Oldenburg „Ich möchte auch mal“, meldet sich Kylie Hillebrecht bei ihrem Vater, der gerade den 3,5 Meter langen Glasfaserstab festhält. Gespannt hat die Sechstklässlerin, die am Mittwoch ihren zwölften Geburtstag feierte, ihre ein Jahr ältere Schwester Yentamie bei einigen Sprüngen auf den Mattenstapel beobachtet – und buchstäblich zu ihr aufgeschaut. Denn beim Stabhochsprung geht es hoch hinaus.

Ihr Vater und Betreuer der Gruppe ist Martin Hillebrecht vom DSC. „Ich hatte das schon viel länger vor“, sagt der 52-jährige Leichtathletiktrainer und Leiter des Hochschulsports Oldenburg, doch zunächst trainierte er beim DSC Mehrkämpferinnen und Sprinterinnen. Das Projekt „Stabhochsprunggruppe“ vorangetrieben hat dann vor etwa zwei Jahren Steffen Kosian – denn der 51-jährige Kardiologe hat ebenfalls zwei sportbegeisterte Töchter.

„Die Mädels haben gerne Hochsprung gemacht und sind gute Turnerinnen – da dachte ich, Stabhochsprung wäre eine gute Idee“, erzählt Kosian. Er rief bei Hillebrecht an, sie trafen sich zu einer Probestunde. Den Mädchen hat das gefallen: „Papa hat das vorgeschlagen – es macht wirklich Spaß“, sagt Ketlene Terwey (15). Die zwei Jahre jüngere Edline pflichtet ihr bei: „Martin macht das super.“ Auch die Schwestern sind beim DSC, ihr Vater hat inzwischen einen Trainerschein gemacht. „Ich musste – meine Töchter haben gesagt, ich hätte keine Ahnung“, sagt Kosian lachend.

Schlechte Bedingungen

Kylie hat sich den Stab geschnappt, läuft einige Schritte an und bugsiert ihn in den Einstichkasten im Hallenboden. Dann springt sie ab und verharrt in der sogenannten C-Position, während Kosian sie etwas am Rücken anschiebt und ihr Vater sie am Stab in Richtung Matte zieht. „Aggressiv – der Stab muss sich biegen“, spornt Hillebrecht seine Tochter an. Ziel dieser Jagodin-Übung ist, kraftvoll in den Stab hineinzuspringen. „Für die Jagodins ist es von Vorteil, dass wir zwei Trainer sind“, sagt Kosian, „und für das Auf- und Abbauen auch.“

Da die Voraussetzungen für Stabhochsprungtraining in Oldenburg nicht optimal sind, trainiert die Gruppe eher unregelmäßig. Im Sommer übt sie im Marschwegstadion, im Winter geht es nur donnerstags in der Halle an der Brandenburger Straße und am Wochenende nach Absprache. Dann versucht Hillebrecht, Hallenzeiten an der Uni zu bekommen – wie auch während der Semesterferien. „Wenn wir diese Möglichkeit nicht hätten, könnten wir das gar nicht machen“, sagt er.

Aufgrund der unregelmäßigen Trainingszeiten sind einige Athleten nicht immer dabei. „Gerade für die Jüngeren ist das neben der Schule und anderen Aktivitäten schwierig“, bedauert Kosian, dessen Töchter zum Beispiel auch noch in der Akrobatikgruppe Green Spirits aktiv sind. Neben den vier DSC-Schülerinnen sind Simon Drab (16) und Julia Freund (14) vom SV Friedrichsfehn sowie Klaas Meier (13) vom BTB fester Teil der Gruppe. Und wenn sie es mit den Arbeitszeiten ihres Freiwilligen Sozialen Jahres beim Hochschulsport vereinbaren kann, ist auch Friedelinde Petershofen dabei.

Allerdings nicht mehr lange: Im Sommer will die 18-Jährige ein Studium beginnen – am liebsten in einer Stadt mit besseren Trainingsbedingungen. „In Leverkusen sind zum Beispiel mehrere Stabhochsprunganlagen, die immer aufgebaut sind“, weiß Petershofen. Trotzdem ist sie auch traurig, ihren Trainer und die Vereinskameraden zu verlassen. „Ich finde die Gruppe cool“, sagt die Oldenburgerin, die am Sonntag mit 3,90 Metern Platz drei bei den Deutschen Hallenmeisterschaften der U 20 belegte, und ergänzt: „Die anderen sind zwar etwas jünger, aber sie sind alle nett – und wir helfen uns gegenseitig.“

Mädchen feiern Erfolge

Das hat auch den Nachwuchs-Springerinnen zu Erfolgen verholfen: Bei den Landesmeisterschaften in der Halle wurde Edline Terwey im Januar mit 2,30 Metern Zweite der Altersklasse W 14, auf Rang drei folgte Yentamie Hillebrecht mit 2,20 Metern. Nur Carolin Meyer vom MTV Holzminden sprang zehn Zentimeter höher als Edline, die mit ihrer Höhe noch nicht ganz zufrieden war – sie will 2,50 Meter springen. „Das schaff’ ich bald“, ist sie optimistisch. Dieselbe Höhe, die immerhin schon fast halb so hoch ist wie der Frauen-Weltrekord (5,06 Meter) der Russin Jelena Issinbajewa, will auch Yentamie überqueren. „Und ich will den Stab beim Anlauf oben tragen“, gibt sie als Ziel für die Freiluft-Saison an.

Dafür muss die 13-Jährige noch etwas trainieren, derzeit schiebt sie ihr Sportgerät noch vor sich her. „Stabhochsprung ist sehr anspruchsvoll“, erklärt ihr Vater, der früher die Latte jenseits der fünf Meter überflog. Den Männer-Hallenweltrekord verbesserte der Franzose Renaud Lavillenie jüngst auf 6,16 Meter.

„Man braucht an die zwei Jahre, um die Technik vernünftig zu lernen“, so Hillebrecht. Über weitere Interessierte würden sich die beiden Trainer freuen. „Wir machen das vereinsübergreifend“, betont er, „wer Lust hat, ist herzlich willkommen.“ Mitbringen sollte man etwas Kraft und Schnelligkeit. „Und man darf keine Angst haben“, ergänzt Kosian. Die hat Yentamie sicher nicht, als sie zum letzten Sprung des Tages anläuft, sich über die sogenannte „Zauberschnur“ schwingt und aus gut zwei Metern auf dem Mattenstapel landet.

Mathias Freese Redakteur / Sportredaktion
Meine Themen: Verpassen Sie keine für Sie wichtige Meldung mehr!

So erstellen Sie sich Ihre persönliche Nachrichtenseite:

  1. Registrieren Sie sich auf NWZonline bzw. melden Sie sich an, wenn Sie schon einen Zugang haben.
  2. Unter jedem Artikel finden Sie ausgewählte Themen, denen Sie folgen können.
  3. Per Klick aktivieren Sie ein Thema, die Auswahl färbt sich blau. Sie können es jederzeit auch wieder per Klick deaktivieren.
  4. Nun finden Sie auf Ihrer persönlichen Übersichtsseite alle passenden Artikel zu Ihrer Auswahl.

Ihre Meinung über 

Hinweis: Unsere Kommentarfunktion nutzt das Plug-In „DISQUS“ vom Betreiber DISQUS Inc., 717 Market St., San Francisco, CA 94103, USA, die für die Verarbeitung der Kommentare verantwortlich sind. Wir greifen nur bei Nutzerbeschwerden über Verstöße der Netiquette in den Dialog ein, können aber keine personenbezogenen Informationen des Nutzers einsehen oder verarbeiten.