Oldenburg Rund 900.000 Menschen in Deutschland leben laut Vegetarierbund Deutschland (Vebu) vegan, das bedeutet: Sie verzichten nicht nur bei der Ernährung, sondern auch bei Kleidung und Kosmetika auf jegliche tierische Produkte. „In den letzten Jahren sind es extrem viel mehr geworden“, berichtet Stefanie Coors, Inhaberin des veganen Lebensmittelgeschäfts „Veggiemaid“ in Oldenburg.

Was bedeutet Veganismus?

Der Begriff vegan kann aus dem Lateinischen von „vegetus“ (frisch, lebendig) oder aus dem Englischen von „vegetable“ (Gemüse) abgeleitet werden.

Mögliche Motive sind zum Beispiel Tierethik, Umweltschutz und Gesundheit.

Vegetarier verzichten in ihrer Ernährung auf Fleisch, Veganer essen darüber hinaus aber auch keine anderen tierischen Produkte. Sie meiden Milch, Eier, Bienenhonig – und auch Tierhäute wie Leder. „Bei der dekorativen Kosmetik ist das Problem, dass viele Kosmetika mit Tierversuchen hergestellt werden“, erklärt Coors. Ausnahme bilden bestimmte Marken, die ihre Produkte vegan, also ohne Tierversuche, herstellen. Das gefällt mir – aber funktioniert das vegane Leben auch im Arbeitsalltag? Ich mache fünf Tage lang einen Selbstversuch.

In einem Veganer-Blog im Internet finde ich einen Hinweis auf die kostenlose Handy-App „Kosmetik ohne Tierversuche“. Die App zeigt an, welche Kosmetika vegan sind und welche nicht. Nacheinander tippe ich alle Produktmarken, die mein Schminktisch hergibt, ins Handy ein. Ein rotes Kästchen erscheint – Schminken werde ich mich diese Woche also nicht.

Tag 1:

Der erste Morgen beginnt wie jeder andere auch: mit Kaffee. Den brauche ich morgens einfach – aber ohne Milch? Stefanie Coors hat mir Hafermilch empfohlen. Doch schon nach dem ersten Schluck bin ich bedient: Der Kaffee schmeckt wie Haferbrei!

Im Vollkornbrot sind keine tierischen Produkte. Schwieriger verhält es sich mit dem Aufstrich: In Nutella ist Magermilchpulver verarbeitet, Honig ist ebenfalls nicht erlaubt. Bleibt: Marmelade und der extra eingekaufte Agaven-Dicksaft. Da meine Pflanzenmargarine unerwartet „Sauermolke“ enthält, muss der Aufstrich direkt aufs Brot.

Im Büro verzichte ich vorsichtshalber auf meine Pfefferminz-Bonbons. „Trennmittel E470b, Farbstoffe E162, E151“ – das alles müsste ich zuerst im Internet überprüfen, bevor ich es esse. Das ist mir jetzt zu aufwendig.

13 Uhr, Mittagspause mit den Kollegen. Nach einem Blick in die Mittagskarte im Restaurant wird mir schnell klar: Um eine „Extrawurst“ kommt ein Veganer hier nicht drum herum. Als Beilage werden „tomatisierte Spaghetti“ angeboten. „Sind das Hartweizennudeln oder Eiernudeln?“, frage ich den Kellner. Die Kollegen lächeln mitfühlend. Der Kellner zieht die Augenbrauen hoch, grinst: „Spaghetti halt.“ Die Thekenkraft erbarmt sich und bestätigt mir nach einem Gang in die Küche, dass Hartweizennudeln verwendet werden – ein Glück, die darf ich essen.

Tag 2:

Am zweiten Tag passiert mir der erste Fauxpas: In alter Gewohnheit greife ich nach der Dusche zu meinem Deodorant, ohne zu prüfen, ob es tierversuchsfrei ist. Ist es nicht, wie sich später herausstellt – die App auf meinem Handy zeigt ein rotes Kästchen an.

Mittags geht es diesmal zum Bäcker. Für meine Kollegen gibt es belegte Brötchen mit Schinken und Käse. Ich bestelle als Letzte, da es sicher am längsten dauert: Viele Brötchen sind vegan – nur der Aufstrich ist es mal wieder nicht. Auf die Frage, ob sie auch etwas Veganes im Angebot habe, schlägt die Bäckereifachverkäuferin hilfbereit vor: „Nutella!“ Ich nicke freundlich – und esse meine zwei Brötchen trocken.

Gut zwei Stunden später habe ich wieder Hunger, der Magen knurrt. Ich bekomme schlechte Laune.

