Oldenburg Abschalten, entfliehen, ablenken: Während die Corona-Krise Deutschland jetzt schon seit rund einem Monat lahmlegt und dafür gesorgt hat, dass der organisierte Sportbetrieb gestoppt und abgebrochen wurde oder in den Sommer-Disziplinen nicht starten kann, suchen viele in der individuellen Bewegung Ablenkung. Insbesondere Sportlerinnen und Sportler, die im Gesundheitswesen ihr Geld verdienen und hier schon oder wahrscheinlich bald direkt von den Auswirkungen der weltweiten Pandemie betroffen sind, ist es nicht nur eine Möglichkeit, um fit zu bleiben. Sie können beim Sport das Corona-Thema, das momentan den Arbeitsalltag bestimmt, eine gewisse Zeit hinter sich lassen, auf andere Gedanken kommen und so ihre Arbeitskraft erhalten.

„Wenn wir eine komplette Ausgangssperre hätten und ich nicht mehr aufs Rad steigen könnte, würde ich wohl durchdrehen“, erzählt Dr. Ralf Heinzel, der beruflich als chirurgischer Oberarzt im Pius-Hospital tätig ist und sportlich vor einigen Jahren den Cyclo-Cross für sich entdeckt hat: „Das ist so das letzte Stück Normalität, was geblieben ist und dadurch ein guter Ausgleich in der derzeitig mental doch sehr belastenden Situation.“

Für den 56-Jährigen, der früher auch Vorsitzender des Oldenburger Marathonvereins war, verlaufen die Arbeitstage in diesen Tagen ungewohnt ruhig. „Das ist derzeit eine ganz komische Stimmung“, sagt er mit Blick darauf, dass im Pius der normale Betrieb einschließlich Operationen ordentlich runtergefahren wurde, um für den Ernstfall mit einer großen Welle an Corona-Patienten gewappnet zu sein.

„Als man uns den Sichtungsbereich gezeigt hat, wo die Verdachtsfälle erst einmal untersucht wurden, hat mich das ganz schön beeindruckt“, erzählt Heinzel: „Weil man das sonst nur aus Katastrophengebieten kennt – das hat mich auch lange beschäftigt.“

Noch nie habe er sich in seinem Leben so über Langeweile gefreut, betont der Mediziner, den es gruselt beim Gedanken, irgendwann einmal in die Situation zu geraten, eine Triage – also die Auswahl von Patienten bei zu knappen Ressourcen – durchführen zu müssen. Umso wichtiger sei es deshalb für ihn momentan, regelmäßig aufs Rad zu steigen, um den Kopf frei zu bekommen.

Angenehmer Nebeneffekt der ganzen Situation sei, das die Straßen deutlich leerer sind. „Derzeit relativiert sich einiges. Es gibt einfach Wichtigeres als Wettkampfsport“, sagt Heinzel und ergänzt: „Auch wenn es für manche Veranstaltungen natürlich eine Katastrophe ist“.

Ben Reipöler

Auch für Ruder-Ass Ben Reipöler, der in Dortmund eine Ausbildung zum Rettungssanitäter absolviert, da er später Medizin studieren möchte, geht es derzeit eher ruhiger zu. Nach einem Praktikum im Krankenhaus wäre er in diesen Tagen in der Ruhrmetropole mit dem Krankenwagen unterwegs gewesen. Doch alle Praktikanten wurden bis auf Weiteres vom Dienst freigestellt. Der Nationalkader-Ruderer ist wieder zu Hause in Oldenburg.

„Durch meinen Einsatz im Krankenhaus sehe ich die ganze Situation schon etwas rationaler, da ich nicht nur die Infos aus den Medien habe“, sagt der 19-Jährige vom Oldenburger Ruderverein (ORVO): „Aber trotzdem ist da als Rettungssanitäter eine gewisse Unsicherheit, da man sich bei jedem Patienten, den man fährt, fragt ob er eventuell Corona hat.“

Da Training am Olympiastützpunkt zeitweise überhaupt nicht und auch nach einer ersten Lockerung vorerst nur für Spitzenkader-Athleten möglich ist, zeigt sich Reipöler nicht ganz unglücklich darüber, wieder zurück in Oldenburg zu sein. „Ich will mir gar nicht vorstellen, wie das ist, nur eine Wohnung zu haben und nur Home-Workouts machen zu können“, sagt der 19-Jährige, der kurzerhand den elterlichen Garten zum Freiluft-Fitness-Studio umfunktioniert hat.

Neben Lauftraining an jedem zweiten Tag kann er auch das Rudern direkt simulieren, da er vom ORVO einen Ergometer bekommen hat. Da es auch hier für ihn wichtig ist, möglichst an der frischen Luft zu trainieren, hat der Ergometer auf dem Balkon Platz gefunden.

„Ich bin dem Verein sehr dankbar, dass er mir Ergometer und Langhantel zur Verfügung gestellt hat. Dadurch kann ich halbwegs normal trainieren und mich von der ganzen Situation ablenken“, sagt Reipöler und fügt hinzu: „Länger auf dem Ergometer zu fahren, ist zwar recht stumpf, aber gut zum Abschalten. Danach geht es mir auch jedes Mal besser.“

Von Normalität ist auch Leichtathlet Adham Hess zurzeit weit entfernt. Einerseits ist richtiges Sprinttraining aktuell nicht möglich, andererseits hat sich auch der Arbeitsalltag des Physiotherapeuten stark verändert. Da sein Arbeitgeber, das Reha-Zentrum Oldenburg, aktuell weit entfernt von einem Normalbetrieb ist, gibt es für die Therapeuten nicht so viel zu tun, so dass sie in anderen Arbeitsbereichen aushelfen.

