Oldenburg Das Aufwärmprogramm schlaucht. Medizinbälle fliegen durch die Luft, erste Schweißperlen tropfen von der Stirn. In der Ecke liegt ein Sack mit Boxhandschuhen. „Jeder zieht jetzt ein Paar an“, sagt Heidi Hartmann kurz und knapp, die elf Männer folgen ihr. „Open your hands“, ruft sie Amjad zu, den sie für das Sparring ausgewählt hat. Deutsch mischt sich dabei mit ein paar Brocken Englisch und Arabisch. Amjad, ein 26-jähriger Syrer, öffnet seine Hände und demonstriert mit der Trainerin die erste Übung.

Gegen die Langeweile

In der kleinen Halle neben dem Marschwegstadion kommen die Männer gehörig aus der Puste. Doch anders als auf der strapaziösen und gefährlichen Flucht aus Syrien oder Afghanistan boxen sie sich hier freiwillig durch. Gelegenheit dazu bietet ihnen der Verein für Traditionellen Budosport (VTB). „Kickboxen für Flüchtlinge und Asylbewerber“ nennt sich das Projekt, das der Landessportbund (LSB) fördert und der Verein gemeinsam mit der Interkulturellen Arbeitsstelle (IBIS) umsetzt.

„Die Sportart spricht die jungen Männer an, doch die Hemmschwelle in einen Verein zu gehen, ist natürlich groß“, berichtet Hartmann. Die ehemalige Box-Weltmeisterin begrüßt die Initiative des LSB: „Solche Angebote sind wichtig gegen die Langeweile in den Flüchtlingsunterkünften.“ Das bestätigt Ismael. Der 20-Jährige flüchtete vor knapp einem Jahr aus Syrien nach Oldenburg. „Ulf hat mich damals angesprochen und gesagt, ich soll mal zum Training kommen“, berichtet der Syrer. Ulf, mit Nachnamen Mohrmann, nickt. Er arbeitet für Ibis und betreut die Gruppe mit Hartmann: „Es ist wichtig, auf die Leute zuzugehen, da sie sich in einer fremden Umgebung erst einmal zurechtfinden müssen.“ Diese Aufgabe hat Ismael inzwischen mit übernommen. „Das ist hier wie eine Familie“, sagt er und wirbt auch bei seinen Mitbewohnern für das Angebot des VTB. Doch unter sich bleiben sollen die Flüchtlinge hier nur im ersten Vierteljahr.

Kein Verein im Verein

„Nach Abschluss des Projektes im Dezember können sie in unseren regulären Gruppen trainieren“, berichtet Hartmann. Sie sollen sich schließlich nicht abkapseln und keinen Verein im Verein bilden. Einen ähnlichen Ansatz verfolgen auch die Fußballer des Post SV. In der zweiten Mannschaft kicken seit einigen Monaten Mustafa (25) und Gazman (23) mit. Die beiden Albaner streifen in der zweiten Kreisklasse das gelbe Post-Trikot über. „Mit der Verständigung war es am Anfang schwierig, aber es klappt jetzt besser. Die anderen sehen, dass man mit uns Fußball spielen kann“, erzählt Mustafa, der in Albanien in der 3. Liga die Schuhe schnürte. Dass Flüchtlinge und die oft sehr traditionellen Vereine sich erst einmal beschnuppern müssen, räumen alle ein. Aber das ist kein Grund, nicht aufeinander zuzugehen, meint Markus Emlich.

Soziale Aufgabe

Der Sozialwart der Alexandersfelder ist zugleich Mitspieler von Mustafa und Gazman. „Der Post SV liegt in direkter Nachbarschaft zu den Kommunalen Gemeinschaftsunterkünften am Fliegerhorst. Wir haben nicht nur eine sportliche, sondern auch eine soziale Aufgabe“, sagt er. Eine reine Migranten-Mannschaft wollte der Club aber nicht aufbauen: „Wir haben uns ganz bewusst dazu entschieden, die Flüchtlinge in unsere bestehenden Mannschaften zu integrieren.“ Der Sport, da sind sich alle einig, kann dabei helfen, sich in einer noch fremden Gesellschaft besser zurechtzufinden und den Alltag zu meistern. Katharina Lück spricht aus langjähriger Erfahrung: „Flüchtlinge finden bei uns schnell Anschluss“, erzählt die Integrationsbeauftragte des Vereins für Boxsport, der sich seit Langem um die Integration in der Stadt verdient macht. Sportler aus rund 20 Nationen kommen beim VFB zusammen. Trotz mancher Sprachbarriere funktioniert die Verständigung dem Vernehmen nach gut. „Sport schafft Verbindungen zwischen Menschen und baut die Anonymität ab“, appelliert Lück an andere Vereine, ebenfalls auf Flüchtlinge zuzugehen.

Die Sprache sollte dabei kein Hindernis bilden, betont Heidi Hartmann: „Man muss ja beim Sport gar nicht so viel reden, um sich zu verständigen.“

So sieht es auch Mustafa, der Kicker vom Post SV: „Fußball ist doch international.“

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