OLDENBURG Er macht den Buckel krumm, der 47-jährige Kohlenmann mit der immer guten Laune. Udo Wefer schleppt seit mehr als 20 Jahren Säcke mit Anthrazit und Eierkohle, hievt 25-Kilo-Pakete mit Briketts und sagt lachend: „Früher haben wir mehr gehoben.“ Ich versuche es auch und spüre einen Zentner auf meinem Rücken. „Du hast ein Kreuz wie ein Bergmann. Nicht so breit, aber so dreckig“, haben die Kumpels gelästert, als ich vor 20 Jahren in den Semesterferien auf der Zeche „Heinrich-Robert“ in Bockum-Hövel bei Hamm unter Tage gearbeitet habe. Das war jede Menge Kohle und viel Geld damals, heute versuche ich, Kohle säckeweise zu schleppen und spüre deutlich, dass man dafür ein Kerl wie Udo Wefer sein muss.

Sein Urgroßvater Friedrich Sander hat den Kohlenhandel in der Alexanderstraße 1933 gegründet. Vater Hermann hat in den 50ern die Tochter des damaligen Besitzers geheiratet und dann noch die großen Zeiten des schwarzen Goldes in Oldenburg erlebt. „Früher haben Zehntausende in Oldenburg mit Kohle geheizt“, sagt Wefer, und bei Kohlen-Sander fuhr man dann jeden Tag bis in die Abendstunden, wenn der Winter grimmig war, um tonnenweise Kohle in Keller und Schuppen zu schleppen.

Als Udo Wefer das Geschäft übernahm, hat Vater Hermann auf dem Hof noch abgesackt, wie man sagt. Zuvor war der Senior selbst unter Tage. In Mühlheim im Ruhrgebiet hat er die Kohle nach oben geschafft. Im Akkord und knüppelhart. So wie viele Oldenburger, die in den Jahren nach dem Krieg Arbeit im Pott gefunden hatten.

100 Pfund im Kreuz

Die großen Zeiten des schwarzen Goldes sind vorbei. Nur noch ein paar alte Oldenburger wie Lisa Stolle heizen damit. Die 78-jährige wartet schon in ihrer kleinen Wohnung im alten Haus am Scheideweg, als der rote Siebeneinhalb-Tonner mit der Kohle auf der staubigen Ladefläche vor dem Haus hält. Drei Säcke müssen in den Schuppen, drei Zentner, 150 Kilo und ich merke jedes Gramm, als ich mir vom Lkw die Kohle auf den Rücken ziehe. Ich bin froh, dass ich nicht sofort in die Knie gehe, und als ich die 100 Pfund Anthrazit im Schuppen am Kohlenverschlag ausgekippt habe, lacht der bärige Herr Wefer und sagt: „Ich hab schon welche erlebt, die haben sich dümmer angestellt.“

In Lisa Stolles Küche ist es so, wie es bei meinen Großeltern in der Stube war. Als ich Kind war, war der Kohlenmann ein Ereignis. Das ist die Wärme, die mich an Hörspielabende vorm Röhrenradio erinnert. „Das ist die wahre Wärme“, sagt Lisa Stolle. „Besser als die trockene Heizungsluft. Das ist nichts.“

Zwei Straßen weiter lebt Margot Pinkwart allein im kleinen Reihenhaus. Früher wärmte sie alle Zimmer mit Kohle. Irgendwann kam Öl, dann Gas. „Das macht nicht so viel Dreck und Arbeit“, sagt die Rentnerin. Aber den kleinen Kohleofen in der Küche, den hat sie behalten. „Da koche ich meine Suppe drauf“, sagt sie. Drei Briketts am Tag reichen der Dame.

„Wir waren damals froh“

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Margot Pinkwart, inzwischen 85, erinnert sich noch an die Zeit, als es ein Segen war, dass man mit Kohle heizen konnte. „Als im Februar 1962 Hamburg von der Sturmflut überflutet wurde, fiel in Oldenburg der Strom aus. Da waren wir froh, den Kohleofen zu haben.“

Ich schleppe derweil einen Zentner Kohle über die steile Treppe in den Keller. Beim Ausschütten muss Kohlenmann Udo Wefer helfen. Schreiber haben doch nur Pudding im Arm.

Frank Jungbluth Chef vom Dienst (bis 2012)
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