Oldenburg Das letzte Jahr des Ersten Weltkriegs war für die Deutschen gekennzeichnet von Hoffnungen und Enttäuschungen. Sah es zu Beginn des Jahres so aus, als könnte Deutschland den Krieg noch gewinnen, zeichnete sich im Laufe des Sommers die Niederlage ab. Im Herbst bat das Deutsche Reich um die Einstellung der Kampfhandlungen. Wie erlebten Zeitgenossen diese Zäsur?

Einen Einblick vermitteln Kriegstagebücher und Briefe. Der kaufmännische Angestellte Otto Borggräfe (1895-1978), damals wohnhaft in der Alexanderstraße 94, meldet sich – gerade einmal 19 Jahre alt – im August 1914 freiwillig für den Kriegsdienst. Nachdem er bis Ende 1917 bei verschiedenen Feldartillerieregimentern an der West- und Ostfront eingesetzt war, absolviert er im Januar 1918 eine Ausbildung zum Flieger und verbringt anschließend die letzten Monate des Krieges an der Westfront. Es gefällt ihm, zur jungen Luftwaffe wechseln zu können. Selbst bei der Beschreibung von gefährlichen Situationen, die Borggräfe auf seinen mehr als 25 Feindflügen zu meistern hat, zeigt er nur wenige Emotionen.

Die Verschlechterung der militärischen Lage spiegelt sich in den Aufzeichnungen nur sehr bedingt wider. Spätestens seit dem 8. August, dem „schwarzen Tag des deutschen Heeres“ (Erich Ludendorff), gerät das Deutsche Reich in die Defensive. Borggräfe notiert an diesem Tag: „Der Großkampf ist entbrannt. Seit heute früh 8 Uhr greift der Engländer bei Morlancourt und weiter südlich an. Bis jetzt ist er ungefähr 5 km vorgekommen. Südlich der Somme noch etwas mehr.“

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Einen Tag später wird Borggräfe von der englischen Infanterie aus 200 m Höhe abgeschossen und beim Absturz seiner Maschine verwundet. Er verliert das Bewusstsein und wacht am 10. August in einem Lazarett auf.

„Wer mich aus der Maschine gezogen und wer mich ins Lazarett gebracht hat, davon weiß ich nichts. […] Wo die Maschine gelandet […] ist, bleibt ein Geheimnis“. Offenbar erleidet er beim Absturz eine Gehirnerschütterung und einen Nervenschock. Zahlreiche andere Flieger aus seiner Umgebung werden ebenfalls abgeschossen und kommen dabei zu Tode.

In der Folgezeit konzentrieren sich die Aufzeichnungen auf verschiedene Lazarettaufenthalte: „Die Tage vergehen rasend schnell. Über Langeweile wird zwar furchtbar geschimpft, aber bei der guten Verpflegung und Unterhaltung – es sind 46 Schwestern im Lazarett – vergeht ein Tag schneller als der andere“, schreibt er am 26. August.

Reichsleitung erschüttert

Gegenüber der Reichsleitung räumt die Oberste Heeresleitung am 29. September ein, dass der Krieg verloren sei und verlangt die Aufnahme von Waffenstillstandsverhandlungen. Angesichts der bis dahin durchweg positiven Berichterstattung zeigte sich die Reichsleitung überrascht und zutiefst erschüttert.

Die Bevölkerung und die Soldaten erfahren jedoch zunächst nur wenig von der desolaten Lage. So heißt es bei Borggräfe am 1. Oktober: „Die Tage vergehen einer wie der andere. Mit großen und kleinen Spaziergängen vertreiben wir uns die Zeit.“ Der letzte Eintrag des Tagebuches datiert vom 26. Oktober 1918. Das bevorstehende Kriegsende und die Revolution werden nicht mehr kommentiert.

Hat Inland „versagt“?

Eine gänzlich andere Wahrnehmung des Kriegsgeschehens findet sich in den Briefen von Wilhelm Mittweg (1886-1974), dem späteren Gründer und Leiter der gynäkologischen Abteilung am Oldenburger Pius-Hospital. Der 32-Jährige ist als leitender Arzt in einem Lazarettzug an der Westfront tätig. Bereits am 25. August 1918 fragt er seinen Vater in einem Brief: „Wie denkt man in der Heimat über’s Kriegsende? Glaubt man immer noch an ein Ende 1918?“

Am 6. September ist er weiterhin überzeugt, dass die Front durchhält, „wenn nur das Inland nicht versagt!“ Am 5. Oktober äußert er dann deutliche Friedenssehnsucht: „Es wird Zeit für den Frieden. Wir dürfen uns nicht tot siegen! Man scheint sich bei uns doch in mancher Beziehung verrechnet zu haben u. hat vor allem den Gegner unterschätzt. […]

Sozialdemokraten regierungsfähig? Wer hätte das vor Kurzem noch für möglich gehalten. Aber – Zeiten und Parteien ändern sich. Unsere Sozialdemokraten von heute sind keine Sozialdemokraten in des Wortes früherer Bedeutung mehr. […] Frieden muss bald werden!“ Sechs Tage später formuliert er seinen Wunsch nach Frieden drastischer: „Es wird Zeit! Wenn das letzte, nämlich ein Kampf auf Leben und Tod, Deutschland erspart bleiben soll.“

Auch die politische Neuordnung Deutschlands beschäftigt Mittweg. Seinem Vater erklärt er am 2. November, dass er dem Übergang zur Demokratie trotz anfänglicher Skepsis jetzt positiv gegenübersteht: „Du schreibst, Du habest Dich unter dem alten Regime wohl gefühlt oder wohler gefühlt als jetzt. Auch ich war zufrieden. Trotzdem bin ich jetzt Anhänger der neuen Richtung u. der neuen Zeit. Ich halte eine weitgehende Demokratisierung-Parlamentarisierung für richtig u. notwendig. Zeiten und Menschen ändern sich eben.“

Mittweg erklärt, noch immer Anhänger der Monarchie zu sein, aber ein alldeutscher Kaiser würde ihn „unfehlbar zur Republik treiben“, denn „die Alldeutschen (nicht die Mehrheitssozialisten) haben m. E. sehr viel Schuld an unserem jetzigen Unglück.“ Er macht also nicht – wie es später im Rahmen der Dolchstoßlegende weit verbreitet ist – die Linke für die deutsche Niederlage verantwortlich, sondern die radikalen Nationalisten auf der politischen Rechten, die einen Verhandlungsfrieden verhinderten.

Erlebnis nicht einheitlich

Schon an diesen beiden Beispielen wird deutlich, dass es „kein nur annähernd einheitliches Kriegserlebnis“ gegeben hat, wie der Historiker Wolfgang J. Mommsen feststellt. Die Deutung der Ereignisse des Jahres 1918 und die daraus gezogenen Konsequenzen waren individuell und zu unterschiedlich. Auch in der Weimarer Republik konnten sich die Deutschen nicht zu einer gemeinsamen Erinnerung an den Weltkrieg, über die politischen Gräben hinweg, zusammenfinden.

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