eine Stunde wird Sie der Kapitän mit auf eine interessante Zeitreise auf dem Wasser mitnehmen.

Dabei wird deutlich werden: Der Hafen hat für die Ledastadt aus Tradition eine wichtige Bedeutung. Ebenso werden Sie auch erfahren, dass der Hafen von stetigem Wandel und Umbrüchen geprägt war. Sei es der rege Butterhandel im 18. Jahrhundert, später die Heringsfischerei (bis 1969) oder nach dem Zweiten Weltkrieg der Aufschwung zum Industriestandort mit der 1950 gegründeten Schiffswerft Martin Jansen oder dem 1957 eröffneten Zweigwerk des Büromaschinenherstellers Olympia mit in der Spitze zeitweilig 2700 Mitarbeitenden. In den 1980er Jahren folgte der letzte große Umbruch, der bis heute bei vielen Einheimischen das Bild prägt.

Der Konkurs der Werft sowie der Schließung von Olympia und dem Libby-Werk stehen für den wirtschaftlichen Niedergang. Später folgten die Schließung des Spanplattenwerkes, auf dessen Gelände heute vor allem Wohnungen für eine kleine Ausgabe der Hamburger Hafencity sorgen. Und vor allem waren es jahrzehntelang die „Schrottberge“ von Evert Herren bzw. dem Nachfolgeunternehmen, die das Bild prägen.

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Doch der oberflächliche Blick auf den heutigen Hafen ist trügerisch. Er ist immer noch das größte zusammenhängende Gewerbegebiet der Stadt. Neue Unternehmen haben immer wieder Fuß gefasst, Niederländer bauen wieder Schiffe und der Umschlag hat sich bei knapp 300 000 Tonnen pro Jahr stabilisiert. Die Hafenbahn, deren Streckennetz kontinuierlich modernisiert wurde, sorgt für die Trimodalität. Trotzdem stellt sich weiterhin die Frage: Lohnt sich der Hafen für die Stadt noch?

Warum? Er kostet richtig viel Geld. Pro Jahr wird ein Defizit von etwa einer halben Million Euro eingefahren, im Schnitt werden etwa 350 000 Euro in die Instandhaltung gesteckt. Gerade erst mussten zudem fast zwei Millionen Euro in die Sanierung der Schleuse investiert werden. Geld, dass sich durch die Hobby-Bootsfahrer, die in die Ledastadt kommen, nicht rechtfertigen lässt – so schön auch die touristische Nutzung des Hafens ist. Nur die seefahrenden Urlauber rechtfertigen die Kosten für den Betrieb der Schleuse und des Hafens inklusive der regelmäßigen Entschlickungs-Maßnahmen nicht.

Letztmals eine Analyse des wirtschaftlichen Potenzials des Hafens ist 2016 gemacht worden. Dabei stand als ein Ergebnis, dass die vorhandenen Firmen langfristig auf Leer setzen, dafür aber auch ein klares Bekenntnis erfordern. Dieses Bekenntnis wird nun durch den neuen Rat kommen müssen. Dabei wird helfen, dass der neue Bürgermeister Claus-Peter Horst die Potenziale als ehemaliger Stadtwerke-Chef bestens kennt. Er sprach Anfang 2021 davon, dass es Firmen gibt, die nach Leer kommen oder sich am Standort vergrößern wollen. Natürlich nannte er keine Namen. Horst weiß aber auch, was an Investitionen z.B. in Spundwände dringend notwendig sind. Gemeinsam mit seinem Nachfolger bei den Stadtwerken, Timo Kramer, wird es darauf ankommen, Fakten zur wirtschaftlichen Bedeutung und zu den Potenzialen zu ermitteln.

Allgemeinplätze von vielen Arbeitsplätzen und entsprechender Wertschöpfung bzw. nicht konkretisierten Steuereinnahmen werden nicht ausreichen, um weiteres Geld „locker“ zu machen. Es muss eindeutiger werden, welche wirtschaftliche Kraft von den Firmen ausgeht.

Darüber hinaus sind kreative Ideen, wie mit einer Neustrukturierung von Hafenflächen (z.B. auch durch das Landlord-Prinzip, d.h. wieder selbst Flächen im Eigentum zu haben und dann zu verpachten) Potenziale gehoben werden, gefragt.

Eines ist klar: Der Hafen wird die Stadt immer Geld kosten und er ist alternativlos.

Allerdings wird sich in den nächsten Jahren entscheiden, ob es ein dauerhafter „Geldfresser“ oder eine Lebensader der Zukunft ist, weil durch geschicktes Agieren eine Weiterentwicklung mit entsprechenden Steuereinnahmen gelingt.

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