Oldenburg Der Anblick flößt Respekt ein. Ein Holzoval mit etwas morsch wirkenden Brettern, atemberaubende 45 Grad Steigung. „Sieht aus wie eine steile Wand“, beschreibt Lina Rausch. Das hielt die 14-jährige Radsportlerin des RSC Oldenburg aber nicht davon ab, in den Sattel zu steigen. Mutig trat sie am vergangenen Wochenende an: gegen zwei Konkurrentinnen und die Sommerbahn in Hannover.

„Ich hatte schon ziemlich Respekt“, erzählt Lina, die bei den niedersächsischen Meisterschaften Rang zwei in ihrer Altersklasse belegte. Bei der „fliegenden Runde“ machte sie richtig Tempo, im Schnitt fast 50 km/h. Dass im gesamten Bundesland überhaupt nur drei Fahrerinnen unter 17 Jahren auf der Bahn um Punkte fahren, beweist: Diese Disziplin hat es in sich.

Das Gefährt, das Vater und Trainer Olaf Rausch, selbst zusammenschraubte, hat mit einem Renn- oder Crossrad wenig gemeinsam. Bremsen und Schaltung fehlen komplett. Einmal in Tritt, drehen sich die Pedale immer weiter. „Als ich mal kurz aufgehört habe zu treten, wäre ich fast über den Lenker geflogen“, berichtet Lina. Aber zum Glück nur fast, denn passiert ist der geübten Fahrerin bislang nichts.

So ganz freiwillig erfolgte der Start auf der Bahn vor wenigen Monaten allerdings nicht. Der Grund: Lina, die im Alter von sechs Jahren, mit dem Radsport anfing, steht im Fokus des Nationalkaders. Wer den Sprung schaffen will, braucht Punkte auf Straße und Bahn. Training ist aber kaum möglich, da die nächste Bahn weit entfernt in Hannover liegt.

„Die Straße steht bei mir sowieso weiter im Mittelpunkt, Cross aber an erster Stelle“, erzählt die Gymnasiastin, die die neunte Klasse am NGO besucht. Doch die Bahn schult auch für die anderen Disziplinen, hat Lina festgestellt: „Man wird auf kurzen Strecken schneller.“ Denn der Sprint spielt eine große Rolle. In Hannover fuhr Lina ein sogenanntes Omnium – einen Mehrkampf, der unter anderem aus Zeitfahren und Einer-Verfolgung besteht. „Vor allem im Endspurt geht es richtig eng zu, oft Lenker an Lenker“, sagt Lina.

Was sie an Trainingskilometern abreißt, flößt ebenfalls Respekt ein. Etwa 10 000 im Jahr, schätzt Vater Olaf, der hin und wieder mit dem Motorroller vorweg fährt, damit Lina dahinter Tempo bolzen kann. Hinzu kommen 36 Wochenstunden in der Schule. Die Freizeit ist knapp. Womöglich auch ein Grund dafür, dass Lina derzeit die einzige Nachwuchsfahrerin beim RSC ist. Zudem sind die Perspektiven vor allem für Frauen gering. „Die ganze Familie muss schon Radsport-verrückt sein“, meint Olaf Rausch mit Blick auf die vielen Rennen an Wochenenden – und die Ernährung. „Pommes und Süßes sind tabu“, bedauert Lina. Vor Wettkämpfen stehen dafür ganze „Nudel-Orgien“ auf dem Speiseplan. Kohlenhydrate spenden schließlich Kraft.

Die ist auch nötig, denn schon einen Tag nach den Titelkämpfen auf der Bahn ging es weiter nach Osnabrück zur Landesmeisterschaft im Bergfahren. Lina schaffte erneut Platz zwei, was ihre Vielseitigkeit im Sattel belegt. Reine Erholung bieten dagegen die läppischen drei Kilometer, die sie morgens in Oldenburg mit dem Rad zur Schule zurücklegt: auf ebenem Asphalt ohne jede Steigung.

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