Oldenburg Als der Oldenburger Kunstmaler und Zeichenlehrer Adolf Niesmann 1934 sein Atelier- und Wohnhaus in Eversten bezog, erregte der Neubau großes Aufsehen in der Region. Vorausgegangen war 1922 die Gründung der „Vereinigung für Junge Kunst“, der es 1928 gelang, den Direktor des Bauhauses Dessau, Walter Gropius, für einen Vortrag über „Neue Baukunst“ nach Oldenburg einzuladen. Die 1931 im Augusteum veranstaltete Ausstellung „Die billige Wohnung“ führte zu Diskussionen über die Möglichkeiten modernen und preiswerten Wohnens.

Niesmann reiste im gleichen Jahr nach Dessau, um sich intensiver mit dem Bauhaus auseinander zu setzen und holte sich Anregungen für sein eigenes Atelierhaus. Erstmalig entstand 1933/34 ein kompromisslos modern durchgestalteter Bau nach den Richtlinien der Dessauer Bauhausschule in Oldenburg. Der lichtdurchflutete großzügige Atelierraum wurde mit industriell gefertigten Stahlrahmenfenstern versehen, während Wirtschafts- und Baderäume nur kleinräumig ausgelegt waren. Angeblich spiegelte diese Raumaufteilung Niesmanns Erfahrungen als U-Boot Fahrer im Ersten Weltkrieg wider, wo Funktionen auf ein räumliches Mindestmaß reduziert wurden. Alle vorgesehenen Baudetails, wie Türen, Fenster, Türklinken und Schlossbeschläge entstammten preiswerter serieller Fertigung.

Die Baugenehmigung für das von Adolf Niesmann und dem Architekten Friedrich Wietfeld entworfene Gebäude gestaltete sich nach dem Machtantritt der Nationalsozialisten schwierig. Der erste Bauantrag, der die Bedachung mit einem flachen Pultdach vorsah, wurde abgelehnt, da Flachdachbauten ein Indiz für den von den Nationalsozialisten unerwünschtem „International Style“ waren. In einem Gesuch an den damaligen Stadtbaurat Charton bestritt Niesmann ein auffälliges Flachdachhaus zu errichten, sondern verniedlichte sein Bauvorhaben als „bescheidenes Gartenhäuschen“. Pro forma machten Bauherr und Architekt eine besänftigende Zusage, später ein Pultdach nachzusetzen, was jedoch nie umgesetzt wurde.

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Niesmanns Atelierhaus blieb einzigartig in der Region, da im Zuge der Gleichschaltungsmaßnahmen der Nationalsozialisten die „Vereinigung für Junge Kunst“, der Niesmann und Wietfeld angehörten, aufgelöst wurde.

Bis heute ist das Haus in seiner Grundsubstanz erhalten geblieben. 1959 wurde für den gestiegenen Raumbedarf der Familie Niesman ein Erweiterungsbau errichtet, der das ursprüngliche Bauhauskonzept nur geringfügig beeinträchtigt. Das Atelierwohnhaus des Künstlers Adolf Niesmann ist ein entscheidendes Dokument für die Rezeption der Moderne im 20. Jahrhundert in Oldenburg.

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