HUNDSMüHLEN Rubzowsk ist eine Stadt in der Region Altai im südlichen Westsibirien. Für Lothar Mahler aus Hundsmühlen hat diese Stadt mit etwa 155 000 Einwohnern eine besondere Bedeutung – und die rührt nicht daher, dass Raissa Gorbatschowa dort 1932 geboren wurde. Aber ohne Michail Gorbatschows Glasnost und Perestroika hätte Mahler wohl nie erfahren, wo sein Vater begraben liegt.

1932 diente Heinrich Mahler schon das dritte Jahr beim 7. Infanterieregiment 154 als Berufssoldat in Oldenburg. Die Familie des Unteroffiziers lebte zunächst an der Chaukenstraße und zog später in die Leweckkaserne nach Kreyenbrück.

Viele Erinnerungen

Lothar Mahler hat noch viele Erinnerungen an jene Zeit, auch an seinen Vater. „Ich war zehn Jahre alt, als meine Mutter im April 1946 von einem Kameraden meines Vaters erfuhr, dass ihr Mann tot war“, erzählt er. Die näheren Umstände blieben über Jahrzehnte hinter dem eisernen Vorhang verschollen.

Erst nach Gorbatschows Glasnost und Perestroika wurden viele Daten über deutsche Kriegsgefangene in russischen Lagern freigegeben. In diesen Daten forschte Lothar Mahlers Enkel Christian, der als Schüler der Oldenburger Waldorfschule 13 Jahre lang perfekt Russisch gelernt hatte.

Nach seinem Studium der internationalen Wirtschaft in Groningen forschte der 27-Jährige während eines Auslandssemesters in Moskau weiter nach dem Schicksal seines Urgroßvaters in Sibirien. Mit Hilfe des Rotkreuzsuchdienstes und des Generalkonsulats in Nowosibirsk fanden sie heraus, dass Stabsfeldwebel Heinrich Mahler am 15. September 1945 im Kriegsgefangenenlager 511 in Rubzowsk an Hungertyphus starb, drei Monate, nachdem er in Ostpreußen gefangen genommen und mit 1992 Soldaten in einem Militärzug nach Sibirien gebracht worden war.

„Diese Einzelheiten kennen wir nicht zuletzt dank der Unterstützung von Dr. Sergej Bukin“, berichtet Lothar Mahler, der in diesem Jahr gemeinsam mit seinem Enkel Christian nach Rubzowsk reiste. Mit dem Flugzeug von Hannover nach Nowosibirsk via Moskau. „Dann hat uns Herr Bukin begleitet.“

Russen sehr hilfsbereit

In Rubzowsk seien alle sehr freundlich gewesen. „In der dortigen Abendzeitung ist eine ganze Seite über uns erschienen“, berichtet Mahler, der gemeinsam mit seinem Enkel ausführlich interviewt wurde.

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Die Traktorenfabrik, in der die Kriegsgefangenen arbeiteten, gibt es noch. In Teilen des Lagers leben heute Strafgefangene. Im Stadtmuseum von Rubzowsk, so erzählt Lothar Mahler, erinnern Stahlhelme an jene schlimme Zeit, in der 5965 Soldaten bei Kälte von einem Maiskloß pro Tag leben mussten, auch die russischen Arbeiter bekamen kaum mehr.

Grabsteine allerdings suchte er vergeblich. Aber mit Hilfe des Historikers Dr. Sergej Bukin wurde die Stelle gefunden, an der deutsche Kriegsgefangene begraben wurden – im Gelände gegenüber eines stillgelegten Friedhofs. „Wir wollen uns jetzt gemeinsam mit dem Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge dafür einsetzen, dass dort ein Gedenkstein aufgestellt wird“, erklärt Lothar Mahler. Rubzowsk soll ein besonderer Ort der Versöhnung werden. Das wünschen sich Lothar Mahler und Dr. Sergej Bukin, der fließend Deutsch spricht.

Sabine Schicke stv. Redaktionsleitung / Redaktion Oldenburg
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