Für den Sprinter vom Bürgerfelder TB bedeutet das, dass er in den nächsten Wochen den Pflegekräften zur Hand gehen wird. Es ist eine völlig neue Erfahrung für den 33-Jährigen, der als Asthmatiker zu einer der Corona-Risikogruppen gehört und vor knapp zwei Jahren selbst auch schon unschöne Erfahrungen mit einer Lungenentzündung gemacht hat.

„Als das ganze mit Corona so richtig los ging, hatte ich schon so meine Bedenken, da mich die Lungenentzündung damals ganz schön aus der Bahn geworfen hat. Das muss ich nicht noch einmal haben“, sagt Hess. „Natürlich grübelt man, wenn dann mal ein Patient Symptome hat“, ergänzt der BTB-Athlet.

Auf seiner Station fühlt er sich durch die Schutzmaßnahmen, die das Personal ergreift, allerdings relativ sicher. „Hier weiß ich, womit ich es zu tun habe. Bei den Therapien kann ich immer nur hoffen, dass der Patient nicht infiziert ist“, sagt Hess und fügt hinzu: „Man kann dem Ganzen nicht entfliehen, aber die Stimmung unter Patienten und Kollegen ist noch gut. Dies und das gute Wetter helfen ungemein.“

Wie viele andere Sportlerinnen und Sportler rechnet er nicht mehr wirklich mit Wettkämpfen in diesem Jahr. „Weil man nicht weiß, wofür man trainiert, ist es etwas schwer, sich zu motivieren und zu quälen. Deshalb macht man nur das Notwendigste, um sich abzulenken und Grundlagen zu schaffen, falls es doch noch Wettkämpfe geben sollte“, erzählt der in Sao Paulo geborene Leichtathlet, der sich mit Joggen, Treppenläufen, turnerischen Übungen sowie Krafttraining mit dem eigenen Körpergewicht fit hält: „Es gehört ja zu meinem Job, andere Leute wieder fit zu kriegen – das kommt mir nun für mich selbst sehr zugute.“

Auch American-Football-Spielerin Madeleine Precht von den Oldenburg Coyotes muss sich derzeit an ein neues Arbeitsumfeld gewöhnen. Die Operationstechnische Assistentin arbeitet normalerweise im Orthopädischen-OP des Pius-Hospitals. Aktuell wird sie aber im Sichtungsbereich der Notaufnahme eingearbeitet, um auf alle Eventualitäten vorbereitet zu sein, falls es zu einem starken Anstieg der Zahl von Covid-19-Patienten kommt.

„Zuletzt habe ich vor etwa acht Jahren während der Ausbildung in der Notfallambulanz gearbeitet. Da muss ich nun erst einmal wieder reinkommen“, betont die 29-Jährige. Es gelte, einige Abläufe zu üben, „die im Fall der Fälle in Fleisch und Blut übergegangen sein müssen“.

Trotz der angespannten Situation versucht die Defensiv-Spezialistin aus dem Zweitliga-Team der Coyotes, positiv zu bleiben. „Natürlich macht man sich Gedanken um Freunde und Verwandte. Obwohl es ja hauptsächlich um die chronischen Kranken geht, ist niemand vor einem schweren Verlauf gefeit“, meint die Football-Spielerin: „Ich habe die Situation akzeptiert und halte mich an die Verhaltensregeln, um andere und mich selbst zu schützen. Irgendwann kommen auch wieder andere Zeiten.“

Um die Abwehrkräfte zu stärken und sich auf eine eventuell noch zu spielende Saison vorzubereiten, achtet sie auf eine gesunde Ernährung und geht neben Yoga und Ganzkörperkrafttraining in den eigenen vier Wänden mittlerweile vermehrt joggen. „Das habe ich zuvor eher unregelmäßig gemacht, da das nicht so ganz mein Ding war“, erklärt die 29-Jährige: „Im Urlaub in Vietnam habe ich zudem damit angefangen, das mit Treppenläufen zu ergänzen – eine sehr schweißtreibende aber auch effektive Trainingsmethode.

Die Abwehrchefin der Coyotes hat auch eine etwas andere Art des Teamtrainings angeregt. Am Karfreitag gab’s für alle interessierten Footballerinnen und Footballer aus dem GVO-Sportpark quasi per Videokonferenz erstmals eine gemeinsame Krafteinheit nur mit dem eigenen Körpergewicht. „Sport ist schon eine positive Bereicherung in diesen Zeiten“, sagt Precht: „Auch wenn man erstmal kaputt ist, hat man nach dem Training immer wieder ein Glücksgefühl – was sehr wichtig ist.“

Jan-Karsten zur Brügge Redakteur / Sportredaktion
Meine Themen: Verpassen Sie keine für Sie wichtige Meldung mehr!

So erstellen Sie sich Ihre persönliche Nachrichtenseite:

  1. Registrieren Sie sich auf NWZonline bzw. melden Sie sich an, wenn Sie schon einen Zugang haben.
  2. Unter jedem Artikel finden Sie ausgewählte Themen, denen Sie folgen können.
  3. Per Klick aktivieren Sie ein Thema, die Auswahl färbt sich blau. Sie können es jederzeit auch wieder per Klick deaktivieren.
  4. Nun finden Sie auf Ihrer persönlichen Übersichtsseite alle passenden Artikel zu Ihrer Auswahl.

Ihre Meinung über 

Hinweis: Unsere Kommentarfunktion nutzt das Plug-In „DISQUS“ vom Betreiber DISQUS Inc., 717 Market St., San Francisco, CA 94103, USA, die für die Verarbeitung der Kommentare verantwortlich sind. Wir greifen nur bei Nutzerbeschwerden über Verstöße der Netiquette in den Dialog ein, können aber keine personenbezogenen Informationen des Nutzers einsehen oder verarbeiten.