Frage: Wie viel Platz darf Trauer im Leben von Familien, deren Kinder gestorben sind, einnehmen?

Iris Neumann-Holbeck: Das ist individuell. Jeder trauert anders und unterschiedlich lange. Trauer verändert sich im Laufe der Jahre – sie wird blasser und dann wieder stärker. Etwa, wenn Gerüche oder Lieder Erinnerungen auslösen, sie ist immer da und ein ständiger Begleiter der Betroffenen. So ein Verlust begleitet Menschen ein Leben lang.

BILD: Privat

Licht im Dunkel

Am 2. Dezembersonntag wird weltweit verstorbenen Kindern gedacht. Gegen Abend stellen Betroffene eine brennende Kerzen ins Fenster. Während das Licht in der einen Zeitzone erlischt, wird ein neues in der nächsten entzündet – so dass 24 Stunden Kerzen brennen. Jedes Licht steht für das Wissen, dass die Kinder das Leben erhellt haben und nie vergessen werden, aber auch für die Hoffnung, dass die Angehörigen nicht für immer dunkel bleiben werden.

In Oldenburg sind trauernde Freunde und Familien an diesem Sonntag in der Nikolai-Kirche an der Hundsmühler Straße 111 willkommen. Ab 17 Uhr werden Pastorin Beate Bühler‐Egdorf und ihr Team der Seelensorge des Klinikums einen Gedenkgottesdienst halten. Anschließend ist Zeit zum Austausch und Beisammensein bei einem kleinen Abendbrot.

Iris Neumann-Holbeck (48, Bild) ist Leiterin des Ronald McDonald Hauses – einem Ort, an dem Familien schwer kranker Kinder ein Zuhause auf Zeit finden. Von hier aus wird der Gedenktag seit 15 Jahren mitorganisiert.

Frage: Und wie lernen sie, damit zu leben?

Neumann-Holbeck: Da gibt es kein Patentrezept. Jeder muss seinen Weg finden – manchmal mit professioneller Hilfe.

Frage: Gibt es einen Trost?

Neumann-Holbeck: Nein. Der Tod eines Kindes gehört zu den schlimmsten Dingen, die Eltern erfahren können. Das ist einfach die falsche Reihenfolge. Mütter und Väter wollen ihren Nachwuchs begleiten und nicht zu Grabe tragen.

Frage: Was können Außenstehende tun?

Neumann-Holbeck: Zuhören. Viele Betroffene haben das Bedürfnis zu reden – und immer wieder ihre Geschichte zu erzählen. Auch das ist heilsam und befreiend für sie.

Frage: Wird es Sonntag bedrückend?

Neumann-Holbeck: Emotional. Aber wir möchten die Menschen mit einem Hoffnungsgedanken nach Hause schicken, ihnen vermitteln, dass es irgendwie weitergeht.

Frage: Irgendwie? Reicht das?

Neumann-Holbeck: Es ist wichtig daran zu glauben. Vielleicht mit Gottes Hilfe.

Frage: Und wer nicht an Gott glaubt?

Neumann-Holbeck: Der findet woanders Hilfe und Kraft – in Musik, einer Landschaft, Sternen am Himmel oder bei guten Freunden.

Frage: Beten Sie am Sonntag?

Neumann-Holbeck: Ja. Nachdem alle, die möchten, eine Kerze für ihre verstorbenen Kinder angezündet haben, wird die Pastorin einen Psalm und eine Geschichte lesen, es wird gebetet und gesungen. Und während der Predigt haben unsere Gäste Gelegenheit, den Namen ihres Kindes aufzuschreiben – auf einen Stern aus Papier oder einen Stein Dafür haben wir jedes Jahr ein Motto. Dieses Mal gibt es Schlüssel – zu unseren Herzen. Nach dem offiziellen Teil bleiben einige noch, essen zusammen, reden, tanken Kraft vor der Heimfahrt.

Frage: Kennen Sie die Teilnehmer?

Neumann-Holbeck: Viele haben bei uns im Ronald McDonald Haus gewohnt oder waren mit ihrem Nachwuchs im Kinderkrankenhaus. Wir schreiben jedes Jahr Menschen aus dem ganzen Weser-Ems-Gebiet an. Leider immer mehr. Dieses Jahr haben wir 250 Familien eingeladen. Aber nicht alle kommen – das ist meist ein bekannter Kreis. Einige haben auch noch nicht die Kraft zu einer öffentlichen Gedenkfeier zu gehen und stellen einfach für sich eine Kerze ans Fester.

Frage: Wie wichtig sind Gedenktage?

Neumann-Holbeck: Die sind sehr wichtig. Dazu gehören auch Geburts- und Tauftage des verstorbenen Kindes. Manche Familien laden dazu Freunde und Verwandte ein. Mit diesen speziellen Tagen wird den toten Kindern Raum gegeben.

Frage: Haben sie den nicht immer?

Neumann-Holbeck: Doch. Aber das Leben der Familien, ihr Alltag, muss ja weitergehen. Trotz Trauer und Verlust. Dieser Gedenktag soll auch daran erinnern, dass das verstorbene Kind lebendig bleibt in den Herzen der Angehörigen und sie nicht alleine sind.

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Lea Bernsmann Redakteurin / Redaktion Oldenburg
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