Familienserie
„Anstrengend und wunderbar zugleich“

Musik spielt im Leben der achtköpfigen Familie eine große Rolle – und eine gute Organisation Ein Besuch bei Familie Freitag aus Oldenburg.

Bild: Anja Polaszewski
Finden es in der Küche am gemütlichsten (von links): die acht Freitags Louis (11), Alexander (17), Mama Anna (45) mit Josephine (5) auf dem Schoß, Papa Michael (46) mit Konstantin (7), Charlotte (14) und Nikolas (12)Bild: Anja Polaszewski
Bild: Anja Polaszewski
Michael Freitag schaut auf den vollen Jahreskalender: Termine und Veranstaltungen sind eng getaktet.Bild: Anja Polaszewski
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Oldenburg „Da fehlt doch was. Wer von euch war da dran?“ Anna Freitag inspiziert den selbstgebastelten Adventskalender in Tannenbaumform: Daran hängen vierundzwanzig weiße Säckchen mit jeweils sechs gleichen Kleinigkeiten für sechs Kinder. Mini-Lebkuchen und Zimtsterne, selbst gebacken. Oder besser: da hingen. Es war wohl ein Süßigkeitendieb am Werk. Die 45-Jährige schaut sich stirnrunzelnd um. Sechs Kinder und Jugendliche zwischen fünf und 17 Jahren gehen in dieser Küche ein und aus. Aber keiner war’s.

Es ist Sonntagnachmittag im Advent. Treffpunkt: Wohnküche. Hier ist es am wärmsten, hier duftet es, hier hat man einen guten Überblick. Sohn Alexander – der älteste der Freitagkinder – macht allen Erwachsenen und Fast-Erwachsenen Kaffee. Das scheint er oft zu machen; der Milchschaum jedenfalls sieht verlockend aus. Töchterchen Josephine malt ein Mandala-Bild aus.

„Wenn man zwei Kinder und einen Adventskalender hat“, holt Anna Freitag aus „und einer von beiden stibitzt etwas, weiß zumindest der Unschuldige, wer es war. Aber bei sechs ...“ Die studierte Juristin und gebürtige Hongkongerin lacht.

Ein Mädchen musste her

„Machst Du mir auch einen Kaffee?“, bittet Prof. Dr. Michael Freitag seinen Ältesten. Der 46-Jährige ist Leiter der Abteilung für Allgemeinmedizin an der Universität Oldenburg und praktizierender Arzt. Und sechsfacher Familienvater eben. „Wir wollten immer vier Kinder“, sagt er. Familienmutter Anna ergänzt: „Beim Studium in Heidelberg lernten wir uns kennen, heirateten bald und bekamen erst Alexander, dann Charlotte. Es folgten Nikolas und Louis.“ Sie schweigt lächelnd, dann ein dezentes Augenzwinkern. „Es musste aber noch ein Mädchen her. Nach Nummer fünf, Konstantin, kam eben Nummer sechs: Josephine.“ Sie schaut auf das Mandala-Bild. „Ich finde eine gerade Kinderanzahl gut, ungerade passt manchmal nicht. Zumindest dann, wenn sich zwei zusammentun.“ Michael Freitag nickt. Die beiden sprechen aus Erfahrung: Sie haben jeder zwei Geschwister.

Wie sieht so ein Arbeits-, Schul- und Kindergartentag im Leben dieser achtköpfigen Familie aus? „Unsere Charlotte steht meist morgens als erste auf; sie liebt es, Bad und Esszimmer für sich zu haben und verlässt überpünktlich das Haus.“ Anna Freitag lacht. Manchmal ist aber auch der Familienvater zuerst auf, „er geht am liebsten morgens laufen. Oder es ruft schon die Arbeit. Der Rest ist gegen sieben wach. Sie kleiden sich an, bereiten sich auf Schule und Kindergarten vor. Josephine helfe ich noch beim Anziehen.“ Und wer macht das Frühstück? „Sein Müsli mischt jeder selbst, die Pausenbrote übernehme ich.“ Mobil ist die gesamte Familie im „Familienauto“, einem Bus für acht Personen. „Es steht aber auch ein Kleinwagen für den Alltag bereit, weil ich oft nur mit einem oder zwei Kindern unterwegs bin.“

Die Freitags sind auf dem Sprung, doch von Eile merkt man nichts. „Es dauert nicht so lange, bis wir ausgehfertig sind“, sagt Michael Freitag. „Wir sagen allen etwa fünfzehn Minuten vor dem Aufbruch Bescheid, so hat jeder genug Zeit. Den vier Kleineren helfen wir dabei natürlich hier und da noch. Aber wir müssen täglich mehrmals aus dem Haus, haben da Routine. Pünktlichkeit ist uns wichtig.“ Am Spätnachmittag möchte die Familie ein Barockkonzert besuchen. „Das machen wir jetzt das dritte Jahr in Folge; es könnte sich zur Tradition entwickeln“, freut sich der Arzt.

Musik spielt im Leben der Familie eine große Rolle: Es wird gesungen und alle Kinder spielen ein Instrument, darunter Klavier, Cello, Bratsche. „Wir könnten eigentlich mal wieder ein kleines Hauskonzert veranstalten“, überlegt Anna Freitag laut.

