Emden /Mainz Sie waren verstreut in Stockholm, Hamburg oder Rom: Hunderte von Briefen aus den Jahren 1580 bis 1740 ruhten in Archiven und Bibliotheken. Jetzt sind sie in einem Forschungsprojekt in Emden und Mainz mit Hilfe digitaler Verfahren zusammengeführt und in einer Online-Edition veröffentlicht worden, für alle frei zugänglich. Die bislang isolierten historischen Quellen fügen sich so zu einem bisher kaum bekannten Bild eines einzigartigen Netzwerks von Gelehrten zusammen, das die Wurzeln der europäischen Aufklärung neu beleuchtet.

Für den Forscher Kęstutis Daugirdas aus Emden ist diese in der allgemeinen Öffentlichkeit kaum bekannte Bewegung der Sozinianer, einer aus dem protestantischen Christentum hervorgegangenen Minderheit, bis heute aktuell: „Die Sozinianer vertreten eine Position der Toleranz, dass man den anderen aushält in seiner Andersartigkeit.“ Die Beschäftigung mit dieser kleinen Glaubensgemeinschaft könne dazu beitragen, „das Polemische abzustreifen und im andersartigen Gegenüber jemanden zu sehen, der nicht als bedrohlich wahrgenommen wird, sondern von dem man etwas lernen kann“.

„Darauf stand im Alten Reich die Todesstrafe“

Benannt nach den italienischen Juristen Lelio Sozzini (1525-1562) und Fausto Sozzini (1539-1604), lehnten die Sozinianer den Glaubenssatz, dass Jesus Christus Mensch und Gott zugleich sei, als wider die Vernunft ab. „Darauf stand im Alten Reich die Todesstrafe“, erklärt Daugirdas, der bis 2017 als Wissenschaftler in Mainz tätig war und jetzt die Johannes a Lasco Bibliothek in Emden leitet. „Daher konnten sie nur im Untergrund oder in rechtlich anders verfassten Ländern wie Polen-Litauen wirken.“

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Im allgemeinen Bewusstsein gelten bekannte Philosophen wie Rousseau oder Voltaire als wichtigste Denker der Aufklärung. Aber es auch Gelehrte und Theologen, die aus heutiger Sicht als große Unbekannte gelten, heißt es von der Mainzer Akademie der Wissenschaften, die zusammen mit der Bibliothek in Emden das Projekt betreibt.

Die Verfasser der sozinianischen Briefe tauschten sich über Fragen der Theologie wie der Astronomie aus und hielten auch merkwürdiges Geschehen der Zeit fest. So ist einem Brief auch diese Nachricht aus Holland vom 18. Juli 1665 beigefügt: „Zu Hulst ist vergangenen Sontag ein großer hagel gefallen von unglaublicher größe, mit Todtenköpffen und anderen Figuren, hat vil fenster eingeschlagen und beschädiget“.

Digitale Edition online verfügbar

Die Online-Edition gibt aber nicht nur den Text der Briefe wieder, sondern geht weit darüber hinaus: Projektmitarbeiter haben die Briefe so digitalisiert, dass die Inhalte miteinander verknüpft werden können, auch mit Inhalten anderer Datenbanken, welche die gleichen Schnittstellen verwenden.

Das Projekt der sozinianischen Briefe könne eine Pilotwirkung für die digitalen Geisteswissenschaften entfalten, sagt Andreas Kuczera von der Akademie der Wissenschaften und der Literatur Mainz. Die wissenschaftliche Arbeit mit solchen inhaltlichen Netzwerken biete ganz andere Möglichkeiten als bei der Darstellung in einem linearen Buch.

Mit digitalen Editionen hätten neben den qualitativen Methoden auch quantitative Methoden Einzug in die Text- und Geisteswissenschaften genommen, sagt dazu die Professorin an der Fachhochschule Potsdam, Ellen Euler. Sie ermöglichten das Denken in Modellen und Daten und als maschinenlesbare Information auch die Auswertung mittels künstlicher Intelligenz.

„Digitale Editionen bilden unter bestimmten Voraussetzungen eine gute Grundlage für die Realisierung des umfassend vernetzten Weltwissen“, erklärt die Open-Data-Expertin. Wünschenswert sei es wenn alle an der Vernetzung des Weltwissens mitarbeiten könnten, etwa in Citizen-Science-Projekten wie Wikidata. Solche Schnittstellen zu den „linked open data“ von Wikidata, der Datenbankschwester der Wikipedia, sieht auch das Projekt der Sozinianer-Edition vor.

„Im 17. Jahrhundert gab es kaum eine Universität in Mittel- und Westeuropa, an der nicht Debatten über sozinianisches Gedankengut geführt wurden“, erklärt Forscher Daugirdas aus Emden. „So bietet der Briefwechsel ein Who is Who der europäischen Geistesgeschichte.“ Die Briefe sind meist auf Latein verfasst, etliche auch auf Französisch, Deutsch, Polnisch oder Italienisch. Insgesamt gibt es 2047 Briefe, die nun zum ersten Mal zusammengeführt und systematisch erschlossen werden. Bei weiterer Förderung des Projekts durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft könnte das Werk bis Ende 2023 abgeschlossen sein, schätzt Daugirdas.

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