Oldenburg Es läuft die Nachspielzeit in Rehden, Freistoß an der Torauslinie für den VfB, Süleyman Celikyurt führt aus, Kifuta Kiala Makangu steigt in der Mitte hoch und provoziert ein Eigentor des hinter ihm einlaufenden Michael Wessel. „Der Ball hat meinen Kopf gestreichelt“, diktiert Kifuta später auf seine sympathische Art in den NWZ-Notizblock. Der Torjubel bleibt den Oldenburgern am vergangenen Donnerstag aber erst einmal im Halse stecken, weil der Schiedsrichter das Nachholspiel der Fußball-Regionalliga nicht wieder anpfeift und der Gegner das Spiel knapp mit 3:2 gewinnt.

Eigentlich durften die Protagonisten des letzten Treffers aber doch ein wenig lächeln und tun es aktuell auch relativ häufig. Vor einigen Monaten hätten nämlich viele nicht geglaubt, dass Celikyurt und Kifuta an diesem Tag gemeinsam an einem Torerfolg beteiligt sein sollten.

Karriereende droht

„Dieser Dreier gehört zur Hälfte auch der medizinischen Abteilung“, sagte VfB-Coach Stephan Ehlers schon drei Tage vor dem Spiel in Rehden. Seine Mannschaft hatte gerade durch ein 1:0 gegen Altona 93 eine lange Durststrecke im heimischen Marschwegstadion beendet. Torschütze an diesem Ostermontag war Kifuta.
Der Vollblutstürmer dürfte aber nicht vornehmlich wegen seines Treffers gern an diesen 2. April 2018 zurückdenken. Der 30-Jährige durfte an diesem Tag nämlich das erste Mal nach ganz langer Zeit wieder das tun, was er am liebsten macht: Mit der Startelf auf den Platz marschieren und auf Torjagd gehen.
Nach einem Kurzeinsatz im Derby am 18. März gegen Jeddeloh (1:3) stand Kifuta gegen Altona 80 Minuten auf dem Feld. Und das war alles andere als selbstverständlich. Denn dem Angreifer drohte lange ein vorzeitiges Karriere-Ende. Das zumindest war die landläufige Meinung.
Dr. Björn Jespersen indes hatte die klar gegenteilige Ansicht. „Kifuta wird wieder spielen“, erklärte der Mediziner, der sich seit dem vergangenen Herbst ehrenamtlich als Teamarzt des VfB engagiert.
„Wenn man so viele Ausfälle zu beklagen hat, kann das nicht nur Pech sein“, meinte Ehlers, als er im November über die neue medizinische Versorgung sprach, mit der die große Zahl an Verletzten, die der VfB schon längere Zeit zu beklagen hatte, eingedämmt werden sollte.
Ein zu lösendes Problem war der Wildwuchs, den Ehlers vorfand, als er im August Dietmar Hirsch als Trainer ablöste. Anders als früher, als Verein, Trainer und Spieler zum Beispiel lange Teamarzt Dr. Albrecht Glüse vertrauten, ließen sich die Akteure in der jüngeren Vergangenheit von vielen verschiedenen Medizinern auf eigene Faust behandeln. „Teilweise in ihren Heimatstädten“, sagte Ehlers kopfschüttelnd: „Da fehlt einem als Trainer der Überblick.“

Momente der Hoffnung

Nun laufen die Fäden seit einigen Monaten bei Jespersen zusammen. Ein Profiteur ist Kifuta, dessen mehr als eineinhalb Jahre lange Leidensgeschichte nun hoffentlich ad acta gelegt ist. Nachdem er 2015/2016 mit 16 Toren maßgeblich dazu beigetragen hatte, dass der am Ende hinter dem VfL Wolfsburg II (79 Punkte) zweitplatzierte VfB (74) lange vom Drittliga-Aufstieg träumen durfte, verdammten den Stürmer hartnäckige Knieprobleme nahezu eine ganze Saison lang zum Zuschauen.

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Momente der Hoffnung gab es im vergangenen Juli. Beim 2:0-Pokaltriumph gegen Drittligist SV Meppen feierte Kifuta sein Comeback. Dem Acht-Minuten-Einsatz gegen den Erzrivalen aus dem Emsland folgten mehr als 20 weitere Minuten vier Tage später beim Pokal-Aus bei Oberligist SC Spelle-Venhaus (1:2).

Im VfB-Lager herrschte Zuversicht, dass der abschlussstarke Kongolese die Lücke im Sturm schließen könnte. Doch auf weitere Einsätze warteten Trainer, Mitspieler und Fans lange vergeblich. Der Knorpelschaden, der den Angreifer außer Gefecht gesetzt hatte, war noch nicht Geschichte.

