Oldenburg „Wir haben noch eine Diktatur der Betriebswirtschaft“ und „die sozialen Medien sind asoziale Hass-Medien“: Diese Thesen des prominenten Nachhaltigkeitsforschers Prof. Dr. Ernst Ulrich von Weizsäcker (79) hat das Publikum im vollbesetzen Festsaal der Freien Waldorfschule mit großem Applaus bedacht. In der Vortragsreihe zur Postwachstumsökonomie stellte von Weizsäcker den Bericht an den Club of Rome vor, der kürzlich unter dem Titel „Die volle Welt braucht eine neue Aufklärung“ erschienen ist.

„Viel erreicht“

„Weizsäcker streitet für den Schutz der Ökologie, und niemand hat auf diesem Gebiet mehr erreicht als er“, sagte in der Begrüßung Niko Paech von der Universität Siegen.

Der Neffe des früheren Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker stellte unter anderem das Buch „Faktor 4“ vor. Doppelter Wohlstand bei halbierten Naturverbrauch ist das Thema. Es werden Beispiele für vervierfachte Energieproduktivität, Stoffproduktivität und Transportproduktivität dargestellt.

„Wir müssen weg von den falschen Fragen“, meinte der Professor. Man könne zehn Liter Wasser mit nur einer viertel Kilowattstunde von der Höhe des Meeresspiegels auf den Mount Everest hieven. „Kilowattstunden sind ein Wegwerfgut“, so von Weizsäcker. Energie sei zu billig und damit der Wert nicht mehr bewusst.

Beispiel Billigflüge: „Ökologisch ist das der glatte Wahnsinn“, so der Referent. Die Globalisierung sei erst seit 1990 ein Thema.

Bis dahin habe sich das Kapital mit dem Staat arrangiert. Danach sei der Staat nicht mehr notwendig gewesen, weil das Kapital sich durch die Globalisierung regele, waren weitere Aussagen des Co-Präsidenten des Club of Rome.

Der Mensch sei zu einem der wichtigsten Einflussfaktoren auf die biologischen, geologischen und atmosphärischen Prozesse auf der Erde geworden. 97 Prozent des Gewichts aller Wirbeltiere bildeten Menschen und Haustiere; nur drei Prozent seien Wildtiere.

Die Massentierhaltung hält der Wissenschaftler für ein großes Problem. „Oldenburg liegt verdammt nah am Meer“, warnte der Referent. Das Grönlandeis schwimme zum größten Teil auf dem Wasser. „Der Übergang von der Eiszeit zur Heißzeit kann ganz plötzlich kommen.“

„Unfähig zur Therapie“

Menschen seien gut in der Feststellung von ökologischen Diagnosen, aber unfähig zu vernünftigen Therapien.

Ulrich von Weizsäcker empfiehlt ein Umdenken in der Entwicklungshilfe. Es sei sinnvoller, eine vernünftige Altersversorgung zu schaffen, damit Kinder nicht die Eltern versorgen müssten. Weitere Forderungen des Wissenschaftlers: Die Kapitalmärkte müssten eingefangen werden. Ohne Kapitalmarktregulierung gehe „das Kreditgeschäft kaputt.“ Verfechter des Ökostroms seien damals kritisiert worden, heute sei Ökostrom billiger als Atomstrom.

Die Umsetzung vieler Ideen sei schwierig, weil die Gesellschaften „korrumpiert“ seien. Es sei nicht hoffnungslos, die Bevölkerung zur Veränderung zu bewegen. Erforderlich sei aber ein neuer Schub an Aufklärung. Dem Gewinndenken müsse „etwas entgegengesetzt“ werden.

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