OLDENBURG Das gibt es auch nur selten: Der Festredner beim „Festlichen Abend im Winter“ der Wirtschaftlichen Vereinigung Oldenburg – „Der Kleine Kreis“ – hatte am Freitagabend eine klare Warnung an seine Zuhörer im Gepäck – und die bezog sich auch noch aufs Essen. Allerdings warnte Professor Walter Krämer (Dortmund) nicht wie derzeit üblich vor Dioxin oder anderen Giften in der Nahrung, sondern – vor Gräten und Schinkenscheiben. Der Wirtschafts- und Sozialstatistiker informierte die etwa 320 Gäste in den Festsälen der Weser-Ems-Halle darüber, dass in Deutschland jedes Jahr über 800 Menschen sterben, weil sie sich an den genannten Essenbestandteilen verschlucken – und das seien viel mehr als an allen derzeit durch die Medien geisternden Gift-Szenarien stürben.

Der Vortrag von Krämer, der auch als Vorsitzender des „Vereins Deutsche Sprache“ bekannt ist, passte trotz dieser Aussage bestens zum Hauptthema des Kleinen Kreises – der Wirtschaft. Zur Begrüßung hatte der Vorstandsvorsitzende des Kleinen Kreises, Professor Heinz-W. Appelhoff, „die erheblichen Turbulenzen“ des vergangenen Jahres in Kultur, Wirtschaft und Wissenschaft in Deutschland angesprochen. Und an denen, da ist sich Krämer sicher, ist auch der wenig vernünftige und nur unzureichend wissenschaftlich fundierte Umgang mit Gefahren nicht ganz unschuldig: „Die irrationale Einstellung der Deutschen zu Gefahr und Risiko richtet einen enormen wirtschaftlichen Schaden an“, sagte er.

Als Beispiele nannte er die mediale Aufarbeitung von Schweinegrippe und dioxinverseuchten Eiern. Die jüngsten Ereignisse hätten die Schweinegrippe allerdings in den Hintergrund gestellt. „Durch den Dioxinskandal wurde aber eine andere Sau durchs Dorf getrieben.“

Krämer hält solche Ängste für irrational, macht jedoch nicht nur die Deutschen dafür verantwortlich. Unbegründete Panik liege u.a. daran, dass Menschen beeinflussbare Risiken für geringer halten als nicht beeinflussbare. Darum hätten viele Flugangst und führen lieber Auto, obwohl Fliegen statistisch sicherer sei. Apropos sicher: Ein Gefühl der Sicherheit macht nach seinen Recherchen das Leben offenbar gefährlicher. So gebe es in US-Staaten mit Helmpflicht mehr Motorradfahrer, die an Unfällen sterben, als in Staaten ohne Helmpflicht.

Auch gut gemeinte Sicherheitsmaßnahmen machen seinen Aussagen zufolge das Leben nicht sicherer: Er zitierte Modellrechnungen US-amerikanischer Statistiker, denen zufolge durch die Asbestsanierung in Schulen mehr Schüler ums Leben gekommen als jemals durch Asbest gestorben wären. Krämer: Sie wurden auf längeren Schulwegen oder in der zusätzlichen Freizeit ermordet oder überfahren.

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Zurück zur aktuellen Lage: Krämer erinnerte daran, dass auch beim Dioxin die Dosis das Gift mache – was allerdings in allen medialen Panikwellen immer wieder sträflich missachtet werde. Eines seiner Beispiele: Gifte in Kinderjacken. Krämer zitierte augenzwinkernd einen Lebensmittelchemiker. „Dieser sagte mir, damit ein Kind zu schaden komme, müsse es eine solche Jacke – essen.“

Das Menü schmeckte trotzdem allen vorzüglich, und man verbrachte einen unterhaltsamen Abend mit Tanz und anregenden Gesprächen.

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