Zu Weihnachten wird es gemütlicher zugehen als in den Jahren zuvor. „Letztes Jahr um diese Zeit waren wir gerade frisch eingezogen; die Farbeimer standen noch herum.“ Anfang 2015 kamen die Freitags nach Oldenburg. Station davor: fünf Jahre Weimar; dort kamen auch die beiden jüngsten Kinder zur Welt. Warum der Umzug? „Berufsbedingt“, klärt Michael Freitag auf, der eigentlich aus Rheinland-Pfalz stammt. „Es war auch nicht der Erste. Alle paar Jahre verschlug es uns in eine andere Universitätsstadt. Der letzte Umzug hatte es wirklich in sich, er war eine große Belastung für uns alle.“ Der Sechsfachvater lächelt. „Aber jetzt sind wir gekommen, um zu bleiben.“

Was steht an zu den Feiertagen im Hause Freitag? „Hmm“, macht Mama Anna. „Da ist gar nicht viel. Alle Kinder machen bei Konzerten mit.“ Das sei schon Aufregung genug … „Konstantin, lass bitte die Kerzen“, wird zwischendurch der Siebenjährige ermahnt. Der geht schnellen Schrittes in den Flur und bringt eine kleine schwarze Katze mit Wuschelfell an; sein Gesicht kuschelt ihres. „Paula ist eine Mischung aus Haus- und Kartäuserkatze“, klärt Anna Freitag auf. „Sie ist so kuschelig“, schwärmt der Zweitjüngste.

Schaut man sich im Haus der Freitags um, erblickt man erst einmal und vor allem: Holz und Naturfarben. „Wir orientieren uns am Waldorf-Modell, achten auch auf eine gesunde und wertvolle Ernährung.“ War das schon immer so? „Nur zum Teil“, erklärt Anna Freitag, schaut dann etwas ernster. „Bei Josephine wurde im Alter von drei Monaten eine schwere Erkrankung diagnostiziert.“ Es folgten zwei schwere Operationen. „Jetzt legen wir natürlich gesteigerten Wert auf gesunde Kost.“

Das hübsche Mädchen mit dem ihr eigenen skeptischen Blick nutzt eine Erzählpause, um zu fragen, ob die Besucherin mal den Dachboden sehen möchte … oder doch lieber zuerst ihr Kinderzimmer. „Wir haben viel zu tun im Haus“, sagt Anna Freitag und deutet beim Hinaufgehen auf die Treppenstufen. „Die werden gerade abgeschliffen.“

Im Kinderzimmer steht ein alter Kinderwagen, in dem einmal Josephine gelegen hat und der jetzt ein Puppenwagen ist. „Ich habe sie gerettet“, ruft da Konstantin aus dem Flur. Wie das? Anna Freitag streichelt ihrer Tochter übers wellige Haar. „Ja, das stimmt. Er ruckelte damals am Kinderwagen, Josephine fiel heraus und schrie, wie sie vorher noch nie in ihrem Leben geschrien hatte. Wir ließen sie im Krankenhaus untersuchen; dort entdeckte man die Krankheit.“ Was folgte, war eine harte Zeit für alle. „Konstantin war gerade zwei, und ich natürlich beim Baby. Die Familie musste sehr zurückstecken … Aber jetzt sind wir einfach nur glücklich, dass es glimpflich ausgegangen ist.“ Für die Lebenseinstellung der Freitags, für jeden Tag dankbar zu sein und sich an ihm zu erfreuen, spiele auch der Glaube an Gott eine bedeutende Rolle.

Platz zum Austoben

Wie gestaltet Familie Freitag eigentlich ihr Weihnachtsfest? „An Heiligabend gehen wir zuerst in die Kirche“. erzählt Anna Freitag. Und dann? „Gibt es lauwarmen Kartoffelsalat, und danach machen wir die Bescherung …“ Josephine hat es eilig, sie zieht uns noch weiter hoch.

Auf dem ausgebauten Dachboden haben es sich die 14-jährige Charlotte, der zwölfjährige Nikolas und der elfjährige Louis gemütlich gemacht. Die Jungs sitzen auf dem Boden und bauen mit Legosteinen, das Mädchen liegt bäuchlings auf einer Matratze. Josephines Augen glänzen: Ja, dieses riesige Kinderzimmer ist wirklich toll. „Die beiden Großen und die beiden Kleinsten haben je ein Zimmer für sich, die Mittleren können sich hier austoben“, erklärt Anna Freitag.

Zurück in der Küche und zum Thema Weihnachtsbräuche. „Nach dem Essen gehen die Kinder nach oben. Wenn ich auf dem Klavier ,Ihr Kinderlein kommet’ spiele, dürfen sie runter. Wir singen und musizieren dann noch eine Weile zusammen und lesen die Weihnachtsgeschichte. Erst danach folgt die Bescherung.“ Wie schaut es mit den Geschenken aus, wer bekommt wie viel? „Wir achten darauf, dass die Kinder nicht zu viel erhalten. Je weniger Spielzeug, desto größer die Fantasie“, sagt Anna Freitag lächelnd. „Einen Herzenswunsch erfüllen wir pro Kind, und jeder bekommt ein Buch.“ Mit den größeren Kindern gehen die Eltern außerdem Kleidung kaufen. „Sie dürfen sich ein Stück aussuchen, ansonsten kaufe ich Secondhand.“

Wirbelwind Konstantin ist wieder da, Paula noch immer im Arm. Süß, klein, kuschelig. „Was Kleines hatten wir ja immer“, scherzt Anna Freitag mit Blick auf die beiden. „Aber jetzt reicht es auch. Manchmal ist Großfamilie auch anstrengend und kann einem schon zuviel werden. So viele Termine, Papierkram, Dinge zu erledigen ...“ Ihr Mann nickt und betont: „Ohne gute Organisation und Planung funktioniert es nicht.“ Also keine Nummer sieben? Beide schütteln den Kopf.

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