Oldenburg Als Figur kommt der Serienmörder Niels Högel in dem Theaterstück gar nicht vor. Selbst als Buchstabe nicht, denn der Titel „Der Fall H.“ wurde längst geändert. „Letztlich interessierte er uns nicht“, sagt Regisseurin Julia Roesler mit Blick auf den im Juni 2019 wegen 85 Morden zu lebenslanger Haft verurteilten Niels Högel. Erzählt wird eine Geschichte vom „Überleben“. So lautet der Titel des Dokumentarstücks der Göttinger „werkgruppe2“, das am Samstag (29. Februar) am Oldenburgischen Staatstheater Premiere hat. Die Schauspieler lassen stellvertretend Angehörige, Theologen, Pfleger, Ärzte, Psychologen und Historiker zu Wort kommen.

Der Ex-Pfleger Högel hatte seine Opfer zwischen 2000 und 2005 in den Kliniken Oldenburg und Delmenhorst mit Medikamenten zu Tode gespritzt. Als Roesler (41) und die Dramaturgin Silke Merzhäuser das Vorhaben Ende Oktober 2018 - nur eine Woche vor dem Beginn des Mammutprozesses gegen Högel am Landgericht Oldenburg - ankündigten, löste das vor allem Skepsis und Ablehnung aus. „Ich war einer der größten Kritiker dieses Projektes. Die Nerven lagen kurz vor dem Prozess blank“, erinnert sich Christian Marbach, dessen Großvater zu Högels Opfern gehörte. Den Projektmachern wurde Pietätlosigkeit vorgeworfen. „Wie kann man den Angehörigen das antun?“, „Da geht’s um Kommerzialisierung und Profit“, all das bekamen sie damals zu hören.

Die beiden Frauen wurden von den heftigen Reaktionen und dem „Medienrummel“ überrascht. „Wir wollten von Anfang an offen mit dem Projekt umgehen“, erinnern sie sich. Doch sie merkten, dass viele mit dem Begriff „Dokumentar-Theater“ nichts anzufangen wussten und es mit Unterhaltungsgenres wie Musical, Drama und Sensationstheater gleichsetzten. Weit gefehlt, aber dennoch war der Zeitpunkt der Ankündigung schlecht gewählt. „Wir haben gemerkt, wie viele Wunden da noch offen sind“, betont Merzhäuser.

Dass Angehörige wie Marbach sich dem Projekt dann doch öffneten und aus Überzeugung mitarbeiteten, liegt am dokumentarischen Ansatz des Stücks. Auf die Bühne kommen „100 Prozent Interview-Aussagen“. Viele Hundert Seiten wurden aus rund 25 Interviews transkribiert „mit allen Ähs und Öhs und grammatischen Unebenheiten“. Es geht um Authentizität. „Wir haben das auf 40 Seiten reduziert. Das ist schon sehr, sehr verdichtet“, sagt Roesler. „Um eine bessere Vorstellung zu bekommen, denkt man am besten an einen Dokumentarfilm.“

Betroffene kommen zu Wort, Fachleute suchen nach Erklärungen, ordnen ein, bieten Interpretationen an. Das Stück soll ein Beitrag zur Aufarbeitung und Erinnerung für das „Stadtgedächtnis“ von Oldenburg und Delmenhorst sein, wo Högel wehrlose Patienten in Kliniken umbrachte. Teil der Recherche war, den von 31. Oktober 2018 bis 6. Juni 2019 in die Weser-Ems-Messehalle verlegten Prozess zu besuchen, wo die Schauspieler die Aussagen Högels und die Hilflosigkeit oder demonstrative Verschlossenheit von Zeugen erlebten.

„Das Theaterprojekt sucht nach jenen Leerstellen, Lücken und ungehörten Erzählungen, die im strafrechtlichen Prozess keinen Raum finden, die jedoch wichtig sind, um das Geschehen begreifen, bewältigen und erinnern zu können“, heißt es in der Vorankündigung. Merzhäuser stellte fast mit Verwunderung fest, dass der „kollektive gesellschaftliche Schrecken“ über diese Mordtaten gar nicht so groß sei, wie er vielleicht sein sollte. Viele wollten sich nicht mehr mit dem Thema auseinandersetzen.

Sprachlosigkeit, Leere und Emotionen sind Bestandteile des Theaterstücks. Was nicht in Worte gefasst werden kann, versuchen Musiker mit eigens komponierten Stücken (Insa Rudolph) mit Saxophon, Trompete und Posaune auszudrücken. Auf der Bühne soll ein Dialog stattfinden zwischen Sprache und Musik.

Einen Gerichtssaal oder Klinikräume wird es im Kleinen Haus des Staatstheaters nicht geben. Auf der Bühne steht ein fünfeinhalb Meter hoher dreh- und begehbarer zweistöckiger Kubus, der Schauspielern und Zuschauern Perspektivwechsel ermöglicht. Vieles bleibt bewusst offen: „Man kann es drehen und wenden wie man will“, sagt Bühnenbildnerin Charlotte Pistorius (34). Auch der Kubus hat einen - architektonischen - Stadtbezug. „Es ist ein Hybrid aus verschiedenen öffentlichen Orten in Oldenburg.“

Marbach wird sich die Koproduktion von „werkgruppe2“ und Oldenburgischem Staatstheater am Samstag anschauen. Zur Premiere will dem Vernehmen nach auch Richter Sebastian Bührmann kommen, der Högel im Juni 2019 verurteilte und den Ex-Pfleger aus vielen langen Gerichtssitzungen kennt. Rechtsanwältin Gaby Lübben, die im Prozess Nebenkläger vertrat, bleibt skeptisch. „Mein Gefühl sagt mir: Es ist ein unpassender Zeitpunkt für das Theaterstück. Die Strafverfahren sind noch nicht abgeschlossen.“ Das stimmt, denn auch das Urteil gegen Högel vom Juni 2019 ist noch nicht rechtskräftig.

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