Es folgten weitere Monate der Rehabilitation, doch wirklich besser wurde die Situation nicht. Das fragile Knie reagierte bei nachhaltiger Belastung. „Das war keine einfache Zeit, weil man nicht weiß, wie und ob es weitergeht“, erinnert sich Kifuta – und der sonst stets gut aufgelegte Fußballer wirkt dabei nachdenklich. Der Kopf spielt bei einer so langen Ausfallzeit eine große Rolle.

Rückblickend hatte der VfB dann das Glück, in Dr. Jespersen einen neuen Mannschaftsarzt zu finden, der so gar nicht in das allgemeine Wehklagen über die Verletzungsprobleme einstimmen wollte. Stattdessen nahm der Mediziner einen Eingriff an Kifutas Knie vor und arbeitete in der Folge nicht nur im physischen, sondern auch im mentalen Bereich sehr intensiv mit dem unglücklichen Fußballer. Darüber hinaus wurde der Stürmer natürlich auch physiotherapeutisch intensiv betreut.

„Wir sind dem Doc unglaublich dankbar. Ganz ehrlich, er war zeitweise der einzige, der total überzeugt war, dass Kifu wieder spielen wird“, erinnert sich Ehlers. „Diese Zuversicht war dann schon ansteckend – und als Kifu wieder ins Lauftraining eingestiegen ist, war ich auch sicher, dass er wieder spielen würde“, ergänzt der Trainer.

Und das tat der Publikumsliebling. Dass Kifuta beim ersten Startelf-Einsatz in der Regionalliga nach fast genau zwei Jahren gleich gegen Altona das goldene Tor erzielte, ließ die blau-weiße Gemeinde umso mehr frohlocken.

Besagtes 2:3 beim BSV Rehden (von dem Club dort war Kifuta im Winter 2015 zum VfB gekommen) war zwar sportlich ein Dämpfer, aber am vergangenen Sonntag im Heimspiel gegen die um den Aufstieg mitspielende U 23 des VfL Wolfsburg war der Stürmer wiederum entscheidend am nächsten Punktgewinn auf dem Weg zum Klassenerhalt beteiligt. Der 30-Jährige holte kurz vor Schluss den Elfmeter heraus, den Teamkollege Ahmet Saglam kurz vor Schluss zum 1:1-Endstand verwandelte.

„Kifu ist ein echter Qualitätsstürmer“, sagt Ehlers. „Als ich im Herbst zum VfB kam und im Training erstmals Kifu ein Tor machte, da wusste ich: Das ist ein Goalgetter“, meint Celikyurt, der als etatmäßiger Standardschütze eher für die Vorlagen zuständig ist. Der zentrale Mittelfeldspieler hat aber auch schon selbst getroffen – und das spektakulär.

Nachdem er gut zwei Wochen zuvor aufgrund besagter Verletzungsmisere nachverpflichtet worden war, verwandelte er im Heimspiel gegen Eutin eine Ecke direkt zum 4:0-Endstand, verlängerte aber wenig später die Ausfallliste des VfB. Bei der folgenden 0:6-Pleite beim Hamburger SV zog sich der 28-Jährige einen Kniescheibenbruch zu. Im Umfeld wurde direkt befürchtet, das der gebürtige Osteroder bis Saisonende fehle.

„Neid von Proficlubs“

Falsch gedacht. Dank der Hilfe von Jespersen kehrte Celikyurt deutlich schneller wieder auf den Rasen zurück. „Um unsere medizinische Abteilung, mit Dr. Jespersen und unseren Physiotherapeuten Andreas Haas und Yannick Horn wird uns mancher Proficlub beneiden“, meint Ehlers, der mit dem VfB an diesem Mittwoch um 19 Uhr bei Eintracht Braunschweigs U23 antritt, und schätzt sich glücklich, sich auf die Fachleute im Team hinter dem Team verlassen zu können.

Selbstverständlich ist deren Wirken übrigens nicht. Jes­persen etwa engagiert sich ehrenamtlich für den VfB, obwohl er sonst keineswegs unausgelastet ist. Hauptberuflich betreibt der Facharzt für Orthopädie und Unfallchirurgie seit vielen Jahren eine eigene Praxis an der Hauptstraße in Eversten. Natürlich freuen sich auch seine Frau und die drei kleinen Kinder, wenn er mal „nur“ Ehemann und Vater sein kann.

„Manchmal ist das schon ein schwieriger Spagat, aber die Arbeit beim VfB macht mir natürlich auch Spaß – und wenn es sich dann so auch auszahlt wie jetzt bei Kifuta oder Süleyman, ist es umso schöner“, sagt der Mediziner, der ein Beispiel dafür ist, dass im übertragenen Sinn durchaus auch ein Mannschaftsarzt Tore schießen kann.

Jan-Karsten zur Brügge Redakteur / Sportredaktion
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