Tag 3:

Mein Mittagessen steht für Tag 3 schnell fest: tomatisierte Spaghetti. „Wie letztes Mal“, erkläre ich dem Kellner. Dieses Mal meint es der Koch gut mit mir, zu gut: Auf die Tomatensoße gibt er einige Tropfen Pesto. Im Pesto ist Parmesan verarbeitet. Kurz überlege ich, ob ich es zurückgehen lasse, aber dann kratze ich das Pesto einfach unauffällig herunter.

Am Abend probiere ich erstmals ein veganes Fertiggericht: Spaghetti Bolognese. Im Vergleich zu meiner gewohnten „Normal“-Version des Gerichts schmeckt es sehr frisch und tomatig – der Hackfleisch-Ersatz fällt kaum auf. Ich bin positiv überrascht.

Tag 5:

Etwas genervt bin ich am vierten Tag: Die Kollegen möchten mittags zum Bäcker. Ich esse also wieder zwei trockene Brötchen. Gegen den knurrenden Magen gönne ich mir hinterher eine „Capri Sonne“, etwas Geschmack muss doch sein, sage ich mir. Nach einem kurzen Blick auf die Rückseite der Getränkeverpackung wird mir klar: Ob dort etwas Tierisches drin ist, werde ich auch nach längerem Hinsehen nicht erkennen können.

Abends, nach einem langen Arbeitstag, bin ich erledigt. Lust, mir ein veganes Gericht zu überlegen oder gar zuzubereiten, habe ich nicht. Also verzichte ich.

Tomatisierte Spaghetti? Nicht schon wieder. Meine Kollegin und ich machen uns also auf die Suche nach einer Alternative. Die verspricht ein Baguette-Laden in unmittelbarer Umgebung der Redaktion: „Ich glaub‘, das ist alles nicht vegan“, erklärt mir die Verkäuferin, während ich enttäuscht durch die Speisekarte blättere. Also gibt es doch wieder die Spaghetti – nach dieser Woche werde ich wohl nie wieder Spaghetti mit Tomatensoße essen wollen.

Gespannt bin ich am Abend auf das vegane Gemüseschnitzel, das ich mir im Fachhandel gekauft habe. Beim Aufschneiden ist das Schnitzel innen leicht rosa. Zur Hälfte esse ich es, die Konsistenz ist mir nicht ganz geheuer. Der selbst zusammengerührte Rahmspinat als Beilage schmeckt hingegen genau wie das Original „mit dem Blubb“. Trotz der Soja-Sahne.

Das Fazit:

„Da haben Sie ja einiges falsch gemacht“, erklärt mir Anna Köpper, Ernährungsberaterin aus Oldenburg, im Nachhinein. Viel zu oft habe ich einseitig gegessen und nicht darauf geachtet, welche Nährstoffe mein Körper braucht. Besonders bei pflanzlichen Nährstoffen müsse man sich viele Gedanken machen, wie der Körper diese am besten aufnehmen kann. Aber auch, wenn man alles richtig mache – automatisch gesünder sei ein veganes Leben nicht, sagt die Expertin.

Um gesund und vegan leben zu können, hätte ich wesentlich mehr Zeit investieren müssen. Das schreckt mich ab. Gelernt habe ich aber durch das Experiment, dass es sich gut anfühlt, bewusst zu essen – das heißt: sich mit der Zusammensetzung der Lebensmittel auseinanderzusetzen. Ebenso wie mit dem Thema Kosmetik: Mir war nicht klar, wie verbreitet Tierversuche sind. Die App wird deshalb auch in Zukunft auf meinem Handy bleiben.

Désirée Senft Volontärin / NWZ-Redaktion
Meine Themen: Verpassen Sie keine für Sie wichtige Meldung mehr!

So erstellen Sie sich Ihre persönliche Nachrichtenseite:

  1. Registrieren Sie sich auf NWZonline bzw. melden Sie sich an, wenn Sie schon einen Zugang haben.
  2. Unter jedem Artikel finden Sie ausgewählte Themen, denen Sie folgen können.
  3. Per Klick aktivieren Sie ein Thema, die Auswahl färbt sich blau. Sie können es jederzeit auch wieder per Klick deaktivieren.
  4. Nun finden Sie auf Ihrer persönlichen Übersichtsseite alle passenden Artikel zu Ihrer Auswahl.

Ihre Meinung über 

Hinweis: Unsere Kommentarfunktion nutzt das Plug-In „DISQUS“ vom Betreiber DISQUS Inc., 717 Market St., San Francisco, CA 94103, USA, die für die Verarbeitung der Kommentare verantwortlich sind. Wir greifen nur bei Nutzerbeschwerden über Verstöße der Netiquette in den Dialog ein, können aber keine personenbezogenen Informationen des Nutzers einsehen oder verarbeiten.