Norddeich /Hamburg Ein kurzer Anruf per Skype oder eine Sprachnachricht über einen Messenger: Weihnachtsgrüße um die ganze Welt zu verschicken, ist in Zeiten von Internet und Mobilfunk kein Problem. Es sei denn, man befindet sich auf hoher See. In Zeiten vor modernen Kommunikationstechnologien war die Küstenfunkstelle Norddeich Radio in Ostfriesland lange die einzige Verbindung zwischen Seeleuten und ihren Familien. Von der Station im Norder Ortsteil Norddeich aus konnte jedes Schiff auf den Weltmeeren angefunkt werden.

Zu Weihnachten, wo die Sehnsucht besonders groß war, herrschte Hochbetrieb in der Funkstation, erinnert sich der ehemalige Post-Angestellte Fritz Deiters. Denn: Ab 1953 sendete der NDR eine Radiosendung, in der der Sender mithilfe der Küstenfunkstelle Weihnachtsgrüße von Angehörigen übermittelte: „Gruß an Bord“. Bis heute ist es eine der ältesten Radiosendungen.

Museum erinnert an Geschichte

Deiters ist Vorsitzender des Museumsvereins Norddeich Radio, denn die Küstenfunkstelle existiert nicht mehr. Doch das kleine Norder Museum erinnert an ihre Geschichte – und an die Anfänge der Kult-Sendung. Neben ratternden Fernschreibern und piependen Morsegeräten gibt es in der Ausstellung auch eine kleine Weihnachtsecke zu entdecken – samt Tannenbaum und Radio versteht sich.

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In vielen Familien in Norddeutschland gehöre „Gruß an Bord“ noch heute fest zu Heiligabend, sagt Deiters: „Das ist so wie mit Kartoffelsalat und Würstchen.“ Das Konzept ist in all den Jahren nahezu unverändert geblieben: Eheleute, Kinder und Angehörige grüßen mit teils brüchiger Stimme ihre Verwandten, die irgendwo auf den Weltmeeren unterwegs sind – dazu gibt es maritime Musik. „Da wurde manchmal unheimlich auf die Tränendrüse gedrückt“, berichtet Museumsvereinsmitglied Hans-Jörg Pust. Daher habe die Sendung mitunter auch den Namen „Tränenolympiade“ getragen. „Aber als junger Mann zur See ging mir das zu Beginn auch nah“, sagt Pust.

Als Seefunker an Weihnachten auf See

Pust kennt beide Seiten: Denn zu Beginn seiner Ausbildung war der Seefunker selbst oft an Weihnachten auf See. 1964 verbrachte er Heiligabend auf einem Handelsschiff vor Westafrika auf dem Weg nach Kapstadt. Als Funker überbrachte er Weihnachtsgrüße der Angehörigen, die per Telegramm von Norddeich Radio kamen. „Da habe ich dann den Weihnachtsmann gespielt.“ Zusammen saßen Kapitän und Mannschaft in der Messe und hörten „Gruß an Bord“. „Wenn da dann Weihnachtslieder gesungen wurden, da ist einem schon das Herz aufgegangen.“

Später wechselte Pust dann zu Norddeich Radio. Im Schnitt rund 1000 Telegramme verarbeitete die Küstenfunkstelle am Tag – vor Weihnachten waren es viel mehr. Der Telegramm-Ständer in der Leitstelle, an der die eingehenden Nachrichten von Angehörigen und Reedereien für den Sammelanruf an die Schiffe gesammelt wurden, musste aufgestockt werden. Zusätzliches Personal aus den umliegenden Postämtern wurde angefordert. „Da kam keine richtige Weihnachtsstimmung auf“, erinnert sich Pust. „Wir waren nach so einem Arbeitstag fix und fertig.“

Kartoffelsalat und Tannenbäume aus Kühlkammern

Erst wurden Telegramme in der Sendung verlesen, später als sich der Sprechfunk etablierte, wurden auch Gespräche vermittelt. Meist verbunden mit Ätherknistern und Rauschen. Vor allem der Austausch zwischen dem Moderator und den Kapitänen sei dabei oft ähnlich abgelaufen, so Pust: „Wo liegen Sie denn gerade? Und was gibt es zu essen? – Kartoffelsalat natürlich! – Und haben Sie auch einen Tannenbaum? – Den haben wir gerade aus der Kühlkammer geholt.“

Heute wirkt die Sendung vielleicht ein wenig aus der Zeit gefallen – doch für viele Stammhörerinnen und -hörer macht gerade diese ruhige und melancholische Stimmung den Charme der Sendung aus. Und: In ihrer Geschichte war die Sendung vielleicht noch nie so wichtig wie in diesem Jahr, meint der NDR-Hörfunk-Chefredakteur Adrian Feuerbacher.

Sendung dieses Jahr besonders wichtig

Das bestätigt auch Matthias Ristau, der Seemannspastor der Nordkirche: „Viele Seeleute wünschen sich, die Sendung zu hören, besonders auch in diesem Jahr.“ Zum einen hingen noch viele deutsche Seeleute in Ungewissheit, wie es in der Pandemie weitergehe, auf Schiffen fest. Zum anderen sei Mobilfunk und Internet auch aus Kostengründen nicht auf allen Schiffen auf hoher See stets verfügbar.

Nach NDR-Angaben erreichten die Redaktion in diesem Jahr besonders viele Grüße aus weit entfernten Ecken der Welt: „Wir haben eine Voicemail von Seglern, die vor Dili in Osttimor festsitzen und nicht wissen, wie sie wieder nach Hause kommen sollen“, berichtet Moderator Ocke Bandixen und seine Kollegin Birgit Langhammer ergänzt: „Kein Hafen will sie wegen der Corona-Beschränkungen einlaufen lassen. Das ist schon eine schwierige Situation – gerade zu Weihnachten.“

NDR mietet Frequenzen an

Seit ein paar Jahren mietet der NDR auch wieder Frequenzen auf Kurzwelle an, damit die Sendung weltweit empfangen werden kann – ganz so wie einst Norddeich Radio die Schiffe anfunkte.

In den 1990er Jahren lösten Sattelitentechnik und Mobilfunk die Morsetechnik endgültig ab. 1994 wurde das Peilfunknetz, mit dem Schiffe in Not auf der Nordsee geortet werden konnten, abgeschaltet. Kurz darauf folgte die Abschaltung der Sprechfunk-Seenotfrequenz 2182 kHz, die bis dahin rund um die Uhr von der Station abgehört wurde. Ende 1998 hieß es dann: „Good bye forever, over and out“. Norddeich Radio stellte den Funkbetrieb ein. Von den hohen Sendemasten, die einst die ostfriesische Küste um Norden prägten, ist nichts mehr zu sehen. Doch „Gruß an Bord“ ist noch immer eine Institution an Heiligabend – nicht nur für Seeleute.

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