Oldenburg Das Buch erhellt und macht ratlos, fasziniert und verstört, fesselt und stößt ab: Wohl keiner der mehr als 100 Besucher dürfte am Sonnabend unberührt aus dem Vortragssaal des City Club Hotels nach Hause gegangen sein. Mehr als zwei Stunden hatte Christoph Reuter vorgelesen, berichtet und Fragen zum Islamischen Staat (IS) beantwortet. Der Vormittag, zu dem die FDP-nahe Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit und die Rudolf-von- Bennigsen-Stiftung den Nahost-Experten und „Spiegel“-Autor gewonnen hatten, fand brennendes Interesse.

Reuter, der seit Studienzeiten immer wieder längere Zeit in der arabischen Welt lebt, umschreibt das, was den Islamischen Staat ausmacht, mit dem Begriff Täuschung.

Getäuscht würden zum Beispiel diejenigen, die religiösen Fanatismus als treibende Kraft hinter den Grausamkeiten der IS-Einheiten sähen. Denn die Strippenzieher nutzten zwar islamische Werte und konfessionelle Identitäten, um ihre Schreckensherrschaft zu errichten. Doch nicht aus religiöser Überzeugung heraus, sondern aus Kalkül, ist Reuter überzeugt. Mit der Berufung auf den Koran erzielten sie diejenige Gefolgschaft und Aufmerksamkeit, die ihnen den Zulauf in der Gesellschaft sicherten. Im Grunde gehe es dem Islamischen Staat aber um Macht, Geld und Aufbau eines Herrschaftsgebietes.

Dass sich geheimstaatliche Kommandostrukturen überhaupt entwickeln konnten, ist nach Reuters Worten eine jener fatalen Folgen des Irak-Kriegs, den der Westen und vor allem die USA gegen Saddam Hussein geführt hatten.

Kenntnisreich schildert Reuter, wie sich die USA durch die Entmachtung von Offizieren, hohen Beamten und Gelehrten die gesamte bisherige gesellschaftliche Führung zu Todfeinden gemacht habe. Dank ihrer Berufserfahrung unter Saddam Hussein hätten ehemalige Geheimdienstoffiziere den straff organisierten islamischen Staat aufbauen können, in dem jeder den anderen überwacht, misstraut und der Vergehen mit drakonischen Strafen ahndet.

In kein gutes Licht stellt Reuter die Syrien-Politik des Westens. Nicht einmal zu Flugverbotszonen, die große Teile der Bevölkerung vor Assads Luftwaffe geschützt hätten, habe man sich durchringen können. „Das wäre das Mindeste gewesen.“ Jetzt, da Russland eingegriffen habe, sei es zu spät. Für die arabische Welt habe der Westen kein Konzept.

Was folgt aus dem aufschlussreichen Buch? Eine einfache Lösung nicht. Aber die Aufforderung, die eigenen, oft schlichten Antworten gründlicher zu überprüfen.

Christoph Kiefer Chefreporter / Reportage-Redaktion
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