OLDENBURG Rund 30 VWG-Mitarbeiter prüfen Fahrkarten. Trotzdem können sie nur zwei Prozent der Fahrten kontrollieren.

Von Jens Joest OLDENBURG - Die hintere Bustür öffnet sich, ein junger Mann rempelt sich den Weg frei und flieht. „Bestimmt ein Schwarzfahrer“, meint Uwe Sander, Fahrkartenprüfer bei der VWG. „Der hat uns an der Haltestelle erkannt.“ Und jetzt – hinterher? „Mit meinen 45 Jahren hole ich den ohnehin nicht mehr ein“, sagt Sander. Stattdessen steigt er hinten in den Bus der Linie 303 nach Krusenbusch, ich fange meinen Job vorn beim Fahrer an: „Moin, VWG, die Fahrkarten bitte.“

Heute unterstütze ich die Kontrolleure Sander (45) und Peter Grotelüschen (46). Sie sind zwei von rund 30 VWG-Mitarbeitern, die Bus-Betrüger jagen (siehe Kasten).

Zwei bis fünf Prozent der jährlich 15 Millionen Fahrgäste in Oldenburg fahren schwarz, sagt VWG-Sprecher Morell Predoehl. Folglich müssten 300 000 bis 750 000 Fahrgäste ohne Ticket unterwegs sein. „Durch Schwarzfahrer fehlen uns jährlich Einnahmen im hohen sechsstelligen Bereich“, so Predoehl. Diesen Fehlbetrag müssen dann gleichsam die zahlenden Gäste aufbringen – und sei es über höhere Fahrpreise.

Der Job der Fahrkartenprüfer ist also wichtig, obwohl sie nur zwei Prozent aller Oldenburger Fahrten kontollieren können. 2500 Mal im Jahr verhängen VWG-Mitarbeiter das Bußgeld von 40 Euro.

In Bus 303 kramt gerade ein bärtiger 34-Jähriger in den Taschen seiner schwarzen Jacke und seiner weißen Cargo-Hose nach dem Ticket. „Hab’ ich nicht mehr“, stellt er fest. „Sie ahnen, was jetzt kommt?“, frage ich. Ganz wohl ist mir nicht – mancher Ertappter reagiert aggressiv. „Ein Bußgeld, nehme ich an“, antwortet er teilnahmslos.

Ich lasse mir den Ausweis geben, um die Personalien des Schwarzfahrers zu notieren. „Viele sagen uns, sie hätten die Papiere vergessen“, berichtet Peter Grotelüschen. Unwillige müsse die Polizei zur Kooperation zwingen, gerade an den sozialen Brennpunkten der Stadt. In diesem Fall steigt der Fahrkartenprüfer mit dem Ertappten aus und wartet auf die Streife. „Einmal ist mir ein Schwarzfahrer in den Rücken gesprungen“, erzählt Uwe Sander. „Der war dann natürlich weg. Geschlagen worden bin ich aber noch nicht“, sagt Uwe Sander. Aber üble Schimpfworte und die Drohung „Ich mach’ Dich platt“ seien nicht ungewöhnlich.

Der Schwarzfahrer in Bus 303 nimmt das Formular „Erhöhtes Beförderungsentgelt“ wortlos entgegen. Er hat nun eine Woche Zeit, der VWG die 40 Euro zu zahlen.

Nochmal werde ich nicht fündig. Auf die gängigen Tricks fallen die Kontrolleure ohnehin nicht herein: Wer sein Ticket „versehentlich“ doppelt abstempelt, den Entwerteraufdruck abkratzt oder Mitte Oktober noch mit der September-Monatskarte unterwegs ist – „für uns sind solche Fahrgäste zunächst mal potenzielle Schwarzfahrer“, sagt Grotelüschen.

Dann kommt es auf Fingerspitzengefühl an: Die sehbehinderte Oma, die ihr Ticket zum zweiten Mal stempelt, kann auf Milde hoffen. Nicht so Jüngere: „Die wissen genau, was sie tun“, so Sander.

Am Pferdemarkt steigen Sander, Grotelüschen und ich hinten in den Bus 322 Richtung Thomasburg. Eine blonde Frau mit Trekking-Rucksack eilt zum Fahrer.

Ich fange sie ab. Sie zeigt mir ihr Osnabrücker Studenten-Ticket. Damit darf die 26-Jährige umsonst mit dem Zug nach Oldenburg fahren. „Außerdem haben mich schon viele Oldenburger Busfahrer mitfahren lassen.“

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Ich zögere. Ihre Flucht zum Fahrer beweist ein schlechtes Gewissen – das Ticket gilt nur in Osnabrücker Bussen. Außerdem wohnt die junge Frau in Oldenburg. Sie fährt sicher nicht zum ersten Mal mit der VWG. „Ein Vorschlag zur Güte“, schaltet sich Peter Grotelüschen ein. „Sie kaufen sich jetzt eine Fahrkarte. Dann schreiben wir Sie nicht auf.“

Ich bin sicher, dass die junge Frau mit Absicht schwarz gefahren ist.

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