Oldenburg /Potsdam Mit einem Ruck stemmt sie den langen Fiberglas-Stab in die Höhe und rennt los. Elf Schritte. Sie zielt mit dem Stab in den Einstichkasten und schwingt sich in Richtung Hallendecke. Elegant manövriert sie sich über die Latte. Friedelinde Petershofen jubelt, als sie wieder Boden unter den Füßen hat. Die Stabhochspringerin hat 4,33 Meter überquert. Persönliche Bestleistung.

Angezogene Handbremse

„Das war der Hammer. Das war gefühlt das erste Mal, dass ich so richtig hoch gesprungen bin“, sagt die Oldenburger Nachwuchssportlerin des Jahres 2013, die in Potsdam wohnt und trainiert. Die 4,33 Meter meistert sie im Januar bei einem Meeting in Zweibrücken. Nur fünf deutsche Frauen springen in diesem Jahr in der Halle höher. Eine Woche später überfliegt Petershofen 4,31 Meter beim Springen im SternCenter, einem Einkaufszentrum in Potsdam.

Beide Leistungen hat die 21-Jährige quasi mit angezogener Handbremse erreicht – genau wie die 4,30 Meter bei der deutschen U-23-Meisterschaft im Sommer, die den Titel und die Kadernorm bedeuteten. Die Leichtathletin hat – im wahrsten Sinne – noch Luft „nach oben“.

Vor zwei Jahren zog Petershofen nach Potsdam. „Hauptsächlich wegen des Sports“, sagt die ehemalige Athletin vom Deutschen Sport Club. 2014 hatte sie im roten DSC-Dress mehrmals an den vier Metern „gekratzt“ und war damit bereits eine der besten jugendlichen Stabhochspringerinnen Deutschlands gewesen. „Und dann ging es darum: Sport oder nicht. Sport war immer mein Leben. Ich wollte Sport auf Leistung machen“, hatte Petershofen beschlossen.

Die Bedingungen dafür sind in Potsdam super: Optimale Anlagen, sie wird von ihrem früheren U-20-Kadertrainer Stefan Ritter gecoacht, und das Lehramtsstudium (Biologie und Sport) lässt sich gut mit den Trainingseinheiten verbinden. „Ich strecke das aber, weil ich zweimal am Tag trainiere“, erklärt Petershofen.

Das ist ein ordentliches Pensum, sollte sie bald feststellen. „Ich habe vorher ja echt wenig trainiert“, blickt sie zurück auf die lediglich vier bis fünf Einheiten pro Woche: „Aber ich bin da gut reingekommen. Und ich wurde superlieb aufgenommen. Das Trainergespann ist super auf mich zugeschnitten“, erklärt sie: „Mir wurde alles sehr einfach gemacht.“

In ihrem ersten Wettkampf nach dem Wechsel springt sie 3,90 Meter, bald darauf knackt sie die Vier-Meter-Marke. „Echt gut, so kurz nach dem Trainerwechsel“, meint Petershofen, die 2015 erstmals bei der DM der Frauen starten darf: „Ein echtes Highlight.“ Das zweite folgt kurz darauf – der erste Start im SternCenter („Da bin ich in das internationale Feld reingerutscht“), bei dem sie ihre Bestmarke auf 4,15 Meter schraubt.

Zurück auf Null

Diese Höhe springt sie auch in der Freiluftsaison. „Ich hatte vorher im Sommer immer Probleme mit dem Wind, das war jetzt besser“, berichtet sie. Ergebnis: Platz drei bei der U-23-DM, die Norm für die EM dieser Altersklasse (4,25) nicht erreicht. Dennoch: Ein gutes Jahr, denn „das war ja eigentlich nur zum Gucken“.

Nach fünfwöchiger Pause trainiert Petershofen noch intensiver, verlängert den Anlauf auf 16 Schritte. Im ersten Wettkampf im Dezember zahlen sich die Mühen aus. „Der erste Sprung war so hoch! Das war richtig krass. 3,95 Meter zwar nur, aber gefühlt war ich einen halben Meter drüber“, berichtet Petershofen.

Doch dann lief plötzlich nichts mehr. „Wir haben den Anlauf wieder gekürzt, Einstich-Übungen gemacht – die absoluten Basics. Ich musste wieder bei Null anfangen“, erzählt die Oldenburgerin. Eine Erklärung hat sie nicht. Nur langsam kommt sie wieder rein – und springt mit kurzem Anlauf 4,33 Meter. Ein versöhnliches Ende eines eigentlich verkorksten Winters.

Und auch der Sommer lief nicht rund: In der Uni stand wöchentlich Judo und Schwimmen auf dem Plan. „Ich habe das Training trotzdem komplett durchgezogen. Das war zuviel. Ich stand nie richtig fit am Start“, meint Petershofen, die aus der Saison 2016, die durch den U-23-Titel und die Kadernorm noch „halbwegs gerettet“ ist, viel gelernt hat.

Jetzt soll es deshalb auch erst richtig losgehen: „Das Wichtige kommt erst noch“, blickt Petershofen zuversichtlich in die Zukunft. Mit gutem Grund. Nicht nur lief die ganze Saison suboptimal, zudem hat sie den Trainingsrückstand zu ihren Potsdamer Kolleginnen noch immer nicht aufgeholt. „Ich hänge immer noch hinterher. Das ist aber normal, nach zwei Jahren“, sagt die Oldenburgerin.

Fernziel Tokio 2020

Das Ende der Fahnenstange ist also noch nicht erreicht. „Nächstes Jahr möchte ich 4,50 Meter springen, und bei der U-23-Europameisterschaft eine Medaille holen“, formuliert die 21-jährige Athletin ambitionierte, aber realistische Ziele für 2017. Und das Fernziel? „Wäre schon Tokio“, huscht ihr der Austragungsort der Olympischen Spiele 2020 vorsichtig, aber bestimmt über die Lippen: „Das wird sicher hart, aber ich freue mich auf die Herausforderungen. Nach Potsdam zu gehen, war die richtige Wahl.“

In ihrer Heimat an der Hunte ist Petershofen noch etwa fünfmal im Jahr. Dann besucht sie auch gerne ihre früheren Trainer beim DSC, Martin Hillebrecht und Stephan Böckmann: „Ein kleines Stückchen Oldenburg steckt immer in mir“, sagt sie.

Mathias Freese Redakteur / Sportredaktion
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