Oldenburg Wie hat Felix Beilstein es so nett formuliert in seinem herrlichen Buch „Traumberufe“, in Anlehnung an ein Bild von Spitzweg? „Träumen ist schön, schlafen ist noch schöner. Manchmal auch arbeiten, wenn man einen schönen Beruf hat.“

Rudolf Bebenroth hat einen schönen und einen besonderen Beruf gefunden: Seit 35 Jahren ist er Melker auf dem Hof Hilbers in Etzhorn. Sein Vater war Melker, sein Onkel war Melker, seine Mutter war Melkerin – damals noch ein Lehrberuf. Aber 35 Jahre lang Kühe melken? Er sagt: „Ich mag Kühe, und ich möchte, dass es ihnen gut geht.“ Hans-Gerd Hilbers, der Senior auf dem Hof, schwört auf ihn: „Rudi sieht alles positiv und wirkt damit auch positiv auf alle anderen, ihm ist nichts zuviel. Er freut sich auch, wenn’s regnet und sagt dann: ,Das Gras muss wachsen.’ Er denkt in jeder Lage immer auch für den Betrieb. Mit Rudi haben wir großes Glück.“ Der Formel-1-Fan ist solo, „er gehört hier ganz normal zur Familie“, sagt Hans-Gerd Hilbers.

Die Bebenroths kamen im Mai 1982 mit sechs Kindern nach Etzhorn. Der Vater war Melker der gut 50 Kühe im Landwirtschaftlichen Versuchsbetrieb der Universität Göttingen gewesen. Aber die Hilbers boten der großen Familie eine bessere Perspektive. Die Anzeige hatten sie in „Land & Forst“ entdeckt, dem damals noch auf gelbem Papier gedruckten Wochenblatt für die Landwirtschaft.

Damals waren es noch 70 Kühe, heute sind es 165, die Bebenroth mit einem Kollegen und dem Chef melkt. Die Arbeit war früher trotzdem beschwerlicher: mit anstrengenderem Ansetzen des Melkgeschirrs und Füttern mit der Forke. Seit 2001 gibt es einen Melkstand, der das Melken mit geradem Rücken erlaubt. Der 54-Jährige sagt: „Mir hat das Ganze von Anfang an Spaß gemacht: das Treckerfahren, das Melken, die Klauenpflege, das Füttern, die Geburt der Kälber.“ Oft hilft er auch mit, Kälber zur Welt zu bringen oder ihnen danach die Flasche zu geben. 180 Kälber werden kommen hier jedes Jahr zur Welt, die Kühe sind vorher vier Wochen auf der Weide. „Wenn ein Kalb geboren wird, bekommt es nach 15 Minuten erstmal drei Liter Milch“, sagt Bebenroth. Die drei Liter werden wie früher mit der Hand gemolken. Christian Hilbers, der den 500 Jahre alten 120-Hektar-Betrieb mit seiner Frau Sarah in der 17. Generation führt, sagt: „Mit der Hand melken können wir alle noch.“

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Natürlich heißt bei 165 Kühen keine mehr Alma oder Senta oder Lilli oder Lotte – „aber wenn man die als Kalb schon kennengelernt hat, hat man schon eine Beziehung zu den Tieren“, sagt Rudi Bebenroth. Jeden Morgen ist er um 5.45 Uhr bei den Kühen, weil er auf dem Hof wohnt, ist der Weg nur kurz. Er treibt die Kühe in den Melkstand – die älteren drängeln sich immer nach vorne, die jüngeren stehen hinten in der Schlange – dann wird zwei Stunden lang gemolken, dann Frühstück, „dann Gülle fahren und alles, was anliegt“. Nach zwölf Stunden, also am Nachmittag müssen die Kühe wieder gemolken werden. Die drei bis vier Stunden Mittagspause braucht er allerdings auch, denn das Melken von 165 Kühen fordert auch, trotz Technik. Vor allem im Sommer, wenn zur Hitze durch die Kühe im engen Melkstand die hohe Außentemperatur kommt, gehört der Job des Melkers vermutlich zu den heißesten in der ganzen Stadt.

Gemolken wird heute von hinten, Berührungsängste sollte ein Melker dabei nicht haben. „Ich streichel die Kühe vorher immer leicht am Euter, damit sie sich nicht erschrecken“, sagt er. „Vertrautheit ist ganz wichtig für die Kühe“, sagt Sarah Hilbers. Wenn plötzlich ein Besucher im Melkstand auftaucht, läuft die Milch gleich langsamer. Deshalb wird der Melkstand bei den Führungen, die Hans-Gerd Hilbers regelmäßig auf dem interessanten Hof mit Brennerei, Ateliers, Kühen und Pferden anbietet, der Melkstand immer ausgespart. Nur ein Rabbi guckt ab und zu mal zur Tür ’rein: Um sich zu vergewissern, dass hier auch wirklich nur Kühe gemolken werden. Denn die Molkerei Ammerland ist der größte Exporteur von koscherer Milch. Zu jeder Melkzeit für eine koschere Charge schaut deshalb ein Rabbi bei Rudi vorbei.

Karsten Röhr Redakteur / Redaktion Oldenburg
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